Büro- und Gewerbegebäude in Frankfurt / Main

Zu neuen Ufern

Verlassene Hafengebiete bergen oft Altlasten, die nicht so leicht aus dem Weg zu räumen sind. Für die Neuplanung am Westhafen musste die Kohleandienung für das nahe gelegene Heizkraftwerk einbezogen werden. Dadurch ergab sich für die fünf Bürohäuser ein fast neun Meter hoher Sockel, den die Architekten mit einem markanten V-Stützen-Tragwerk betonen. Abandoned dock areas often contain dangerous waste materials which are difficult to remove. For the replanning of the West Dock the coal delivery area for the neighbouring power station had to be integrated. For the five point blocks this resulted on the water side in a nine meter high plinth, which the architects emphasize with a striking V-support structure.

Text: Claus Käpplinger

Fotos: Jörg Hempel
Es tut sich viel entlang des Frankfurter Mainufers: Schlachthof, Osthafen, Universitätsklinikumsufer und nicht zuletzt der Westhafen haben offenbar unbeschadet von der derzeitigen Immobilienkrise ihre Interessenten gefunden. Die amerikanische unter den deutschen Städte, die sich ständig neu zu erfinden sucht und stetig in die Höhe wächst, hat offenbar die Liebe zu ihrem Fluss neu entdeckt. Was Anfang der achtziger Jahre mit den Museumsuferbauten begann, dann zehn Jahre später zu ersten Masterplänen für einen ehrgeizigen Stadtumbau der alten Hafen- und Gewerbefläche entlang des Mains führte, scheint nun Realität zu werden.
Nur wenige hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt ist das ehemalige Westhafen-Gelände zurzeit wohl die prominenteste Baustelle der Stadt. Eine knallrote Info-Box wie sie einst am Potsdamer Platz in Berlin stand, weist hier – zwar verkleinert und von der Horizontalen in die Vertikale gedreht – unmissverständlich auf den Ehrgeiz des Projektes Westhafen hin. Till Schneider und Michael Schumacher, Architekten der Berliner als auch der Frankfurter Info-Box, haben mit drei Bauten, unter anderem dem kristallinen »Maintower«, den Anfang gemacht und dort auch im facettierten »Brückenhaus« ihr Büro bezogen.
Konzeptionell und konstruktiv auffallend sind ihre Projekte, stets etwas verspielt, aber nie selbstbezogen, wie auch ihr jüngster Bau das »Westhafen Pier« am anderen Ende des Westhafens, an der Main-Neckar-Eisenbahnbrücke. Wie die gespreizten Finger einer Hand weisen die fünf Büroriegel über einer monumentalen Plattform auf den Main. Ihre Fassaden ähneln der Faltung eines Akkordeons oder der einer Balkenkamera. Dieses Gestaltungselement bewirkt die deutliche Ausrichtung zum Fluss. Silbern glänzend über dem schweren Betontragwerk aus V-förmigen Stützen erscheint das »Westhafen Pier« wie ein Amalgam verschiedener Bauwelten.
Weniger Designerkreativität als vielmehr das ungewöhnliche Grundstück am Fluss mit ebenso ungewöhnlicher Umgebung haben die gleichzeitig befremdende wie Neugier weckende Architektur maßgeblich präfiguriert. Denn das fast 200 Meter lange, unregelmäßige Grundstück liegt genau neben dem imposanten Heizkraftwerk West, das über das Grundstück hinweg vom Fluss aus mit Kohle versorgt wird. Um diesen (unverzichtbaren) Kohlekanal herum war der Neubau zu konzipieren – auf der einen Seite mit dem schönsten Flusspanorama der Stadt gesegnet, auf der anderen Seite mit Schwerindustrie konfrontiert.
Zu einer überzeugenden Lösung fanden Schneider + Schumacher erst, nachdem sie aufgaben gegen den Kanal zu arbeiten und ihn einfach als fait complit in ihren Entwurf integrierten. Sie ließen ihn In einem hohen Sockelkörper verschwinden und bauten die Bürohäuser einfach darüber. Flussseitig verbergen sich hinter dem Arkadengang mächtiger V-Stützen zwei Parkgeschosse sowie ein Bürolager, durch die der Kanal schneidet. Straßenseitig – zum Kraftwerk – zeigen sich hingegen nur zwei gekoppelte, verglaste Geschosse für Geschäfts- und Gastronomienutzungen, unterbrochen von den architektonisch stark reduzierten Treppen- und Fahrstuhltürmen der Bürohäuser, versehen mit einer feinen Streckmetallverkleidung.
Mit dem mächtigen Sockelkörper und seiner durchgehenden Plattform schufen sich Schneider + Schumacher die Basis für die Konstellation ihrer viergeschossigen Riegel, die jeweils für sich dem gekrümmten Grundstückszuschnitt Rechnung tragen. Zwischen 35 bis 56 Meter Länge variieren die fünf 13,50 Meter breiten Riegel, die in ihren unterschiedlichen Winkelstellungen dank mächtiger, nicht sichtbarer Träger bis zu sechs Meter über die Plattform auskragen.
Ein Maximum an Flusspanorama für jeden Mitarbeiter zu schaffen, war bei der Gestaltung der Bürofassaden ein wichtiges Kriterium, was den Architekten mit den ausgestellten Wandscheiben gelang. Mit präzise gefalteten Aluminiumpaneelen verkleidet, die als umlaufende Rahmenwerke ausgebildet wurden, verleihen sie den Häusern mit ihren scharfen Kanten einen beeindruckend schwerelosen Charakter. Selten wurde ein Gebäude dieser Tage so konsequent auf seine Uferlage hin konzipiert, selten boten sich so viele unterschiedliche Perspektiven auf das Wasser. Die Zwischenräume auf der Plattform sind zu kurzweiligen, begrünten Pausenhöfe gestaltet. Aus den verglasten Verbindungsspangen zwischen den Riegeln, die zurückgesetzt weder von der Straße noch vom Fluss kaum sichtbar sind, ergeben sich wieder neue spannende Ausblicke. Darüber verzeiht man gern, dass die gegenüberliegende Seite aus Gründen des Brandüberschlags mit gedämmtem Profilglas milchig trübe in den Raum hineinwirkt.
Die gläsernen Stirnseiten der Riegel bieten zum Wasser wie zum Heizkraftwerk faszinierende Panoramen. Ohnehin scheint die metallene Hülle gut mit dem technischen Großkörper des Heizkraftwerks zu korrespondieren. Das »Westhafen Pier« vermittelt ganz ohne Anbiederung zwischen Vergangenheit und Zukunft des Ortes. Ein Angebot, das bereits viele Interessenten fand, wenn auch bis zu 700 qm große Büroetagen selbst in Boomtown Frankfurt heute nicht leicht ihre Mieter finden. C. K.
Bauherr: Großbaum Grundstücksgesellschaft Architekten: Schneider + Schumacher, Frankfurt am Main Mitarbeiter: Matthias Hohl, Wolfram Welding (Projektleitung) Michaela Artus-Kraft, Miriam Baake, Susanne Burchardt, Andreas Fuchs, Martin Koschlig, Bernward Krone, Miriam Schneider, Karoline Sievers, Daniel Widrig, Heiko Wüstefeld, Anke Wollbrink Tragwerksplanung: Schwarzbart + Partner, Frankfurt am Main Haustechnik: Schindler Ingenieurgesellschaft, Dietzenbach Brandschutz: Büro Sesselmann, Mainz Fertigstellung: 2003