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Zeitschichten

Büroporträt
Zeitschichten

Zwar nimmt die Zahl der Architekten zu, die im Bestand oder in der Denkmalpflege arbeiten, unbemerkt davon aber haben sich schon vor Jahren Büros etabliert, die ihre Hauptaufgabe im Erhalt schützenswerter Bauten sehen. Die langjährige Erfahrung und das spezielle Wissen des Berliner Büros werden von anspruchsvollen Bauherren besonders geschätzt. Notwithstanding that architects occupied with refurbishment or conservation have increased in number, there are practices which almost unnoticed have for years specialized in the preservation of interesting buildings. With its experience over many years and for its specialized knowledge the Berlin office is particulary valued by discriminating clients.

Text: Jürgen Tietz

Fotos: Wolfgang Reusch Zeichnung: David Hoolly, Gerd Thomas Mader
Die Architektur der Moderne des 20. Jahrhunderts ist noch nicht lange im Blickwinkel der Denkmalpflege. Erst als durch Umbauten und Abrisse deutlich wurde, dass auch ihre Bauten gefährdet sind, begann sich der Umgang zu ändern. Zu den Vorreitern einer denkmalgerechten Erhaltung von Bauten der Moderne gehört der Architekt Helge Pitz. Ende der siebziger Jahre untersuchte und restaurierte er gemeinsam mit seinem damaligen Büropartner Winfried Brenne die Onkel-Tom-Siedlung von Bruno Taut in Berlin-Zehlendorf. Eine systematische Untersuchung der Denkmale durch bauge- schichtliche Erforschung und umfassende Dokumentation, wie sie damals an der Taut-Siedlung vorgenommen wurde, kennzeichnet auch heute die Arbeit des Büros von Helge Pitz, der inzwischen mit der Kunsthistorikerin Christine Hoh-Slodczyk zusammenarbeitet. Denn nur auf Grundlage einer detaillierten Kenntnis des Bestandes ist es möglich, eine denkmalgerechte Handlungsstrategie im Umgang mit Denkmalen zu entwickeln. Diesen Ansatz haben Pitz und Hoh inzwischen bei zahlreichen Denkmalen umgesetzt. Dazu gehört auch die Instandsetzung zweier Inkunabeln der Moderne: der Einsteinturm von Erich Mendelsohn in Potsdam sowie das Haus Schminke von Hans Scharoun in Löbau.
Beide Projekte wurden im Auftrag der Wüstenrot Stiftung verwirklicht. Im Gegensatz zu anderen Denkmal-Stiftungen belässt es die Wüstenrot Stiftung nicht allein bei einem finanziellen Engagement. Sie tritt gemeinsam mit dem Denkmaleigentümer als Bauherr auf und bleibt damit an der Umsetzung der Instandsetzungen beteiligt. Dabei erweisen sich viele ihrer Denkmal-Engagements als Pilotprojekte mit Forschungscharakter, etwa, wenn neue Techniken für eine substanzschonende Instandsetzung Anwendung finden. Ziel der von der Stiftung geförderten Instandsetzungen ist es, »ein Maximum an Originalsubstanz unter Berücksichtigung der Spuren der gesamten Bau- und Nutzungsgeschichte« zu bewahren. So selbstverständlich diese Handlungsmaxime klingt, so wenig ist sie Standard in der denkmalpflegerischen Praxis. Diskutiert und überwacht werden die Maßnahmen durch einen Fachbeirat. Den Abschluss der Instandsetzungen bildet eine umfassende wissenschaftliche Dokumentation, durch die auch künftig die einzelnen Maßnahmen am Denkmal nachvollziehbar bleiben.
Erich Mendelsohns Potsdamer Einsteinturm (1920/21) erwies sich auch für Pitz und Hoh als eine Herausforderung. Sein komplexes Schadensbild ist dabei eng mit seiner Baugeschichte und seinen späteren Beschädigungen und Überformungen verknüpft. Erste Schäden traten bereits 1924 auf, nur wenige Jahre nach Fertigstellung des expressiven Baudenkmals. Feuchtigkeit im Untergeschoss, Rostbildung an Eisenträgern sowie Risse im Beton machten 1927/28 eine erste Sanierung notwendig. Kurze Zeit später begann die Feuchtigkeit erneut durchzuschlagen, so dass 1940/41 eine weitere Abdichtung des Untergeschosses vorgenommen werden musste. Den Beschädigungen durch eine Luftmine folgten nach dem Zweiten Weltkrieg Reparaturen nahezu im Zehnjahrestakt, wobei die vorgenommenen Eingriffe freilich nicht immer zum Nutzen des Bauwerks waren. Zu den bleibenden Ursachen der Schäden am Einsteinturm gehört seine Mischbauweise aus Beton und Mauerwerk. Während der eigentliche Turm bis zum abschließenden Betonkranz, auf dem die Kuppel aufliegt, konventionell gemauert wurde, sind die Anbauten im Erdgeschoss in Beton ausgeführt. Die unterschiedlichen Materialien sowie Wanddicken zwischen 30 cm und 180 cm begünstigen thermische Spannungen. Riss- bildungen und eindringende Nässe waren die Folge. Erst durch schrittweise Untersuchungen wurde bei der Instandsetzung durch Pitz und Hoh ein Weg gefunden, wie mit dem Denkmal zu verfahren sei. Eine Arbeit wie »an einer modernen Bauhütte«, so Helge Pitz. Dazu gehörte neben Sicherung und Reparatur der Betonkonstruktion unter anderem auch die detailgetreue Kartierung und Datierung der Putze, die von Gert Mader und David Hoolly durchgeführt wurden. Sie ermöglichte eine Entscheidung über den weitgehenden Erhalt und die teilweise Erneuerung des Putzes. Unter dem hellockrigen, durch Befunde belegten Anstrich blieben seine Beschädigungen und Reparaturen als Alterungsspuren weiterhin erkennbar. Ein Katalog von Wartungsmaßnahmen warnt zukünftig rechtzeitig vor gravierenden Schädigungen der Denkmalsubstanz.
Nach Entwurf von Hans Scharoun entstand 1932/33 im sächsischen Löbau das Wohnhaus der Fabrikantenfamilie Schminke. Wie schon am Einsteinturm lieferten Pitz und Hoh auch hier in Zusammenarbeit mit der Wüstenrot Stiftung ein Beispiel für vorbildliche Denkmalpflege. Das Wohnhaus besitzt mit seinen weit in die Gartenlandschaft hinausragenden, dreieckig zulaufenden Balkonen ein beeindruckendes Motiv moderner Architektur. Wie die Decks eines Schiffes sind sie mit einer Treppe mit Metallgeländer verbunden. Etwas Schiffartiges besitzt auch die Gliederung des Grundrisses: Einer großzügigen Halle schließt sich ein zu drei Seiten hin verglaster lichter Wohnraum an, der in einen luftigen Wintergarten mündet. Das Obergeschoss birgt dagegen die kabinenartigen Schlafräume für Eltern und Kinder sowie ein Gästezimmer. Als Wohnhaus diente Haus Schminke der Familie bis 1945, dann kamen Kindergruppen aus Dresden zur Erholung, 1951 FDJ und Junge Pioniere. Heute ist es als Haus der Begegnung ein sozialer und kultureller Mittelpunkt Löbaus und der Umgebung.
Ausgehend von der vorhandenen Substanz des Gebäudes haben Pitz und Hoh das Denkmal schonend hergerichtet. So wurden die schmalen Stahlrahmen der Einfachverglasung von Fenster und Türen im eingebauten Zustand aufgearbeitet. Der Originalputz der Fassade wurde gereinigt und lediglich an den beschädigten Stellen ausgebessert. Die am Art Deco angelehnte Innendekoration hat sich dagegen nur fragmentarisch erhalten: Mit den Tapeten war die Farbigkeit der Wände komplett verloren gegangen. Geblieben waren mit Türen, Möbeln und Beschlägen jedoch große Teile der wandfesten Ausstattung. Entsprechend einer bestandsorientierten Denkmalpflege wurden diese Teile sorgfältig aufgearbeitet. Auf eine Rekonstruktion des ursprünglichen Erscheinungsbildes der Räume wurde verzichtet. Sie hätte dem denkmalgerechten Umgang mit den Zeitschichten eines Denkmals widersprochen und einen vermeintlichen Urzustand nach Gutdünken erfunden. Pitz und Hoh wählten für das Innere des Hauses eine neutrale weiße Wandfarbe und einen zurückhaltenden hellgrauen Linoleumboden, unter dem im Obergeschoss der zerbrechliche, originale Gummiboden des Flures geschützt erhalten geblieben ist.
Die Arbeiten von Pitz und Hoh stehen beispielhaft für eine differenzierte denkmalpflegerische Herangehensweise. Im Zentrum steht die genaue Erforschung und Erhaltung der vorhandenen Denkmalsubstanz. Dazu gehört auch, nicht einem verlorenen Idealbild nachzueifern, sondern die unterschiedlichen Zeit- und Nutzungsschichten als Teil des Denkmalwertes zu akzeptieren und zu bewahren. Dieses denkmalpflegerische Instrumentarium ist nicht allein bei Bauten der Moderne anwendbar. Anschaulich wird dieser zurückhaltende Ansatz bei einem preisgekrönten Projekt von Pitz und Hoh, dem Lutherhaus in Wittenberg, in dem der Reformator seit 1511 lebte. Seit 1996 gehört es als Teil der Luthergedenkstätten zum Welterbe. Wie bei einem aufgeschlagenen Geschichtsbuch zeigen sich den Besuchern an der Westfassade des Lutherhauses die unterschiedlichen Strukturen und Fragmente von Verputzen, die vom 16. Jahrhundert bis in die neunziger Jahre des 20 Jahrhunderts reichen und Zeugnis von der bewegten Geschichte des Denkmals ablegen. Diese Geschichtsspuren wurden von Pitz und Hoh in die neue Eingangs- und Treppenhalle integriert, mit der am Lutherhaus nachdrücklich unterstrichen wird, dass sich der Respekt vor dem Denkmal mit einer qualitätvollen zeitgenössischen Architektur verbinden lässt. J. T.
Architekten: Pitz & Hoh, Werkstatt für Architektur und Denkmalpflege, Berlin Christine Hoh-Slodczyk, Helge Pitz Mitarbeiter: Thomas Tritschler
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