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Zeichen der Zeit

Die Akzeptanz eines Baustoffes – mag er noch so alt und bewährt sein – ist immer wieder Schwankungen unterlegen. Die Gründe dafür liegen in technischen, kulturellen oder auch politischen Entwicklungen. Heute sind es die neuen Entwurfsmethoden am Computer, die vielen Architekten suggerieren, dass steinernes Fassadenmaterial den modernen Bauaufgaben nicht gewachsen sei. Der Autor stellt klar, dass sich gerade der Ziegel jeder Zeit anpassen kann. Acceptance of a building material – however old and proven – is allways subject to variation. Causes are technical, cultural and often political in nature. Nowadays the new computerized design procedures suggest to many architects that stone as a material for façade is not adequate to modern construction requirements. The author makes it clear that brick in particular is adaptable to every age.

Fragt man junge Menschen, welche Rolle Kirche und Religion in ihrem Leben einnehmen, wird man eine Vielzahl von Antworten erhalten, die der Institution kaum Bedeutung einräumen. Mit der geringen Zustimmung konfrontiert, wird ein Geistlicher, dem wir auf dem Petersplatz begegnen, uns mit leicht überlegenem Augenaufschlag erklären, die Kirche sei nun über zweitausend Jahre alt. Da spielten kurzfristige Schwankungen in Zustimmung oder Ablehnung keine Rolle. Diese Antwort könnte man auch jenem geben, der fragt, warum der Ziegelstein in der aktuellen Architekturströmung keine Rolle spielt. Man wird zurücklehnend entgegnen können, dass ein Material, das immer wieder zu den beliebtesten Baustoffen gezählt hat, auch eine kleine Dürreperiode wie diese überstehen wird.

Der Karlsruher Architekturhistoriker Manfred Klinkott bezieht sich auf eine solche Situation in einem 1981 verfassten Artikel »Backsteinbauten Karl Friedrich Schinkels und das Werk seiner Schüler«. Darin beschreibt er, wie Schinkel eine neue Epoche von Ziegelsteinarchitektur ins Leben ruft. »Obwohl Berlin und Brandenburg im Mittelalter beachtliche Leistungen der Backsteinbaukunst hervorgebracht hatten, war seit der Renaissance die Ziegeltechnik vernachlässigt worden. Man hatte sich daran gewöhnt, die Wände zu verputzen.« Der Architekt, dem als Alternative nur der aufwändige Einsatz von Werksteinen übrig blieb, musste diese mit großem Aufwand aus Schlesien, Thüringen oder Sachsen herbeischaffen. Schinkel sah im Backstein die Möglichkeit, ökonomisch große Wandflächen zu errichten. Mit dem Entwurf der Bauakademie gelang es ihm, die Vorteile der Ziegelkonstruktion publik zu machen, die – wie Klinkott schreibt, »den angestrebten Leistungsstand von Ziegelfabrikation und Handwerkskunst darstellen sollte. Erst Jahrzehnte später ist mit der Erfindung der Ziegelpresse, den gleichmäßig temperierten Gasbrennöfen dieser Vorgriff erreicht und für die allgemeine Gebrauchsarchitektur nutzbar gemacht worden.«
Den Ziegel hält der Architekt im 19. Jahrhundert wie ein Pfarrer seine Bibel in der Hand. Erst mit den großen Werkbundausstellungen in Stuttgart, Wien oder Prag büßt er seine Vorherrschaft zu Gunsten des glatten weißen Putzbaues wieder ein. Erinnern wir uns: Noch im Jahre 1924 zeigte Mies van der Rohe seinen Entwurf für ein Landhaus in Backstein auf der »Großen Berliner Kunstausstellung«. Bis heute ziert dieses Beispiel eine der Stationen der Entwicklungslinien der Moderne. Dazu zählen natürlich auch die Faguswerke in Alfeld an der Leine von Walter Gropius, errichtet im Jahre 1913. Beide Bauten können wir gut und gerne auf den Erb-lasser Schinkel zurückführen.
Aber selbst, als viele Architekten den Ziegel nicht mehr sehen wollten, in der kühlen Moderne der zwanziger und frühen dreißiger Jahre, war er präsent: unsichtbar unter den weißen Putzen. Da diese gerade noch die Zeit der Präsentationsfotografie überstanden, weil ihrer lumpigen Konstruktion der Begriff der Dauerhaftigkeit fremd war, sieht man bereits geraume Zeit später, wie die Ziegelsteine unter dem Rock des Putzes hervorlugen. Es ist bekannt, dass konservative Architekten, etwa die des »Blockes«, zu dem sich Paul Schmitthenner zählte, sich diesen Umstand dankend für die Vorlesung zunutze machten, indem sie die Bauschäden der Moderne als Beweis für ihre Untauglichkeit heranführten. Schmitt- henner liebte die materialgerechte Verwendung des Backsteines. Für ihn war die Scharfkantigkeit des Steins, wie es bei Schinkel der Fall war, nicht das Wichtigste. Die bescheidenen, der Tradition verpflichteten Gebäude sah er gerne mit einer Schlämme überputzt, die das Muster des Ziegelsteines durchschimmern ließen. Diese Technik gestattet den Einsatz unregelmäßiger Steine, wodurch auch neues Mauerwerk die Anmutung des bereits Dagewesenen erhält.
Damit haben wir drei Varianten von Mauerwerk beschrieben, die in ihrem Erscheinungsbild ganz wesentlich den Charakter von Gebäuden bestimmen. Einmal wird der Backstein zum Vorboten einer exakten und berechenbaren Konstruktionsmethode, die ihre ästhetischen Reize aus einer ingenieurnahen Betrachtungsebene bezieht. Dann ist es ein günstiges Baumaterial, dessen gestalterische Qualität zweitrangig ist, weswegen man es zugunsten eines gewünschten entmaterialisierten Erscheinungsbildes mit Putz übertüncht. Und schließlich eignet sich das Material sehr gut für Bauaufgaben, bei denen das Zusammenspiel kultureller Gegebenheiten eine gewichtige Rolle spielt. Für alle drei Methoden kann man zahllose Beispiele aus der Baugeschichte anführen, was zeigt, dass der Backstein zwar kurzfristigen Moden unterliegen kann, dass diese aber nurmehr kleine Amplituden in einer über mehrere Jahre sich darstellenden Linie sind. Ein Spaziergang durch das antike Rom offenbart diese These: Unglaublich schönen, ebenen und gekrümmten Wandflächen steht man da gegenüber. Ihre gestalterische Qualität beziehen sie natürlich auch aus dem Alterungsprozess, dessen Wirkung uns heute besonders anzusprechen vermag. Vergessen wir aber nicht, dass auch das 17. und 18. Jahrhundert eine besondere Liebe zu den durch Verwitterung und Reparatur gezeichneten Oberflächen entwickelte, derer sich die Malerei mit einem ganz eigenen Genre bediente.
Es ist gut möglich, dass die beschriebene Qualität, die an vielen alten Bauten wahrnehmbar ist und die das Prädikat einer ästhetischen Nachhaltigkeit beinhaltet, zahlreiche Architekten beeinflusst hat: Lewerentz zum Beispiel, der die Kirche St. Markus in Stockholm aus rauen und grob verfugten Ziegelsteinen errichtete. Bei uns kann man Bienefeld, Döllgast oder Stephan dazuzählen, nicht zu vergessen die von Wiedemann wiederaufgebaute Glyptothek, die er im Inneren mit einer zarten weißen Schlämme übertüncht hat.
Die von Schinkel gewünschte Kühle und Klarheit findet vor allem in der Industriearchitektur großen Anklang und das auch in einer Zeit, in der die Moden dem Stein nicht so zugeneigt sind. Selbst als die moderne Architektur als entartet gewertet wird. Fritz Schupps und Martin Kremmers Zeche Zollverein 1928 – 32 zählt zu der ersten Gruppe. Beide Architekten sind im Dritten Reich an der Planung der Volkswagenfabrik (mit Mebes und Kohlbecker) beteiligt. Ohne Zäsur bleibt der Stein für spätere Industriebauten vorherrschend: Bei Mies genauso wie bei den Fabrikgebäuden von Arne Jacobsen.
Natürlich, um bei Schinkel zu bleiben, ist es nach wie vor reizvoll, große Wandflächen aus Ziegel zu gestalten, um daraus monolithische Körper zu erreichen, wie das von Höger bis Kollhoff der Fall ist. Aber lassen wir nicht außer Acht, dass die Mehrheit an Ziegelsteinen, die heute verbaut werden, ihr Dasein unter Schichten von Thermohäuten fristet. Das sind ungeheure Mengen von Material, für das es zwar Alternativen gibt, wie zum Beispiel Steine aus Betongemischen oder dem Kalksandstein. Aber was nun Architekten wirklich mehr interessiert, ist die sichtbare Vermauerung der Steine.
Man könnte die Frage, warum die Begeisterung für den Ziegel momentan nicht mehr so groß ist, leicht damit abtun, dass die bauphysikalischen Bedingungen den Umgang mit sichtbarem Mauerwerk nicht gerade begünstigen. Das stimmt aber nicht ganz. Denn in den späten siebziger Jahren, noch mehr im darauf folgenden Jahrzehnt, gab es eine wahre Flut von Ziegelarchitektur. Was alleine während der IBA in Berlin an gebrannten Steinen gebaut wurde, würde heute jedem Baustoffhändler das Herz höher schlagen lassen. Architekten, die sich der Materialgerechtigkeit verpflichtet fühlten, schimpften damals über die Ziegelfassaden. Da handele es sich ja lediglich um vorgehängte Fassaden, also um so etwas wie Tapeten. Eine Wand aus Ziegelsteinen sei doch eigentlich eine tragende Konstruktion. Merkwürdig: Glasfassaden oder solche aus Metall hängen ja auch vor dem Tragwerk. Wieso kann der Stein dann nicht vorgehängt werden? Ich habe diese Diskussion nie ganz verstanden, denn man kann ja auch umgekehrt fragen: Welches Material ist grundsätzlich geeignet, um eine nicht tragende Fassade zu ermöglichen? Da würde sicher der Ziegelstein eine Rolle spielen. Das Material ist dauerhaft und außerordentlich robust. Man kann einzelne Stellen, sollten sie einmal beschädigt sein, unbedenklich reparieren. Das ist ja bei großflächigen Sandwichplatten gewiss nicht immer der Fall. So stellt man bei Bauten der siebziger Jahre fest, dass die Elemente, die damals dem neuesten Stand der Technik entsprachen, heute nicht mehr zu haben sind und damit eine Sanierung in Teilen gar nicht mehr möglich ist.
Nein, eigentlich hat das alles nichts mit dem geringeren Zuspruch zu tun, der offensichtlich die Architekten der jüngeren Generation betrifft. Es könnte aber sein, dass ein bislang noch nicht dagewesenes Phänomen die Ursache dafür ist: Schaut man in die Bauge- schichte der letzten beiden Jahrhunderte zurück, so sind diese geprägt durch einen an das Material gebundenen Entwurf. Die Architektur kommt vom »Machen« her. Man wusste, was der einzelne Stoff leisten konnte und hat daraus die Gestalt und Form entwickelt. Im Entwurfsunterricht der ersten Semester, der bestenfalls gleichzeitig die Unterrichtung in Baukonstruktion mit einschloss, lernte man ein kleines Haus in Stein, dann in Holz, dann in Stahl zu zeichnen. Die digitalisierte Welt hat den Entwerfer vom Machen getrennt. Der Prozess am Bildschirm unterscheidet sich von der klassischen Methode. Nicht mehr das Material und dessen Fügung steht im Vordergrund, auch nicht mehr die eigene Erfahrung, die man aufgrund eines Baupraktikums gewonnen hat. Das Modell im Rechner kann unabhängig davon gedehnt, gezerrt oder gestaucht werden. Die Frage des Materials ist zweitrangig, die der gegebenen Form primär. Deshalb steht die Stofflichkeit nicht im Zentrum der Überlegung. In einer solchen Welt sind Bausteine wie der Ziegelstein von gestern.
Mag sein, dass es eine Zeit geben wird, in der wegen der geschilderten Umstände der Ziegel nicht mehr die Bedeutung hat, die er einmal hatte. Aber vielleicht wird dann einer wie Leon Battista Alberti kommen, der in seinen zehn Büchern über die Baukunst zu unserem Thema bemerkt: »Und soviel ich an dem ältesten Mauerwerk bemerkt habe, das wage ich tatsächlich zu behaupten, dass man nichts finden kann, was zu jeglicher Art von Bauwerken besser verwendet werden kann, als den Ziegelstein, und zwar nicht den Luftziegel, sondern den gebrannten, sobald man ihn sorgsam brennt und schlägt.« Wer den Text vollständig liest – was zu empfehlen ist, wird feststellen, wie direkt sich der Bogen vom Baustoff über die Konstruktion, den architektonischen Entwurf und der Typologie bis hin zum Städtebau spannt. Das letzte Kapitel lautet: »Über die Wiederherstellung der Bauwerke«. Damit ist das Werk viel aktueller als man glauben mag, denn es ist das zentrale Thema, das uns mehr begleitet, als die Möglichkeit, Häuser aus neuen Stoffen mit scheinbar neuen Formen zu konturieren. Zum Thema Wiederherstellung würde der Baustoff Ziegel übrigens nicht schlecht passen.
Anfang des 16. Jahrhunderts sind Albertis Werke gedruckt erschienen. Das war vor knapp 500 Jahren. Die Gebäude, auf die er sich bezieht, wenn er von den »Alten« spricht, sind 1500 Jahre zuvor entstanden. Da kann man sich doch, wie der eingangs erwähnte Geistliche beruhigt zurücklehnen. Was so lange Bestand hatte, muss heute nicht auf die Müllhalde der Kultur. A. L.