Bosch Haus Heidehof Stuttgart

Weitsichtiges Lernen

Mit einem weit auskragenden, an die klassische Moderne erinnernden Villenbau ist das einstige Wohnhaus des Firmengründers Robert Bosch erweitert worden. Das neue Haus auf dem prominenten Grundstück im Stuttgarter Osten dient in erster Linie als Fortbildungszentrum für die weltweit agierenden Topmanager des Unternehmens. Reminiscent of the classic Modern movement, the widely projecting villa extends the former residence of the company founder Robert Bosch. The new house, on an exclusive site in the east of Stuttgart, serves predominantly as a further training centre for the globally active top managers of the company.

Text: Cornelia Krause

Fotos: Lukas Roth
Weite und Großzügigkeit findet man in Stuttgart aufgrund der Topografie nur an wenigen Stellen. Das Gelände der ehemaligen Bosch-Villa im Stuttgarter Osten repräsentiert solch einen Ort. Der Firmengründer Robert Bosch erwarb 1909 das Flurstück Heidehofstraße 31 und ließ wenig später von den Architekten Heim und Früh ein repräsentatives Landhaus im Neorenaissance-Stil errichten. Auch die parkähnliche Anlage wurde mit Einfriedungen, Toren, Sitznischen und Plastiken so gestaltet (Franz Boeres), dass immer die schönste Aussicht auf Stuttgart gewährleistet ist. Selbst der unmittelbar am Haus gelegene Nutzgarten mit seinen Beeten und Gewächshäusern ordnete sich diesem Gestaltungswillen unter.
Robert Bosch konnte diese Idylle immerhin dreißig Jahre lang ge- nießen. Er starb in den Kriegsjahren 1942. Danach nahm die Geschichte mit Fremdnutzungen ihren Lauf, bis die Robert Bosch GmbH 1978 Haus und Grundstück von der Familie Bosch in ihren Besitz überführte und seit 1986 die Robert Bosch Stiftung die Räumlichkeiten für ihre Arbeit nutzt. Das Nötigste wurde zwar getan, aber Gebäude und Park verwilderten zusehends. Im Jahr 2000 schließlich nahm man sich des Ensembles an, verbunden mit einer baulichen Erweiterung, die zusätzliche Arbeitsplätze für die Stiftung aufnehmen sollte, aber auch als Ausbildungszentrum für die weltweit agierenden Topmanager gedacht war. Diese meist jungen, nach amerikanischem Vorbild ausgebildeten Manager wollte man gern »etwas vom Atem eines erfolgreichen Firmengründers spüren lassen«.
Die Namen der am Wettbewerb beteiligten Architekten spiegeln das »Who’s who« der derzeitigen Szene: Tadao Ando, Richard Rogers, Kauffmann und Theilig, Richard Meier, von Gerkan Marg und Partner sowie Peter Kulka. Gewonnen hat Peter Kulka mit einem wirklich überzeugenden Entwurf. Der Vergleich mit Bauten der klassischen Moderne liegt auf der Hand. Keine Frage, es ist kein innovativer, alles revolutionierender Entwurf – eben ein Kulka durch und durch. Mit höchster Präzision in der Verarbeitung der durchweg edlen Materialien, mit einem Raumangebot, das in seiner Großzügigkeit heute (wo jeder Quadratmeter zählt) kaum noch zu finden ist. Diese Qualität ist wohl nur mit einem privaten Bauherrn machbar.
Sauber sind die drei unterzubringenden Funktionen getrennt. Der zweigeschossige Baukörper mit frei auskragendem Obergeschoss empfängt den Besucher über einen weiten Vorplatz, vorbei an einem abgesenkten Innenhofgeschoss, das die Stiftung für sich in Anspruch genommen hat. Im Foyer setzt sich die Weitläufigkeit fort. Mit Empfang, Kantine und Kasino ist das raumhoch verglaste Erdgeschoss belegt. Es ist sicher nicht übertrieben, zu sagen, dies ist eine der schönsten Kantinen Stuttgarts, wenn nicht sogar darüber hinaus – und ganz nebenbei auch die schönste Garderobe. Selten hängen Mäntel an so prominenter Stelle wie hier – mit freier Sicht über den Talkessel! Einen Fahrstuhl, um in das Obergeschoss zu
gelangen, sucht man erst gar nicht. Fast magisch zieht einen die zentrale Treppenanlage an. Treppensteigen wird hier wieder zum Erlebnis. Die breiten und flachen Stufen, wie auch das Foyer mit schwarzem Granit aus China belegt, führen hinauf zu sechs Semi- narräumen und einem Vortragssaal, der flexibel aufteilbar ist. Auch hier viel leerer Raum, ideal, um sich zwischendurch zu erholen. Peter Kulka und sein Büropartner Hendrik Urbanietz bezeichnen diese Ebene als den Kopf des Hauses, während sie das zurückliegende Erdgeschoss als Taille titulieren. Zwei Bilder, die treffender kaum sein können. Außer weißem Putz, Wandverkleidungen und Türen aus Kirschholz sowie schwarzem Granitboden unterstreichen Farben die unterschiedlichen Funktionsebenen. Rot steht für Denken, Wissen; Grün für Entspannen, sich Wohlfühlen.
Der konsequente Stahlbau stellt mit seiner anthrazitfarben lackierten Metallfassade die Verbindung zu den maschinenhaften Produkten des Bauherrn her, ebenso die beweglichen Sicht- und Sonnenschutzelemente aus feinem Edelstahlnetz. Die silbern wirkenden Elemente verändern je nach Stand die Fassade immer aufs Neue.
Die gewaltige Auskragung des Obergeschosses trägt ein meterhoher Stahlrost, dessen Hohlraum für die gesamte Technik genutzt wird und gleichzeitig die Kräfte des Flachdaches abfängt. Für die Stützenquerschnitte ist das von großem Vorteil. Sie ließen sich so minimal auslegen, dass sie die Großzügigkeit der Räumlichkeiten nicht stören.
Das Büro Kulka konnte sich gegenüber seinen prominenten Mitbewerbern durchsetzen, weil es ihm gelang, die geforderte Funktionsteilung und gleichzeitige Repräsentation auf elegante Weise zu lösen. Durch die Nutzung des abgesenkten Gartengeschosses für die Büroräume der Stiftung »überragt« der Neubau nicht die alte, ehrwürdige Villa, behauptet sich ihr gegenüber dennoch als ein konsequent modernes Bauwerk ohne Stilallüren. Einzig der Name, »Haus Heidehof« will nicht so recht passen. Fast jeder stellt sich unter Heidehof eine Pension mit reetgedecktem Dach in der Lüneburger Heide vor – eine Verbindung, die mit dem Gebäude und der Stadt Stuttgart so gut wie keine Gemeinsamkeiten hat. Das aber sollte das ungleiche und doch harmonische Paar nicht daran hindern, gemeinsam in Würde zu altern. kr
Bauherr: Robert Bosch GmbH, Gerlingen-Schillerhöhe Architekt: Peter Kulka, Köln Mitarbeiter: Henryk Urbanietz (Projektleitung); Konstantin Pichler, Stephan Schönenbach, Werner Gronmayer Bauleitung: Harms & Partner GbR, Köln/Stuttgart Tragwerk: Horz & Ladewig Ingenieurgesellschaft für Baukonstruktion, Köln Haustechnik: Heinze Stockfisch Grabis+Partner, Hamburg Fassadenberatung: Fassadentechnik Planungsbüro Nord, Hamburg Landschaftsplanung: Peter Kluska, München Bruttogeschossfläche: 9200 m² Bruttorauminhalt: 36196 m³ Kosten: 20 Mio Euro Fertigstellung: November 2004