Die Nullenergiesiedlung in Bad Aibling

Viel Tatkraft für Null Energie

Wo einst das US-amerikanische Militär seinen Geheimdienst stationiert hatte, gibt es jetzt auf einem 70 ha großen Terrain ein bemerkenswertes Pilotprojekt als städtebauliches Zukunftsmodell. Seit 2007 lässt ein Wohnungswirtschaftsunternehmen auf einem Großteil des Areals eine weitestgehend emissionsfreie Siedlung entstehen. Zugleich überprüft das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie hier die Vision der möglichst CO2-freien Stadt auf ihre Tragfähigkeit. Sie soll durch die Mischung energieeffizienter Bauten unter Nutzung von Biomasse, Solarthermie und Photovoltaik umgesetzt werden.

Text: Eva Mittner

Auf den ersten Blick erscheint das Gelände futuristisch und verfallen zugleich. Im Süden und Westen finden sich bröckelnde Altbauten und merkwürdig rundliche, helle Gebilde – einst Abhöranlagen des US-Geheimdienstes – inmitten eines ausgedienten Sperrgebiets. Im Norden wächst dagegen eine moderne Siedlung heran, nach und nach ergänzen Neubauten die hier bereits sanierten oder noch zu sanierenden Altbauten. Die Bestandsgebäude auf dem ehemaligen Militärareal in Bad Aibling stammen z. T. aus den 30er Jahren, als die Nationalsozialisten hier einen Fliegerhorst errichteten. Nachverdichtet wurde das Gelände dann in den 50er Jahren durch amerikanische Streitkräfte, die das insgesamt 134 ha große Gebiet bis 2004 für den US-Sicherheitsdienst nutzten. Folglich wurden die Bauten zwar überwiegend nicht nach deutschen Baustandards errichtet, dafür aber umso mehr nach US-militärischen Sicherheitsvorgaben – etwa mit schusssicheren Decken in einigen Gebäuden. Baukonstruktiv waren sie zwar in einem guten, energetisch gesehen jedoch in sehr schlechtem Zustand. Ein typisches Wohngebäude hatte z. B. vor der Sanierung einen Endenergiebedarf von 351 kWh/ m²a und einen Primärenergiebedarf von 459 kWh/ m²a – also einen dreieinhalb höheren Wert als in der EnEV für energetisch sanierte Bestandsbauten erlaubt.
Ein Initiator, viele Verbündete
Angestoßen hat das Projekt die 1958 gegründete Immobiliengesellschaft B & O. Sie kaufte 2005 etwa die Hälfte des Areals, um ein Quartier mit Mischnutzungen entstehen zu lassen, das energetisch vorbildlich sein und eine auf die Primärenergie bezogene Nullenergiebilanz erreichen sollte. »Wir hatten von Anfang an ein wegweisendes Nullemissionsquartier mit Neubauten in Holzbauweise im Sinn«, so der Geschäftsführer Ernst Böhm. »Unsere Bewerbung für das EnEff:Stadt-Demonstrationsquartier brachte dann aber den Stein erst richtig ins Rollen.« Die Bewerbung klappte: Gefördert und begleitet wird das Vorhaben seither vom BMWi als Modellprojekt der Forschungsinitiative EnEff: Stadt. Aber auch viele weitere Kooperationspartner sind mit beteiligt, u. a. die TU München, das Bayerische Zentrum für Angewandte Energieforschung und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Die Hochschule Rosenheim dokumentiert das Vorhaben seit Januar 2011 als »Bauaufgabe der Zukunft« für dreieinhalb Jahre mit einem energetischen Monitoring. Eine wissenschaftliche Auswertung soll voraussichtlich 2015 die Relevanz für zukünftige Wohnungsbauprojekte und Konversionsvorhaben weltweit schaffen.
Über einen internationalen Wettbewerb ließ B & O zunächst Architekturkonzepte europäischer Planer in das Bauvorhaben mit einfließen. Wichtig waren vorrangig eine emissionsfreie und unabhängige Energieversorgung, innovative Holzbauprojekte sowie vorzeigbare Baustandards, die für die zukünftige Wohnungswirtschaft nutzbar sind. Inzwischen hat B & O mit rund 35 Mio. Euro bereits eine Menge Bauten und Sanierungen mit Holz im sogenannten Wohlfühlpark, wie das nördliche Quartier bezeichnet wird, umgesetzt. Hervorzuheben ist dabei das knapp 25 m hohe, achtstöckige, erste Hochhaus Deutschlands in Holzbauweise, das nahezu ausschließlich aus einheimischen Hölzern gebaut wurde. Nur der Treppenhauskern ist aus Beton errichtet. Direkt daneben wirkt der 2010 entstandene Viergeschosser, als erstes realisiertes Holzgebäude auf dem Areal, fast schon wieder klein. Dennoch ist es ein Vorreiter, sogar die Balkone und der Liftschacht sind hier aus Holz.
Fassaden im Fokus
Im Wohlfühlpark befinden sich neben Gewerbe- und Büroflächen auch Wohnungen, Schulen, Kindergärten und Deutschlands erstes Fußball-Internat. Ein ehemaliges Offiziersheim wurde zu einem Parkhotel mit Konferenzzentrum umgebaut, auf dessen Gelände nun der Rosenheimer Solar decathlon-Projektbeitrag von 2010 (s. db 7/2010, S. 71) beheimatet ist. Die Bestandsgebäude werden nach neuesten Standards mit Holz- oder Putzfassaden modernisiert. Bei einem zu Geschosswohnungen umgebauten Kasernengebäude hat dabei der Architekt Arthur Schankula eine Fassadensanierung mit vorfabrizierten Elementen umgesetzt, die für die Bewohner weitgehend störungsfrei verlief: Zunächst wurde die bestehende Gebäudeoberfläche gescannt und ein präzises 3D-Modell erstellt. Aufgrund der errechneten Daten ließen sich dann neue Fassadenelemente, die mittels Konsolen vor die alte Fassade gestellt wurden, in Holzrahmenbauweise exakt vorfabrizieren. »Wir haben nur zwei Tage gebraucht, bis die Elemente vor die bestehende Fassade montiert waren«, berichtet Schankula. »Die Bewohner mussten nicht ausquartiert werden.« Bei dieser sogenannten passiven Fassade stehen die Dämmung der Außenwand und die Erneuerung von Fenstern im Vordergrund, als Oberflächenmaterial ist eine Holzschalung oder auch Putz möglich und als Dämmung kommen bevorzugt Hobelspäne oder aber Mineralwolle oder Zellulose in Betracht.
An zwei Versuchsständen werden jedoch bereits Weiterentwicklungen getestet, zum einen eine Lüftungs- und zum anderen eine Kollektorfassade. Beide bestehen aus den gleichen Grundelementen wie die passive Fassade, jedoch ist bei der Lüftungsfassade ein Wärmetauscher in die vorfabrizierten Elemente integriert. Auf diese Weise wird eine dezentrale Wärmerückgewinnung aus der Abluft betrieben, und die Wohnungen können ohne umfangreiche Bauarbeiten mit Lüftungsanlagen nachgerüstet werden. Zwei Kernbohrungen unter dem Fenster sind dazu notwendig. Bei der Kollektorfassade sind die Fassadenelemente zusätzlich an der Außenseite mit Glas bestückt und werden so zum Solarkollektor: Die Sonneneinstrahlung erwärmt die Luft zwischen Glas und Außenwand, die dann durch die poröse Dämmung wandert und – anstatt der Abluft aus dem Raum – dem Wärmetauscher zugeführt wird. Diese Innovation hat sich inzwischen seit drei Jahren am Versuchsstand bewährt. ›
Mehr erzeugen als verbrauchen
Für all diese als auch sämtliche weiteren Bauten und Sanierungen will B & O eine Wärmeversorgung mit regenerativen Energien bereitstellen. Das betrifft im Gesamten eine Versorgung von mehr als 50 000 m2 Wohn- und Nutzfläche, wobei 80 % der Pläne bereits realisiert seien. Im Bestand gab es eine öl- und gasbefeuerte Nahwärmestation mit zugehörigem Nahwärmenetz, dieses wurde in den 90er Jahren generalsaniert und ist in gutem Zustand. »Wir bauen auf das alte Netz auf. Die drei Brennkessel mit jeweils 6,5 MW Leistung waren jedoch überdimensioniert für unser Vorhaben«, berichtet Projektleiterin Martina Klingele. »Wir haben daher einen Kessel stillgelegt, einen weiteren verkleinert und die Temperaturen im Netz gesenkt. Neue Anschlussleitungen werden nur gelegt, wenn es für Neubauten nötig ist.«
Eine intelligente Steuerung der dynamischen Anpassung von Netztemperaturen an die solaren Erträge bildet die Basis der heutigen Nahwärmeversorgung. Diese beinhaltet nun ein Hackschnitzel-Heizhaus, dessen maximale Kesselleistung 500 kW beträgt, dezentrale solarthermische Anlagen auf den Gebäuden und ein Heizhaus mit den bestehenden gas- bzw. ölbefeuerten Kesseln (max. 1,2 MW Leistung) als sogenannte Rückfall-Ebene.
Insgesamt sind derzeit 716 m² Solarkollektoren in das Wärmenetz eingebunden. Zusätzlich ist ein Großspeicher zum Puffern überschüssiger Solarerträge in die Versorgung integriert. Im Sommer und während der Übergangszeiten deckt die Solarthermie den Energiebedarf für die Warmwasserbereitung möglichst allein. Falls jedoch die Temperatur durch die Solareinspeisung im Netz niedrig ist, heben Wärmepumpen, die das Wärmenetz selbst als Quelle nutzen, die Temperaturen für die Warmwasserbereitung an. Im Winter unterstützt zusätzlich ein Biomassekessel für Holzhackschnitzel und Pellets das Wärmenetz mit Energie aus regenerativen Rohstoffen.
Allerdings ergibt sich eine Plusenergiebilanz laut den Forschungen aus der Initiative EnEff:Stadt nur durch die Berücksichtigung von PV-Flächen, etwa der großen Freiflächen-PV-Anlage im Süden des Areals sowie PV-Elementen auf den Dächern des ehemaligen Flugzeughangars. Doch stellt sich das nördliche Areal bereits jetzt in der Primärenergiebilanz um rund 30 % besser dar als etwa der Passivhaus-Grenzwert es vorgibt. Nach der Sanierung aller Gebäude soll der Nordteil laut B & O außerdem die gewünschte Nullenergiebilanz aufweisen.
Viele Schritte bis zur Co2-freien Siedlung
In einer weiteren Wettbewerbsausschreibung vom Frühjahr 2012 mit dem Titel »City of Wood« forderte der Bauherr von den teilnehmenden Architekten kostengünstige Ideen für vorbildliches Bauen mit Holz. Die Siegerentwürfe sollen in drei Bauabschnitten im Mittelteil des Geländes – rund ›
› um das Holzhochhaus – realisiert werden und den bestehenden »Wohlfühlpark« somit weiter verdichten. Beim städtebaulichen Gesamtkonzept und in der Rubrik Reihenhaus, das entlang der Staatsstraße errichtet werden soll, überzeugten die Vorschläge der Arbeitsgemeinschaft aus Matteo Thun (der bereits für das Hackschnitzel-Heizhaus verantwortlich zeichnet) und dem Holzbau erfahrenen Architekten und Professoren Hermann Kaufmann. Pro Jahr will man durch den Bau neuer Holzhäuser die Energieeffizienz um 2 % steigern, so Böhm. Insgesamt sollen in den kommenden Jahren etwa 100 neue Wohneinheiten entstehen. So kann der Bauherr seinem ambitionierten und erstrebenswerten Ziel der emissionsfreien Stadt Schritt für Schritt näher kommen – und durch baldige, praktische Erfahrungen anderen, städtebaulichen Umnutzungsprojekten ein Vorbild sein. Gerade die Mischung verschiedener energetischer Qualitäten, vom EnEV-Neubaustandard bis hin zum Passivhausstandard, soll dabei ein wesentlich höheres Multiplikationspotential für ähnliche Quartiere erlauben. •
  • Quellen: B &O, www.eneff-stadt.info, Schankula Architekten
  • Standort: Parkgelände Mietraching, 83043 Bad Aibling Bauherr: B & O Stammhaus, Bad Aibling Projektleitung: Jens Eitner, Martina Klingele Architekten: Acht- und viergeschossiges Holzgebäude, Fassadenlösungen: Schankula Architekten, München Geschosswohnungsbau Bestand: Andreas Hanke, Dortmund »Heizikone«: Mattheo Thun City of Wood: Doppelhaus: Architekturbüro Petzenhammer, Bad Aibling; Reihenhäuser: AG Matteo Thun, Mailand (I), mit Hermann Kaufmann, Schwarzach (A) Bauzeit: 2007 bis 2015
  • Beteiligte Firmen: Entwicklung vorfabrizierte Fassadenelemente: Holzbau Fritz, Erkheim Umsetzung vorfabrizierte Fassadenelemente, acht- und viergeschossiges Holzgebäude: Huber & Sohn, Bachmehring

  • Energie (S. 64)
    Eva Mittner
    1968 geboren. Dipl.-Kommunikationswirtin. Festanstellungen als Redakteurin und Pressesprecherin. Seit über 10 Jahren Tätigkeit als freie Journalistin und Autorin für verschiedene Architekturmedien. Daneben Spezialisierung auf PR und Öffentlichkeitsarbeit für Architekten und Ingenieure.