Erweiterung Amtsgericht Riesa

Verkleidet

Die Präzision der Fassade und der gesamten Ausführung sind wesentliche Elemente in der Wirkung, die dieses Haus in Riesa erzeugt. Die Wahrnehmung wechselt zwischen zwei Polen: dem eines klaren, harten und präzise geschnittenen Volumens aus einem harten Material und der Erkenntnis, dass dieser Eindruck eine Illusion ist und nur durch eine Verkleidung hervorgerufen wurde. Gerade aus diesem Wechsel entsteht das, was die Qualität des Hauses ausmacht. The precision of the façade and the entire execution are the essential elements to the effect produced by this house in Riesa. Perception wanders between two poles: that of a clear, hard and precisely cut volume formed of hard material, and the recognition that this impression is an illusion and created by the cladding alone. From just this alternation arises the quality which defines this building.

Text: Christian Holl Fotos: Erik Wittbusch

Man lässt sich gerne täuschen. Nur auf den ersten kurzen Blick scheint das neue Haus, das dem Amtsgericht in Riesa Räume zur Verfügung stellt, aus massiven, großformatigen Blöcken aufgebaut zu sein. Doch schnell nimmt man die offenen Fugen über den Lagerfugen suggerierenden Streifen aus vorpatiniertem Zink wahr, dann die Nieten, die anzeigen, dass hier nur Platten auf eine darunter liegende Konstruktion aufgeschraubt wurden. Die genauere Betrachtung fördert weitere Details ans Licht, die die Täuschung aufdecken. Aus der Distanz erkennt man die schmale Giebelwand, hinter der sich die Dachfläche, ebenfalls aus Faserzement, anschließt. Und wäre die Wand tatsächlich aus Blöcken der Größe aufgebaut, wie es die durchgefärbten Faserzementplatten vortäuschen, dann müsste die Wandstärke mindestens 1,10 Meter betragen. Etwas viel für ein Haus mit zwei Vollgeschossen und Außenmaßen von 14,40 mal 9 Metern.
Möglichkeit und Wirklichkeit Und trotzdem: So offensichtlich die Täuschung ist, so irritierend ist, dass der Eindruck immer wieder zurückklappt. Man sieht dann doch den wie aus einem Block geschnittenen Körper, eine abstrahierte Grundform des Hauses. Keine Dachüberstände, keine Fensterbänke stören den glatten Körper, die trauf- und die giebelständigen Fassaden sind jeweils gleich komponiert, so als gelte es zu negieren, dass es ein lebendiges Inneres gäbe. Doch diesem Eindruck traut man schon nicht mehr, denn die Ambivalenz, die einen zwingt, sich stets aufs Neue zu vergewissern, dass es sich hierbei nicht um einen aus Blöcken aufgebauten Monumentalbau handelt, macht andere Möglichkeiten denkbar. Der Schein gefällt, aber man weiß, es ist nur Schein, der keinen Rückschluss auf die Wirklichkeit zulässt.
Diese Spiel mit Archetypus, Konstruktion und Maßstab bleibt nicht auf das Thema der Fassade beschränkt: Der Eingang wird durch ein Feld markiert, das 3,50 Meter hoch ist, in der Sicht übereck zeigt sich, dass diese Öffnung schon ins zweite Geschoss ragen müsste. Das tut sie nicht, denn die eigentliche Tür nimmt nur ein Drittel diese Feldes ein. Betritt man durch sie das Haus, so irritiert die Laibung, die eine Wanddicke vortäuscht, die nicht existiert; es ist, als hätte man eine Tresorraum betreten. Im Eingangsflur kann man erkennen, dass in dieser Laibung ein Heizkörper untergebracht ist.
Raum und Weite Der Grundriss ist streng und übersichtlich aufgebaut; die Architekten haben sich erfolgreich darum bemüht, die Räume schlicht zu halten. Beispielhaft hierfür ist das Treppenhaus, das so detailliert wurde, dass es als aus Scheiben aufgebaute, ideale Raumfigur erscheint. Die Türen, die im Erd- und ersten Obergeschoss zu den Wartebereichen führen, fügen sich, wenn sie geöffnet sind, in eine Wandnische ein. Wände, Böden und Decken werden durch Farben und Material als eigenständige Elemente behandelt. Weiß sind die Wände, blau die Decken, der Fußboden im Treppenhaus und in den Vorräumen der Büros mit rotbraunem Linoleum belegt. In den Büros selbst täuscht ein gemasertes Linoleum einen Dielenboden vor, doch auch diese Täuschung ist zu offensichtlich, um nachhaltig zu sein; sie ist als einzige vielleicht auch zu gewollt, als dass sie humorvoll bliebe. Dafür versöhnt der Vorraum, der gleichzeitig Wartezone ist. Die Architekten hatten zunächst geplant, diesen Raum so zum Treppenhaus zu öffnen, dass man die ganze Tiefe des Hauses erfährt. Dieser Gedanke wurde aufgegeben, stattdessen eine Alternative gewählt, die das Gefühl der Offenheit und der Weite hier, direkt oberhalb der Elbe, viel besser vermittelt: Die Wand zum Treppenhaus hin wurde mit Spiegeln verkleidet, so dass man auf der Bank mit dem Rücken zum Fenster und in Blickrichtung auf das Treppenhaus durch die Fenster blickt, die hinter einem liegen. Die Bilder von Peter Krauskopf, jeweils zwischen den Spiegeln eingesetzt, aufgebaut aus horizontalen Streifen, thematisieren diesen Blick durch den Raum in die weite, horizontale Landschaft. Diesem Bezug zur Landschaft im durchgehenden horizontalen Fensterband wird die ablesbare Konstruktion untergeordnet: Dass alle Außenwände tragen und sich über die Fensterbänder ein Unterzug spannt, der von den beiden inneren, tragenden Querwänden abgefangen wird, ist nicht ablesbar.
Im obersten Geschoss wird die Raumordnung gewechselt, hier liegen nun die Büros rechts und links des die Länge des Hauses durchmessenden Flurs, so dass hier auch die spiegelgleichen Fassaden der Giebelwände im Innern ihre Entsprechung finden.
Reine Täuschung Das Haus ersetzt einen Vorgängerbau, der auch saniert nicht das Raumangebot hätte hergeben können, das der Bauherr, das Land Sachsen, für die Erweiterung des Amtsgerichts benötigte. Man entschied sich daher dafür, den Altbau abzureißen und den Neubau in der Kubatur des Vorgängers zu errichten. Mit Büros und Archiven im Keller ergänzt er das im Verwaltungsbau eines ehemaligen Stahlwerks untergebrachte Amtsgericht. Er behauptet sich ihm gegenüber wie eine Skulptur, deren Monumentalität nicht von der Größe bestimmt wird. Der Ergänzungsbau soll keine Remise sein, sondern der Größe des Hauptbaus ein eigenes Gewicht entgegensetzen. Aus diesem Grundgedanken entwickelt sich das Spiel der Irritation und der Illusion. Vielleicht auch aus der Realität des knappen Budgets.
Das reine Ideal ist ein Zustand, der in dieser Realität nicht verwirklichbar ist. Jede Reinheit ist eine Illusion, die der Wirklichkeit nur um den Preis der Abstraktion und damit des Verlusts von Realität abzutrotzen ist. Dieser Verlust kann mit großem Aufwand kaschiert werden, wie dies ein Markenzeichen deutschschweizerischer Architektur ist. Die Architekten hätten diese Architekturauffassung auch hier gerne vertreten. Aber man sei eben nicht in der Schweiz, sondern in Ostdeutschland, so der Projektleiter Helko Walzer. Und darum ist aus der harten Kiste eigentlich ein ganz anderes Haus geworden, ein durchaus liebenswertes und sympathisches. Die Reinheit, die man sich erträumt, wird sofort desillusioniert durch die Täuschung, die sie erzeugt und die sofort als solche wahrnehmbar ist. Man hätte sie gerne, weiß aber darum, dass sie Traum bleibt. Man kann dies auch als eine Qualität lesen: Erst das Bewusstsein der Illusion schützt davor, sich in ihr zu verlieren. Selbstbewusstsein angesichts des Mangels: eine Haltung, die nicht nur in Ostdeutschland Würde ausstrahlen kann. Perfektion als einen unerreichbaren Zustand zu beschreiben: eine Botschaft, die nicht nur der Arbeit von Justizbeamten Trost spenden kann. ch
Bauherr: Freistaat Sachsen, vertreten durch Staatsbetrieb SIB NL Dresden II Architekten: Rohdecan Architekten, Dresden Mitarbeiter: Canan Rohde-Can, Eckart Rohde, Helko Walzer, Georg Stäblein, Markus Uhl Tragwerksplaner: Michael Bendin, Scharfenberg Kunst am Bau: Peter Krauskopf Nettogeschossfläche: 407 m² Bruttorauminhalt 1477 m³ Kosten: 541000 Euro Fertigstellung: 2003