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Trendsport shoppen

Factory Outlet in Herzogenaurach
Trendsport shoppen

Längst sind Fabrikverkäufe kein Geheimtipp mehr, sondern zu einem besonderen Einkaufserlebnis geworden. Der weltweit agierende Sportbekleidungshersteller adidas nutzte alle gestalterischen Mittel, um in der tiefsten Provinz, aber mit Autobahnanschluss eine Verkaufswelt zu inszenieren, die gleichermaßen als Synonym für die Produkte steht. Das Resultat ist in Architektur umgesetzte Bewegung. Factory outlets, no longer a personal tip, have become a special shopping experience. The world wide sports wear manufacturer adidas employed all design means to create in the depths of the province – but with direct motorway access – a sales environment, which stands equally as a synonym for the products. The result is an architecture of converted movement.

Text: Falk Jaeger

Fotos: Roland Halbe
Es gab Zeiten, da war es völlig gleichgültig, wie ein Werksverkauf aussah. In der »Fischhalle«, benannt nach den legendären Fischverkäufen an die Belegschaft vor dem Ersten Weltkrieg, brachte die Württembergische Metallwarenfabrik in Geislingen ihr WMF-Produktionsprogramm im Direktverkauf an den Endverbraucher (bis heute wird diese Tradition aufrechterhalten). Auch bei Hugo Boss im schwäbischen Metzingen wurden früher die Anzüge zweiter Wahl in der nüchternen Fabrikhalle feil gehalten. Doch der Direktverkauf hat an Bedeutung gewonnen; längst geht es nicht nur um den Abverkauf von Ladenhütern, sondern um aktuelle und erstrangige Ware im Angebot. Nach wie vor reist das Publikum von weither an, doch heute strebt es zum Shoppen ins »Factory Outlet Center« und legt Wert auf Service, Catering und Entertainment. Schlichtes Einkaufen ist out.
Adidas, derzeit boomender Sportartikelhersteller im fränkischen Herzogenaurach, hat dem Trend entsprochen und im Rahmen der Neuorganisation und -gestaltung des Firmengeländes ein Outlet Center gebaut, das Einkaufen geradezu zur Trendsportart macht.
Als Artefakt in sportlicher Bewegung zeigt sich das neue Gebäude schon aus der Ferne. Es ist kein konventionelles Haus, mit Wänden, Stockwerken und einem Dach, sondern es besteht aus schiefen Ebenen und gestapelten Scheiben, geschwungenen Wänden und endlosen Glasbändern ohne tektonische Unterbrechungen. Bei Annäherung verwandelt sich der Bau in eine aufgeworfene Eisscholle, um dann wieder, nach Umrundung des benachbarten Kreisverkehrs, zum Raumschiff zu mutieren.
Schwimmen andere Outlets meist beziehungslos in einem Blechsee geparkter Autos, so ist es bei Adidas gelungen, Parkhaus und
Verkaufsgebäude als funktionale und gestalterische Einheit auszubilden. Die Besucher fahren rückseitig auf die schiefe Ebene des Gebäudes, dann in die zweigeschossige Garage und suchen einen der vierhundert Stellplätze auf.
Auf die Welt des Sports stimmen schon die Parkdecks ein mit ihrem grünen oder orangefarbenen Boden mit bunten Markierungen in der Art von Tartanbahnen. Neonrote Slalomstangen weisen den Weg zum Eingang über die Piazza, die von Tribünenrängen umfangen ist. Während die Kids gleich die erworbenen Skates erproben, bereitet eine Videowand oben am Treppenturm mit Stadionszenen als Dauerprogramm auf das sportliche Einkaufserlebnis vor. Drinnen ist auch der Raum in Bewegung; die Tribüne zieht sich in den Verkaufsraum hinein und wird zur breiten Treppe, die in die Galerie übergeht und den Kunden einen Rundgang in Form einer dreidimensionalen Schlaufe anbietet.
Roher Beton bestimmt den Charakter des Raumes, der Wände, der unverkleideten Decken, der Pilzstützen. Den Kontrast dazu liefern der schwarze Estrichboden und die Außenwände aus transluzentem, grünlich schimmerndem Industrieglas, hinter dem schemenhaft ein Weitspringer in mehreren Phasen seines Sprungs auftaucht und wieder verschwindet. Der Effekt entsteht durch die Eigenbewegung des Betrachters, denn die Figur ist auf senkrechte Lamellen gedruckt, die zwischen den beiden Schichten der Glasfassade quer zur Glasebene angebracht sind.
Der Weitspringer ist Teil einer künstlerischen Inszenierung, die an verschiedenen Stellen die Aufmerksamkeit des Besuchers erregt, ohne jedoch aufdringlich zu wirken und Teil des Marketingkonzeptes ist. Freude an der Bewegung – die Triebfeder des Sports – soll auch für den Verkauf genutzt werden. Deshalb werden Bewegung, Sportler und sportliche Ereignisse in unterschiedlichster Form medial ins Blickfeld gerückt. Auf dem Vorplatz leuchten Fußbälle in Bodenvitrinen, im Foyer gerät eine doppelschichtig mit Punktrastern bedruckte Glaswand durch den Moiré-Effekt in Bewegung. Im Foyer hängen gläserne Röhren von der Decke, in denen Beamer, Monitore und Lautsprecher Höhepunkte der Sportgeschichte mit allerdings begrenztem Unterhaltungseffekt repetieren.
In den Reihen der Verkaufsregale tritt die mediale Botschaft in den Hintergrund. Dort setzt man auf die optische Präsenz der Waren – nicht zu Unrecht, denn Sportkleidung und -schuhe sind längst von Funktionsartikeln zu Aufmerksamkeit heischenden Modemedien geworden.
Erst in der Cafeteria hat die Kundschaft wieder Augen für die kongenial schräge Einrichtung und die mediale Kunstausstattung. Draußen, auf der Piazza, wird die fröhliche Kundschaft noch etwas chillen oder kicken, um dann wieder den Autos zuzustreben.
Vielleicht wirft man noch einen Blick zurück auf das wogende Bauwerk mit den elegant geschwungenen, weißen Betonbändern und den effektvollen, blaugrünen Glasbändern, die so präzise geformt sind und doch aus preiswertestem Industriebauglas ohne aufwän-
dige Rahmung bestehen. Die Bewegung des Bauwerks scheint sich im zentralen Kern des Gebäudes zu konzentrieren, der über die
dynamischen Geschossscheiben hinausragt und die magische
Anziehungskraft der Marke mit den drei Streifen weithin sichtbar ins Land wirken lässt. In diesem Punkt gehen Dynamismus und Funktionalismus eine Symbiose ein. F. J.
Bauherr: adidas-Salomon AG, Herzogenaurach Architekten: Wulf & Partner; Tobias Wulf, Kai Bierich, Alexander Vohl; Stuttgart Projektgruppe: Albrecht Krepp, Thomas Steimle; Joe Deutinger, Georgios Palatsidis, Katja Anger, Andreas Zürcher, Jochen Graf Tragwerksplaner: Weischede, Herrmann und Partner, Stuttgart Kommunikationsdesign: L2M3, Stuttgart Mediendesign: Jangled Nerves, Stuttgart Sondermöbel: Uli Zickler, Stuttgart Außenanlagen: Adler & Olesch, Nürnberg HLS Konzeption: Transsolar Energietechnik, Stuttgart
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