Trends und Gegentrends

Den Auftakt des alljährlichen Möbelmessen-Reigens bildet im Januar traditionell die imm Cologne. Obwohl sie die größte Messe der Branche ist, wirkt sie im Vergleich mit dem Mailänder Salone Internazionale del Mobile stets etwas blass. Doch vielleicht muss man nur ein bisschen suchen, um auch hier Entdeckungen zu machen? – Ein Rundgang über die Kölner Möbelmesse.

Text: Ulrike Kunkel

Der Konflikt ist nicht neu – einerseits soll ein hochwertiges, langlebiges Produkt verkauft werden, andererseits giert der Markt jedes Jahr pünktlich zur Messe nach Neuheiten. Ein kaum lösbares Problem, lassen sich Begriffe wie Dauerhaftigkeit und Trend doch nur schwer in Einklang bringen. Die imm Cologne kämpft außerdem mit einer weiteren Schwierigkeit: ihr sitzt die nur drei Monaten später stattfindende Mailänder Möbelmesse im Nacken. Und so herrscht zumindest bei vielen der großen Firmen eine gewisse Zurückhaltung, die meisten Neuheiten spart man sich für Mailand auf, in Köln wird nur ein wenig »angefüttert«. Andere, wie zum Beispiel Thonet, sind gar nicht erst erschienen. Uninteressant war der Messerundgang dennoch nicht, bei genauerem Hinsehen konnte man pfiffige Detaillösungen und sogar Neuheiten entdecken. Und schließlich gibt es ja auch etliche kleinere Firmen, die nur hier vertreten sind, da sie seit Jahren vergeblich auf die Zulassung für Mailand warten.
Messehalle mit Masterplan
Während das von qualitativen »Aufs« und »Abs« gekennzeichnete ideal houses-Projekt anscheinend ein Ende gefunden hat, beauftragte die koelnmesse erstmals eine Art Masterplan für Halle 11, in der unter der Kennung »imm pure« auf drei Etagen ein Großteil der designrelevanten Firmen zu finden waren. Hierfür entwarf Ben van Berkel ein Leitsystem aus gemusterten, verschiedenfarbigen Teppichböden, die sich wie Straßen durch die Halle zogen und, als bedruckte, selbstklebende Folien auch noch Wände und Stufen erklommen. Für die dritte Hallenebene, auf der unter anderem die Präsentation »Art of Kitchen« gezeigt wurde, gestaltete er außerdem den mit 54 Metern wohl längsten Tisch der Welt. Mit integrierter Bar, verschiedenen Höhenabstufungen und bankartigen Einschnitten zum Sitzen sollten hier die Essgewohnheiten aus allen Teilen der Welt an einem Tisch zusammengebracht werden. Passenderweise grenzte der Tisch dann auch die Küchen-Sonderschau vom übrigen Messegeschehen auf dieser Ebene ab. Seitdem die explosionsartig zunehmenden Fernseh-Kochshows der Küchenindustrie steigende Umsätze bescheren, sind nun auch Küchenhersteller, die bisher nur alle zwei Jahre in einem eigenen Messebereich vertreten waren, erstmals in den erlauchten Kreis der Designfirmen aufgenommen worden. Das Aufsehenerregendste innerhalb dieser Schau war wohl die »Küche für den Mann«, die, wen wundert’s, von der Porsche-Designabteilung für Poggenpohl gestaltet wurde. Glasfronten, Aluminiumrahmen, Arbeitsplatten aus satiniertem Glas oder Granit und gebürstete Holzoberflächen machen die Küche zu einer Art Lifestyle-Altar. Keine vorstehenden Kanten, Griffe oder Knöpfe stören die puristisch technische Anmutung: Antippen genügt, und Türen, Klappen oder Auszüge öffnen sich; wenn man vergisst, sie wieder zu schließen, kein Problem: nach wenigen Sekunden (die Zeit ist individuell einstellbar) bringen sie sich selbsttätig in ihre Ausgangsposition. Ab Mai 2008 soll die Küche P’7340 zahlungskräftige (männliche) Kunden begeistern. Ihr Preis wird bei knapp der Hälfte eines Porsche Cayennes beginnen.
Mein Haus, mein Tisch, mein iPoD
Hightech war aber nicht nur beim Küchendesign zu finden. So präsentierte der Schweizer Hersteller Willisau, der seit rund achtzig Jahren im Luzerner Hinterland Tische, Stühle und Sideboards mit technischen Finessen und in herausragender handwerklicher Qualität fertigt, den i-Table seines Chefdesigners Ulrich Kössl. Ein ausziehbarer, langrechteckiger, weißer Tisch mit integrierten Lautsprechern und einem Schlitz für den iPod in der Tischplatte. Ein Ensemble, das eine zusätzliche Musikanlage im Raum überflüssig macht und jedes noch so raffiniert gestaltete CD-Regal hoffnungslos veraltet aussehen lässt.
Doch auch bei den Regalen gab es, wenngleich kleine, zum Teil gut versteckte, Neuerungen. Etwa bei Zeitraum aus Wolfratshausen, deren grafisch gestaltete Regalelemente Code 1 (Design: Nana Bambuch) ein platzsparendes Nebeneinander von Ordnern, großformatigen Bildbänden, Taschenbüchern, CDs und DVDs ermöglicht. Die hohen, schmalen Regalelemente aus anthrazitfarbenen MDF-Platten – wahlweise auch mit amerikanischem Nussbaumfurnier oder weißer Kunststoffbeschichtung erhältlich – sind mit unsichtbaren Magnetverbindungen versehen, die die Module zu einer Regalwand zusammenhalten. Das Problem, dass unterschiedlich hohe Bücher in ein und demselben Regalfach immer nur unzureichend nebeneinander unterkommen, beschäftigte – mit Recht – noch andere Designer. Bei ligne roset bietet Peter Maly seine Lösung an: Das Regal Lines setzt sich aus fallenden beziehungsweise ansteigenden Borden zusammen, die von schrägen Zwischenwänden durchstoßen werden. Dadurch variiert die Höhe innerhalb eines Regalfachs. Große und kleine Bücher, wie es sich bei thematischer Sortierung immer wieder ergibt, können in einem Fach Platz finden. Fraglich ist allerdings, wie lange die Bucheinbände die Schräglage unbeschadet überstehen.
Der französische Designer Pascal Mourgue entwarf, ebenfalls für ligne roset, den Beistelltisch Les Fôrets. Der 40 Zentimeter hohe Tisch ist vollständig aus Stahl gefertigt. Mit einem Laser wurde aus der Tischplatte die Form einer Baumkrone ausgeschnitten. Der Fuß von Les Fôrets besteht aus einer hochglanzpolierten quadratischen Edelstahlplatte, die den Abschluss der baumkronenartigen Tischplatte weit überragt, so dass sich diese gut darin spiegelt und der Eindruck von mehreren, sich überlagernden Baumkronen eines Waldes entsteht.
Einen weiteren ungewöhnlichen Tisch stellte Tecta vor: Mit dem M6 zeigte die Firma aus Lauenförde – vor allem als Hüterin des Bauhauserbes bekannt – den vielleicht ersten asymmetrischen Tisch zum Ausziehen. Er wird aufgeschoben, ein Zwischenstück entfaltet sich und die Tischlänge wird somit von 186 auf 246 Zentimeter vergrößert; und das alles mittels einer Mechanik, die sich einhändig und im Sitzen bedienen lässt.
Ökoschick
Parallel zu Hightech und raffinierten, wenn auch eher unauffälligen Neuerungen und Weiterentwicklungen einzelner Produkte ließ sich aber auch ein anderer Trend beobachten: Massivholz sowie »ökologisch korrekt« sind wieder im Kommen. Begriffe wie Klimakatastrophe und Klimaschutz haben die Branche erreicht, und wäre es nicht ein Widerspruch in sich, könnte man vom Trend zum Ökoschick sprechen. Die junge Athener Firma Varangis hat zum Beispiel einen Hocker aus Polyethylen entwickelt, der vollständig wieder verwertbar ist, und die Designerin Bettina Döhner aus Berlin stellte unter dem Label heim*städte ihre Kollektion aus Massivholzmöbeln im PassagenProgramm vor. Ebenfalls aus Massivholz, zudem wandlungsfähig, vielseitig, ökologisch verträglich und handwerklich perfekt: der Schreibtisch Crescendo C2 von stilvoll aus Eberhardzell. Abgeleitet vom lateinischen crescere (wachsen) kann er je nach Anwendungsbereich Sekretär, Kinder- und Jugendschreibtisch, Stehpult oder Computerarbeitsplatz sein. Mit einer variablen Arbeitshöhe von 53 bis 86 Zentimetern, einem integrierten Kabelkanal mit Ablagefläche und Stauraum für die Tischbeinverlängerungen sowie einer Neigemechanik für die Tischplatte kann der Schreibtisch den ergonomischen und funktionalen Bedürfnissen seiner Benutzer angepasst werden. Durch die 88 Zentimeter tiefe, geteilte Arbeitsplatte bleibt auch bei der Nutzung der Neigemechanik ausreichend Ablagefläche; eine zusätzliche Monitorhalterung ist nicht erforderlich, für Tastatur und Maus gibt es optional einen extra Auszug. Der Schreibtisch funktioniert als Einzelmöbel ebenso wie »Kopf-an-Kopf« im Büro oder im Klassenzimmer.
Lässig lümmeln
Nach den Möbeln zum Arbeiten, Essen, Kochen und Verstauen, fehlen nun natürlich noch die zum bequem Sitzen, Liegen und Entspannen. In dieser Kategorie wurden Form, Farbe und Material bereits bestehender Entwürfe häufig variiert, beziehungsweise Produktfamilien durchaus sinnfällig ergänzt und erweitert. So zum Beispiel bei e15 aus Oberursel, die das 2007 auf der Kölner Möbelmesse zum ersten Mal gezeigte Sofasystem SF03 Shiraz in diesem Jahr mit der Tartan-Kollektion – einer Auswahl an Bezugs- und Kissenstoffen im traditionellen Schottenmuster – anboten. Die Schottenkaros können, um besondere Akzente zu setzen, für einzelne Kissen verwendet oder als kompletter Bezug für ganze Module eingesetzt werden. Die Dessins gehen von Schwarz mit Weiß bis hin zu leuchtendem Gelb mit Violett, wobei die Kombination von verschiedenen Mustern ausdrücklich gewünscht ist. Als besonderes Qualitätssiegel kann gelten, dass die Stoffe aus handgesponnener Schurwolle von traditionellen Tartanwebereien im schottischen Hochland gewebt werden. Erweitert wurde das Sofasystem durch das in Köln erstmals vorgestellte Bett SL05 Pardis, das mit seinen unterschiedlich hohen und breiten Rückenteilen und dem gepolsterten Stoffbezug eindeutig auf das Sofasystem Shiraz Bezug nimmt.
2007 lediglich auf der Möbelmesse in Kopenhagen gezeigt, stellte die dänische Firma Erik Jørgensen dieses Jahr in Köln die Modul-Sofalandschaft Delphi des Schweizer Designers Hannes Wettstein vor. Die elf verschiedenen Module ermöglichen diverse Sofa-Variationen: schmal und lang, kurz und gedrungen, mit und ohne Lehnen, Chaiselongue oder Sofa, Stoff- oder Lederbezug; und auf dem großen runden Hocker kann bequem eine vierköpfige Familie gleichzeitig die Füße ablegen.
Bequem Platz nehmen konnte man auch auf einem ungewöhnlichen Beispiel eines bodennahen Lounge-Möbels: auf der Re-Edition von Verner Pantons Amoebe Highback, die von Vitra präsentiert wurde. Für die Visiona 2-Ausstellung, die 1970 – anlässlich der Kölner Möbelmesse! – auf einem Rheindampfer gezeigt wurde, hatte der dänische Designer und Architekt gleich mehrere Versionen der Amoebe entworfen. Die Anspielung des Namens auf die organische Formensprache des Möbels wird bei der Highback-Version noch deutlicher als bei der mit niedrigem Rückenteil, die Vitra bereits seit einiger Zeit bei im Programm führt. Die skulptural geschwungene Rückenlehne bildet eine Art Baldachin und vermittelt dem Sitzenden sogar mitten im Messetrubel ein Gefühl von Geborgenheit. Die ursprüngliche Holzkonstruktion mit Gurtbespannung wurde bei der Re-Edition durch eine laminierte Rückenschale ersetzt. Das soll die Lehne flexibler und gleichzeitig stabiler machen sowie den Sitzkomfort steigern. Passend für einen Entwurf aus den siebziger Jahren werden die Amoeben in kräftigen Farben angeboten.
Wurde bisher vor allem variiert und re-editiert, so blieb man bei COR an der charakteristischen Formensprache der Sessel- und Sofa-Serie Cuvert von Jehs & Laub hängen. Die Zusammenarbeit der Stuttgarter Designer Markus Jehs und Jürgen Laub mit COR kam eher zufällig zustande: Ende 2006 lernten sie den Firmenchef Leo Lübke kennen, bald darauf entstand die Idee für eine neue Produktfamilie die, für deutsche Verhältnisse in Rekordzeit realisiert, nun auf der imm präsentiert wurde. Ausgangsform des Sessels, des Hockers und des Sofas – die formale Ähnlichkeit zu Jehs & Laubs Sesselentwurf für Fritz Hansen aufweisen – ist ein Briefumschlag, der dreidimensional gefaltet wird. Die nach innen zulaufenden, trapezförmigen Flächen lassen die kompakten Polstermöbel einerseits leichter erscheinen und geben ihnen andererseits ein prägnantes Aussehen. Zur Serie gehören außerdem farbige Acryltische und Filzteppiche mit Wollapplikationen.
Fazit: Bahnbrechende Innovationen wurden sicher nicht geboten – diese im Möbeldesign zu erwarten, wäre aber auch reichlich naiv. Tisch, Stuhl und Sofa müssen nicht jedes Jahr neu erfunden werden. Der Reiz besteht vor allem in ihrer technischen Weiterentwicklung, und die Aufgabe der Messe ist es, Forum des Austauschs zu sein. ~uk