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In vielen Dörfern Deutschlands spielen landwirtschaftliche und gewerbliche Funktionen nur noch eine untergeordnete Rolle; durch Verlust dieser klassischen dörflichen Infrastruktur sowie durch Abwanderung einerseits und Zuzug aus den Städten andererseits befinden sich die Dörfer im Wandel. Und wie immer, wenn bestehende Strukturen ins Wanken geraten, liegen Chancen und Risiken dabei dicht beieinander.

Text: Ulrike Kunkel

Noch vor einem halben Jahrhundert waren die Dörfer in Deutschland weitgehend intakt. Wohnhäuser, Ställe, Scheunen, bebaute sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen – Leerstand und brachliegende Felder waren kein Thema. Doch bereits in den sechziger Jahren wandelte sich dies: Neubausiedlungen am Ortsrand und eine verstärkte Abwanderung in die Städte sorgten für Leerstand vor allem in den Dorfkernen. Reagiert wurde mit durchaus erfolgreichen staatlichen Förderprogrammen der Dorfsanierung und -erneuerung; auch der inzwischen etwas angestaubt wirkende Landeswettbewerb »Unser Dorf soll schöner werden« entstand in dieser Zeit.
Inzwischen ist es in den meisten Dörfern jedoch zu einer zweiten Welle des Leerstands und der Überalterung der Bevölkerung gekommen, so dass nun auch die Zukunft vieler derzeit noch bewirtschafteter Höfe ungewiss ist. Die Probleme sind gravierend und drohen eine traditionelle Lebens- und Erwerbsform zu zerstören. Betrachtet man die Bevölkerungsstruktur einzelner Bundesländer, so ergibt sich allerdings ein recht differenziertes Bild: Während der Anteil der Bevölkerung in ländlichen Gebieten in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel nur 1,3 Prozent beträgt, leben in Baden-Württemberg 6,2 Prozent, in Brandenburg die Hälfte und in Mecklenburg-Vorpommern fast zwei Drittel der Bevölkerung auf dem Land. Und auch die Probleme der Länder und Gemeinden sind ganz unterschiedlich: Im Gegensatz zu den Dörfern Nordostdeutschlands, die mit Abwanderung kämpfen und in denen die Umstrukturierung noch nicht einmal richtig begonnen hat, leiden viele Gemeinden im Einzugsgebiet prosperierender Städte, vor allem in Süddeutschland, unter dem massenhaften Zuzug von Städtern. Durch die »Neudörfler« verändert sich der Charakter der Orte, traditionelle Strukturen verwässern, die klare Flächenzuweisung und strikte Trennung zwischen besiedelter und unbesiedelter Fläche wird aufgehoben und die Dorfgemeinschaft als viel beschworene Solidaritätsgemeinschaft vollends aufgegeben.
Doch in jedem Veränderungsprozess liegen auch Chancen für die Zukunft. Mit Geduld und Kreativität lassen sich die spezifischen, zum Teil aber überkommenen Wesensmerkmale der Dörfer weiterentwickeln. So engagieren sich im badischen Bollschweil zwischen Bad Krotzingen und Freiburg die Bürger zum Beispiel für den Umbau des ehemaligen Ratsschreiberhauses zum Dorfgasthaus. Der Ort hatte sich in den letzten Jahren zu einem »Schlafdorf« entwickelt, in das viele der 2000 Einwohner lediglich am Abend zurückkehren, öffentliches Leben existiert kaum noch. Das Gebäude im Ortskern stand jahrelang leer, bevor es die Gemeinde erwarb. Da sich bisher kein Investor fand, haben die Bewohner kurzerhand eine Genossenschaft gegründet, mit dem Ziel, das Gasthaus in absehbarer Zeit genossenschaftlich betreiben zu können.
Initiativen wie diese können einerseits helfen, vom Verfall bedrohte Bausubstanz in den Ortskernen zu erhalten, während sie gleichzeitig die Dorfgemeinschaft wiederbeleben. Sie zeigen, dass das Dorf der Zukunft vor allem aus den Potenzialen seiner Bewohner heraus wächst und dass sogar die Integration der »Neudörfler« möglich ist. •