Zone d'aménagement concerté Masséna, Paris

Stadt aus Häusern

Am linken Seineufer in Paris wird auf einer großen Konversionsfläche ein städtebauliches Experiment durchgeführt: Gesucht wird ein neues Verhältnis zwischen individueller Architektur und kollektivem Stadtraum. Ein räumliches Geflecht wird entwickelt, dessen Zusammenhang durch eine Reihe einfacher Regeln geklärt wird. Bereits im Vorfeld war die Rede von einem Leuchtturm-Projekt mit europaweiter Ausstrahlung, mit dem sich die Stadt Paris mutig hervortun will. On the left bank of the Seine in Paris a town planning experiment is being undertaken on a large conversion area: The search is for a new relationship between individual architecture and collectiv civic space. A spatial network is being developed whose interrelation will be regulated by a number of straightforwarded rules. Already prior to realization was mention of a lighthouse project of European significance with which the city of Paris would demonstrate courage.

Text: Wilhelm Klauser

Fotos: Hiepler, Brunier
Der französische Architekturkritiker Fréderic Edelmann beklagt in Le Monde, dass das Projekt der Legende den Namen gestohlen habe: Rive Gauche. Das linke Ufer war doch immer die Heimat der Intellektuellen, das Café Flore, Sartre …1968 eine Hochburg der Revolution, ein Ort der Freiheit, des Neuen und der Diskussion und damit ein Messlatte für den intellektuellen Anspruch der französischen Hauptstadt.
In Seine Rive Gauche heißen die Straßen nun Avenue de France und Rue René Goscinny. Ungeniert präsentiert sich der Triumph einer allumfassenden Kontrolle. Höhen, Dachflächen, Ausblicke, Durchblicke, Materialien, Organisation, Finanzierung und Koordination: Es gibt nichts, das dem Zufall überlassen wird. Die Umsetzung der Planung am neuen »linken Ufer« ist auf eine maximale Beschleunigung ausgelegt. Mit Zweifeln oder Unsicherheiten darf der Aufbau einer neuen Stadt in der Stadt nicht konfrontiert werden. Eine ZAC – eine »Zone des konzentrierten Ausbaus« – wurde eingerichtet, ein in Frankreich gebräuchliches Instrument, das die Realisierung großer Planungen erleichtert. Diese koordiniert in Rive Gauche die SEMAPA, eine Planungsgesellschaft, an der die Stadt Paris 57 Prozent der Anteile hält. Die von der Neugestaltung betroffenen Grundbesitzer – in erster Linie der Hafen von Paris, die französische Eisenbahn und die RATP, aber auch Universitäten, Krankenhäuser oder Telekommunikationsfirmen – sind die weiterenGesellschafter. Aufgabe der SEMAPA ist es, öffentliche und private Interessen auszugleichen. Für Seine Rive Gauche gibt es damit kurze Entscheidungswege und eine robuste Institution, die viel Macht hat und die die unerwarteten Beschleunigungen oder plötzlichen Abbrüche einer groß dimensionierten Planung aushalten kann. 130 Hektar sind zu bewältigen. Drei Kilometer misst das Gelände in der Länge und bis zu 800 Meter in der Tiefe – wenn diese letzten verfügbaren freien Flächen in der Innenstadt bebaut sein werden, hat das Stadtzentrum Anschluss an die Vorstadt jenseits der Stadtautobahn gefunden.
Rahmenbedingungen Ursprünglich gab es hier große Mühlen, Kühlhäuser, Hafenanlagen, Bahnhöfe und Verladestationen, durch die sich die Stadt versorgte. Neue Verteil- und Verlademöglichkeiten führten dazu, dass sich die Funktionen verlagerten und eine enorme Stadtbrache entstand, in der sich über Jahre hinweg das Ungleichgewicht der Stadt manifestierte: Im Westen war das Geld und die Bourgeoisie – und im Osten das Nichts und die Arbeiter. Das konnte nicht so bleiben, denn die Flächen waren viel zu wertvoll.
Endgültig begonnen hat die Planung 1991, als Jacques Chirac noch Bürgermeister war. Das Gebiet wurde entlang der Seine in drei Zonen unterteilt, in denen eine Entwicklung jeweils um einen neuralgischen Punkt initiiert wurde. Um die Vielfalt der Planung zu garantieren, wurde – durch einen Wettbewerb ermittelt – jeder Zone ein Architekt als Koordinator zugeteilt. Die Aufgabenstellung lautete, eine lebendige und durchmischte Stadt zu gestalten und das vom Ufer der Seine abgeschnittene 13. Arrondissement wieder an den Kai hinunterzuführen. Die Gebiete Tolbiac und Austerlitz sind weitgehend fertig gestellt. Masséna, das sich um eine Universität herum entfalten soll, ist in Entwicklung. Dort ist Christian de Portzamparc der Koordinator.
Masséna Eine spektakuläre Entscheidung hat vor zwei Jahren eine außerordentliche Dynamik hervorgerufen. Damals setzte der neu gewählte Bürgermeister von Paris, der Sozialist Bertrand Delanoë, eine grundsätzliche Neuausrichtung des ganzen Projekts durch. Insbesondere unter dem Aspekt der Nutzungsmischung wurde nachgebessert. Als Problem stellte sich dabei heraus, dass bereits zu viele Grundstücke besetzt waren und nur durch eine Verdichtung der Baumassen »umgesteuert« werden konnte. Anpassungen waren nur noch in Masséna möglich.
War ursprünglich für die Universitäten eine Fläche von etwa 130000 Quadratmetern vorgesehen, werden nun in Masséna in zwei Bauphasen ungefähr 194000 entstehen, in die drei unterschiedliche Schulen einziehen. Seit diesem Sommer werden alte Industriegebäude umgebaut, deren Abriss beschlossen war. Plötzlich werden sie als erhaltenswertes Kulturgut und als vertraute Orientierung anerkannt und in die Planung integriert. Gleichzeitig entstehen neue Institutsgebäude, und es werden Flächen für Gründer entwickelt. Außerdem sind mehr Wohnungen geplant, wobei der Anteil des öffentlich geförderten Wohnungsbaus auf 50 Prozent erhöht wurde. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, werden in Masséna 12000 Menschen wohnen. Von den dann insgesamt 5000 Wohnungen sind 1000 für Studenten vorgesehen. Die späte Verschiebung in den Nutzungsverteilungen führt dazu, dass sich Masséna deutlich von den angrenzenden Zonen unterscheiden wird. Die Änderung der Planvorgaben stellt das Gerüst, das der koordinierende Architekt entworfen hat, vor eine große Belastungsprobe.
Offene Blöcke Christian de Portzamparc hatte im Wettbewerb das Modell einer Stadt konzipiert, die sich nicht länger allein auf die strukturierenden Vorgaben von Straßen oder die Kraft einzelner Gebäude verlässt. Er wollte stattdessen diese für ihn diametral entgegengesetzten Herangehensweisen zusammenführen. Die Stadt, so argumentiert Portzamparc‚ manifestiere sich bis ins 20. Jahrhundert in der Straße. Sie sei eine nicht hinterfragte Erfindung, die trotz aller Nachteile dem Kollektiv eine Kontinuität, eine gewisse Ordnung und damit auch die Möglichkeit einer Entwicklung gegeben habe. Im letzten Jahrhundert seien die Gebäude aber unwiderruflich autonom geworden. Es sei eine Logik entstanden, die sich vom Stadtgefüge abwendete und stattdessen auf der Vorstellung von der Bedeutung eines einzelnen und ein für alle mal festgeschriebenen Bauwerks beharrte. Diese verhängnisvolle Entwicklung könne der Idee einer kontinuierlichen Veränderung und Fortschreibung oder auch der Nutzungsmischung nicht genügen.
Sein Ansatz will diese verfahrene Situation aufbrechen und neuen Entwicklungsspielraum schaffen. Er sucht eine Möglichkeit, das Entstehen einzelner Häuser zu kultivieren und zu koordinieren, das Einzelhaus aber wieder in das komplexe Geflecht der Stadt zurückführen; einen Weg also, Gebäude ohne den Rückgriff auf einen traditionellen Straßenraum in ein Verhältnis zueinander zu setzen und so eine neue Kontinuität in der Entwicklung herbeizuführen.
Dabei operiert er mit der Idee eines »offenen Blocks«. Die Gebäude werden nicht entlang eines vorgegebenen Straßenrasters zu einem traditionellen, geschlossenen Baublock aneinander gereiht, Stattdessen wird ein Regelwerk entwickelt, durch das sich das begrünte Blockinnere zur Straße hin öffnen muss. Dies geschieht nicht durch das Anordnen von Durchgängen, sondern durch Vorschriften, die dem Planer eine entsprechende Behandlung der ganzen Baumasse abfordern. So besagt eine Regel, dass neben einem hohen Haus ein niedriges stehen soll. Straßen werden damit nicht mehr von einer durchgehenden Fassade begleitet, sondern sind durch Fluchtlinien definiert. Um dennoch eine maximal zulässige Ausnutzung der Flächen zu ermöglichen, sind innerhalb eines Blocks dann höhere Ausnutzungen zulässig, wenn gleichzeitig an einer anderen Stelle durch einen entsprechend niedrigere Bebauung der »Überschuss« kompensiert werden kann. Dieser Planungsansatz führt zu völlig anderen Belichtungsmöglichkeiten des Straßenraums und erlaubt es, Straßen enger zu halten. Das Konzept von Portzamparc geht von einem Arrangement der Volumen innerhalb einer Blockfläche aus. Diese Überlegung ist für viele Funktionen interessant, da sie unterschiedlichste Grundrisstypologien zulässt.
Von der Theorie in die Praxis Dieses Vorgehen erfordert allerdings einen außerordentlich hohen Moderationsaufwand. Die Blockgrößen und Straßen wurden durch den koordinierenden Architekten festgelegt und gleichzeitig ein Testentwurf ausgearbeitet, um das weitere Vorgehen abschätzen zu können. Denn für die Bebauung jedes Blocks werden mehrere Architekten und Investorenteams hinzugezogen, die gleichzeitig jeweils für einen bestimmten Bereich des Blocks einen Entwurf ausarbeiteten. In gemeinsamen Ateliers werden dann die Entwürfe einander angepasst, überarbeitet und dann umgesetzt. Eine Planung, die mit »offenen Blöcken« operiert, führt zu einer Umgebung, die in sich geschlossen ist und die den Bewohnern von Anfang an eine gewisse räumliche Qualität bietet, die sich sonst erst zeitversetzt einstellt.
Fünf Blocks sind jetzt fertig gestellt. Was sich in der Theorie klar und nachvollziehbar liest, irritiert den Passanten. Zunächst überwältigt der Eindruck des Labyrinthischen und der Enge. Natürlich gibt es Blickbeziehungen, Fluchtlinien und kleine Produktions- und Ladenflächen in den Erdgeschossen, auch die grünen Innenhöfe sind da. Ob sich die Nutzungsmischung in der Enge bewährt, ist noch offen. Irgendwie scheint alles zusammenzugehören. Und trotzdem setzt sich im Unterbewusstsein der Eindruck fest, dass dies zu viel ist; der Wunsch nach einer größeren Neutralität des Gebauten macht sich breit. Aber das »Zuviel« ist nicht nur das Risiko, sondern auch die große Chance von Masséna. Die Bereitschaft, Disparitäten und unterschiedlichste Architektur zuzulassen und nicht durch eine scharfe Gestaltungssatzung eine bestimmte Vorstellung von Stadt schon im Vorfeld durchzudrücken, führt zu einer neuen, am Dialog orientierten Arbeit, die auch Veränderungen in den Vorgaben auffangen kann. Es entwickeln sich Herangehensweisen, die es erlauben, eine Planung ganz anders zu strukturieren.
Die Wettbewerbe für die weiteren Blockbebauungen wurden im Herbst 2002 entschieden. Sie sollen 2006 fertig gestellt werden. Diesmal sind auch viele jüngere Büros erfolgreich gewesen. Dass in den neuen Blocks eine erheblich höhere Dichte angestrebt werden muss, ist eine Herausforderung an die Moderation und stellt mit Sicherheit hohe Anforderungen an die Diskussionskultur der Beteiligten. Vielleicht entwickelt sich deshalb in Masséna doch ein neues Rive Gauche? Christian de Portzamparc wurde 2004, nicht zuletzt auch für dieses Projekt, mit dem renommierten französischen Preis für Urbanismus ausgezeichnet. W. K.
Zone d’aménagement concerté Masséna, Paris Bauherr: Ville de Paris Masterplan: Christian de Portzamparc, Paris Projektleitung: Société d’Economie Mixte d’Aménagement de la Ville de Paris (SEMAPA) Grundfläche: 13 Hektar Raumprogramm: 67200 m2 Wohnungsbau, 36900 m2 Handel, 117600 m2 Dienstleistung, 5200 m2 Infrastruktur, 110000 m2 Universität Beteiligte Architekten: Anthony Bechu, Beckmann N’thepe, Badia Berger, Patrick Berger, Bofill, Bolze & Rodriguez, Frédéric Borel, Brenac et Gonzalez, Chaix et Morel, Pierre Charbonnier, François Chochon, Christian Devillers, Epstein et Glaiman, Foster and Partners, Catherine Furet, Henri Gaudin, Edith Girard, Antoine Grumbach, Nicolas Michelin, Jean-Philippe Pargade, Gaëlle Peneau, Rudy Ricciotti, Marc Rolinet, Antoine Stinco, Robert Turner Landschaftsarchitektur: Thierry Huau