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Spacecenter meets Wilhelminismus

Berlin: Marstall wird Musikhochschule
Spacecenter meets Wilhelminismus

Beim Umbau des ehemaligen Marstalls am Schlossplatz in Berlin Mitte zur Hochschule für Musik wurden aus ehemaligen Pferdeboxen Proberäume für Studenten. Da das Budget gering war, musste auf den Einbau standardisierter Akustikelemente verzichtet werden – preiswerte, aber dennoch taugliche Alternativen waren gefragt. Mit großen Kissen, von der Decke herabhängenden Kunststoffkugeln und zweckentfremdeten Polyacryloberlichtern erzielten die Architekten nicht nur akustisch, sondern auch gestalterisch, ein überaus wirkungsvolles Ergebnis. In the conversion of the former royal stables in the Schlossplatz, Berlin-Mitte, to the Collage of Music the previous horse boxes have muted to practice rooms for the students. With a small budget standard acoustic elements were not possible so that cheaper but still effective alternatives were sought. Using large cushions, suspended plastic spheres and purloined acrylic rooflights, the architects achieved both in design and in acoustics a thoroughly effective result.

Architekten: Claus Anderhalten, Petra Vondenhof-Anderhalten und Hubertus Schwabe

Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Knorr & Seper
Text: Claus Käpplinger
Fotos: Werner Huthmacher, Ursula Böhmer
Er war ein Symbol der Macht der Hohenzollern, der Marstall auf Berlins Spreeinsel, in den im April 2005 die Hochschule für Musik »Hanns Eisler« eingezogen ist. »En face« des zum Abriss bestimmten Palastes der Republik steht der monumentale Komplex, der schon so vielen unterschiedlichen Zwecken diente. Ursprünglich zur Unterbringung der Kutschen, Schlitten und Pferde des Kaisers errichtet, wurde das Gebäude 1918/19 von der revolutionären Volksmarinedivision und im Weiteren unter anderem von der Landesbibliothek sowie dem Palast der Republik als Verwaltungsgebäude und von der Akademie der Künste der DDR für Ausstellungen genutzt. Hinter den neobarocken Fassaden Ernst von Ihnes`, der den Marstall zwischen 1898 und 1900 modernisierte und erheblich erweiterte, waren im Laufe der Jahrzehnte verwinkelte Raumsituationen entstanden, die nichts mehr von der früheren Pracht erahnen ließen. Während des Zweiten Weltkriegs sind der größte Teil des 176 Meter langen Spreeflügels sowie der schlossseitige Eingangsflügel ausgebrannt. Wo früher Kutschen und Schlitten bis zum dritten Obergeschoss und 350 Pferde auf zwei Etagen standen, hinterließ der provisorische Wiederaufbau am Ende der fünfziger Jahre in den bis zu 6,65 Meter hohen Räumen nur kleine Büroeinheiten und tief eingezogene Decken. Die folgende Angliederung an den Palast der Republik brachte 1974 weitere Umbauten: Büros, Lagerflächen und ein Verbindungstunnel entstanden. Den Teilnehmern eines Architekturwettbewerbs, der den Marstall für die Hochschule für Musik Hanns Eisler nutzbar machen sollte, stellte sich 1998 also keine einfache Aufgabe. Ein Konzept für den Umbau des gesamten Marstalls war gefordert, wenn auch vorerst die Landesbibliothek noch den größten Teil der Drei-Höfe-Anlage einnahm. Die Neuverteilung der früheren Hohenzollern-Immobilien zwischen Bund und Land eröffnete schließlich neue Möglichkeiten: Die Hochschule räumte ihr Haus an der Wilhelmstraße für das Verbraucherschutzministerium und das Land Berlin kam im Gegenzug erstmals in den Besitz des gesamten Marstalls. Doch unmittelbar zur Realisierung vorgesehen war auch damals nur der Umbau des nördlichen Drittels des Marstallkomplexes bis zum ersten Quergebäude.
Haus im Haus Den Wettbewerb von 1998 gewann das Berliner Büro Anderhalten Architekten mit ihrem intelligenten Konzept, das die Nutzfläche des Gebäudes fast verdoppelt. Möglich wurde dies vor allem durch die Konzentration aller Musiker-Übungszellen im Spreeflügel, in dessen hohen Stockwerken über drei Ebenen hinweg zusätzliche Galeriegeschosse gewonnen wurden. Als »Häuser im Haus« reihen sich die Übungszellen kompakt aneinander, gerahmt und getragen von einer leichten Stahlkonstruktion, die mit ihren Treppen und Galerien den Zwischenraum zu den Außenwänden licht und attraktiv ausfüllt. Große gläserne Brüstungs- und Türfelder sowie ein lebhafter Farbwechsel der Kabinenfelder von Hellgelb bis Blaugrün lassen das neue Innenleben des Marstalls nun weit in den Stadtraum hinein leuchten.
Ursprünglich als modulare Boxen geplant, mussten die Zellen aus Kostengründen im Trockenbau errichtet werden, wobei der akustischen Trennung der Probekabinen und ihrer Lüftungsschächte höchste Priorität eingeräumt wurde. Innen wurden sie mit großen Kissen aus gummiertem Gewebe akustisch optimiert. So manche unliebsame Überraschung während der Bauarbeiten zwang die Architekten zu einer strengen Budgetierung. So konnte die geplante Stahlkonstruktion nicht mit den Stahlträgern der DDR-Decken verschweißt werden; der hohe Kohlenstoffanteil des russischen Stahls erzwang eine kostenintensivere Verschraubung. Im Keller kamen, ebenfalls aus DDR-Zeit, Asbestaltlasten zum Vorschein, während sich, von einigen Farbresten abgesehen, leider keine nennenswerten Überbleibsel der kaiserzeitlichen Raumfassung fanden.
Den Wünschen des Senatsbaudirektors und des Denkmalschutzes mussten sich die Architekten bei der Planung der Eingangssituation beugen. Ein zentraler Eingang in der alten Durchfahrt wurde ihnen untersagt, so dass sich nun zwei getrennte Eingänge, die zu zwei neuen Treppenhäusern führen, beiderseits der Durchfahrt, finden. Skulptural wirken ihre zweiläufigen Treppen aus Beton, die stählerne Wangen erhielten. In Verbindung mit großzügigen, transparenten Öffnungen zum Hof entstanden einladende Foyers, die, mit dem freigelegten alten Mauerwerk der Außenwände einen Eindruck von dem »Kontraste nicht scheuenden« Revitalisierungskonzept der Architekten Petra Vondenhof-Anderhalten, Claus Anderhalten und Hubertus Schwabe geben.
Akustische Alternativen Für den nördlichen Eingangsflügel, der viele Lehrräume und zwei Ensemblesäle, eine Garderobe und die Cafeteria aufnimmt, entwickelten sie ein eigenes Konzept: Zwischen die quasi nackten Außenwände des Gebäudes mit erdig rot gestrichenem Mauerwerk spannen sich bewusst abstrakt gehaltene weiße Wände und Decken, die über Blenden effektvoll indirekt beleuchtet werden. Transformiert und nebeneinander existieren hier Alt und Neu; alle Eingriffe sind auf das Wesentliche reduziert, auch die ungewöhnlichen Stirnseiten der Ensemblesäle widersprechen dieser Aussage nicht. Gegen die Bedenken ihres Akustikers setzten die Architekten auch hier das akustische System des porigen Ziegelsteins durch, das um raumgreifende Wände aus transparenten »Plastikkalotten« ergänzt wurde. Futuristisch muten die bauchigen »Plastikkalotten«-Wände an, bei denen es sich um nichts anderes als marktübliche Polyacryloberlichter handelt. Damit sie als kostenkünstige Absorber beziehungsweise Reflektor dienen, wurden sie allerdings mit Mineralfasern verfüllt und teilweise perforiert.
Im großen Proben- und Konzertsaal werden die »Kalotten« durch einen Wald aus Plastikkugeln ergänzt, die den oberen Raum zwischen der abgehängten Ballsaalgalerie einnehmen. In drei Formaten, zwischen 1,8 bis 2,5 Metern Durchmesser, innseitig sandgestrahlt und verfüllt, lassen sie den Raum schweben und die dahinter liegenden Leuchten unsichtbar werden. »Spacig« nennen die Studenten den Raumeindruck, der mit neuen Materialien die frühere Raumatmosphäre der Kristalllüster-Ära wieder erahnen lässt. Der schwere Marstall hat darüber eine völlig unerwartete Leichtigkeit gewonnen und Anderhalten Architekten ihre kontextuelle Souveränität im Umgang mit verletzter Bausubstanz bewiesen. Dazu passt, dass sich Claus Anderhalten mit einem gut kalkulierten Zwischennutzungskonzept für den – zumindest temporären – Erhalt des Palastes der Republik einsetzt. C. K.
Bauherr: Land Berlin, vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Architekten: Anderhalten Architekten, Berlin Mitarbeiter: Matthias Machule, Heidrun Becker, Andreas Brass, Henri Cousin, Andrea Dardin, Jürgen Ernst, Robert Frey, Sven Hidde, Hans-Joachim Höhne, Sven Katzke, Fabian Kühhirt, Sandra Lorenz, Monique van Miert, Dag Lars Rümenapp Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Knorr & Seper, Berlin Haustechnik: EST Energie-System-Technik GmbH, Berlin Lichtplanung: Lichtplanung A. Hartung, Köln Akustik: Akustik – Ingenieurbüro Moll GmbH Planungs- u. Bauzeit: 2000 – Februar 2005 Hauptnutzfläche: 4400 m² Umbauter Raum: 40 500 m³
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