Wohnhausanlage Cobenzlgasse in Wien-Grinzing

Silberner Schleier

In der Grinzinger Cobenzlgasse entstand in einem zweigeteilten Gebäudekomplex Raum für dreizehn Luxuswohnungen. Sowohl die Integration des Bauwerks in den Altbestand als auch das terrassierte, vielfach gegliederte Äußere verleihen der Gesamtanlage den Charakter einer gewachsenen, natürlichen Struktur. Unterstützt wird dieser Eindruck durch der Fassade vorgesetzte Gitter – einer Art Schleier aus organisch wirkenden »Aluminium-Pflanzen«. In the Grinzing´s Cobenzlgasse a two-part building complex was erected containing thirteen luxury apartments. The integration of the new with the existing as also the terrassed, variously articulated exterior give the whole the character of an organic, natural structure. This impression is underlined by the grilles applied to the façade – a sort of veil of quasi organic “ aluminium planting“.

Text: Oliver Elser

Fotos: Gert Walden
Nachts sind alle Bauten grau. Jedenfalls in einer Stadt wie Wien, wo die Straßen nicht von Laternen beleuchtet werden, die doch anderswo einen Teil ihres Lichtkegels auf die Häuserfassaden werfen. In Wien hängen die Lampen, abgespannt mit Stahlseilen, direkt über der Straßenmitte. Ihr fahles Neonlicht reicht oft nicht bis zu den Häusern, die sich deswegen in der Dunkelheit, so verschieden sie auch bei Tag sein mögen, zum grauen Hintergrund vereinigen.
Bei mehr als einem der Projekte von Rüdiger Lainer tritt aus dem Hintergrund etwas hervor, was dem nächtlichen Auge so seltsam erscheint, dass es daran hängen bleibt. So ging es dem Kritiker, als er das erste Mal in der Wiener Boltzmanngasse auf ein Gebäude stieß, dessen Fassade aus großen, unterschiedlich geformten und wie mit grobem Werkzeug behauenen Steinen zu bestehen schien, die ohne erkennbaren Rhythmus in den Straßenraum hineinragen, so weit, dass in der Schrägansicht keine Fenster erkennbar waren. Ein Steinbruch in bester Lage, gleich bei der amerikanischen Botschaft, aber doch kein Haus? Erst später klärte sich auf, dass Rüdiger Lainer der Architekt dieses 2003 fertig gestellten Hauses ist. Eine Überraschung, denn die Oberfläche erinnerte bei der nächtlichen Zufallsbekanntschaft eher an die Rauheit eines brutalistischen Baus aus den Sechzigern.
Nach dieser Erfahrung wurde auch das Wohnhaus in der Cobenzl-gasse nach einer ersten Besichtigung am Tage noch einmal in der Nacht besucht. Und wieder zeigt sich in der Unschärfe der nächtlichen Schemen und Schatten etwas sehr Spezielles. Ein silberner, scheinbar angewachsener Schleier überzieht die Außenwände. Als würde dort ein geheimnisvolles Kraut wuchern, das, wie im Märchen, bei Mitternacht gepflückt werden muss, um dann ungeahnte Kräfte zu entfalten. Bei nüchternem Tageslicht besehen, gibt es für das vor die Fassade geschraubte, eigens für diesen Bau entworfene Aluminiumguss-Gitter eine verblüffend einfache Erklärung. Aber davon später.
Am Anfang dieses Gebäudes für dreizehn Luxuswohnungen stand der Kampf mit der Kubatur. Das Grundstück liegt an einer der Hauptrouten der Wiener Naherholung. An schönen Tagen schieben sich die Autos daran vorbei, die, aus den besseren Wohnbezirken kommend, über die Höhenstraße hinauf zum Kahlenberg gelenkt werden. Auf dem Vorposten des hügeligen Wienerwalds locken die Lokale mit Weitblick und meist einem etwas angegammelten, man könnte auch sagen typisch wienerischen Charme. Doch auch am Fuße der Erhebung, in Grinzing, stauen sich an schönen Tagen die Ausflügler in den Heurigen bei Wein und allerlei Deftigkeiten. Genau am Übergang des eng bebauten, fast disneyhaft-hübschen Ortskerns zu den Villenkolonien der Hanglagen konnte ein Immobilienentwickler ein Grundstück in einer ungewöhnlichen Größe erwerben. Zuvor stand dort ein kleines Bad, das aber verfallen und abbruchreif war. Die Regelungen des Bebauungsplans hätten es erlaubt, ein wuchtiges Eckhaus mit steil emporstrebendem Dach zu errichten. Doch da jede Veränderung in Grinzing an der Seele Wiens kratzt, wurde Architekt Rüdiger Lainer hinzugezogen, Professor an der Akademie der bildenden Künste und erfahren mit dem Bauen im Bestand.
Lainer konnte die ökonomische Ausnutzung des Gebäudes entscheidend verbessern, indem er die ursprünglich drei Treppenhäuser auf ein einziges reduzierte. Nachdem er damit den Investor auf seine Seite gezogen hatte, schlug er vor, den Baukörper in seiner Massivität zu reduzieren. Das Gebäude wurde terrassiert wie ein Weinhügel und fügt sich dadurch weitaus sensibler ein, als der ursprüngliche Entwurf. Der Architekt spricht von einem »Knochen«, der den verbliebenen Altbestand an der Straßenecke umschließt wie ein Gelenk. Auf der Nordseite mündet der Schaft des Knochens bündig in die bestehende, straßenbegleitende Bebauung. Der Spagat zwischen Einfügung und Objekthaftigkeit wird durch Faltungen in der Fassade überbrückt, die die topografische Schwere des Gebäudes unterstützen. Als wäre es gewachsen und nicht in einem Zug dort neu entstanden.
Natürlich verraten die Baumaterialien sofort das wahre Alter. Da hilft es nicht, den sandfarbenen Putz mit unterschiedlichen Körnungen auftragen zu lassen. Es bleibt eine gedämmte Putzfassade, die nicht eben zum Angenehmsten zählt, was die Architektur heute zu bieten hat. Um das Gebäude trotzdem im Gelände zu verankern, wurde es mit Sockeln und Mauern aus rauen Betonteilen und geschichteten Bruchsteinen umgeben. Und, natürlich, mit dem Schleier aus organisch geformtem Aluminium. Dieser zieht sich um die von der Straße aus sichtbaren Partien des Kopfbaus herum. Nur die Rückseite und der im Grundriss schmalere, nördliche Teil bleiben ausgespart.
Mit dem Ornamentvorhang wird nicht nur die Fassade optisch und haptisch veredelt. Das Gitter vereinheitlicht den vielfach gegliederten Bau und beantwortet so die Frage, was denn die Anballung großer Luxusapartments in heutigen Zeiten noch zusammenhalten kann, wo doch alle klassischen architektonischen Mittel zur Gliederung einer großen Villa nicht mehr ohne weiteres zur Verfügung stehen. Warum aber dieses Muster? Lainer ist sich bewusst, dass der Bau eine Süßlichkeit verströmt, die er selbst als »haarscharf an der Grenze« bezeichnet. Nachdem er an mehreren Gebäuden mit Ornamenten gespielt und dies auch unlängst in einer Ausstellung in Berlin dokumentiert hat, sei das Thema für ihn jetzt ausgereizt.
In der Cobenzlgasse übernimmt das Gitter noch eine weitere Funktion. Es übersetzt mit technischen Mitteln, was in der Terrassierung bereits angelegt ist. Wenn schon der Baukörper »landschaftlich« geschichtet wird, wäre es doch nur konsequent gewesen, ihn auch mit Pflanzen bewachsen zu lassen. Doch das, so der Architekt, hätte wahrscheinlich nicht allen Eigentümern gefallen. Statt eines wahrscheinlich nur zum Teil gewachsenen Haushügels wurde daher den abstrahierten Alu-Pflanzen der Vorzug gegeben. Nicht ganz ohne Ironie ist, dass nun ein unabsichtliches Bewuchern verhindert werden muss, weshalb die Fassade mit Sockeln von den umgebenden Pflanzbeeten getrennt ist..
Bei den Wohnungen reichte der Einfluss des Architekten nur so weit, bestimmte strukturelle Vorgaben zu machen. Obwohl der stellenweise sehr tiefe Baukörper nicht einfach zu erschließen war, gelingt es in einigen Wohnungen, die eigenwillige Geometrie des Hauses auch im Zuschnitt der Flure spürbar werden zu lassen. Den Ausbau übernehmen die Mieter dann nach eigenen Vorlieben, sie haben ja auch genug dafür gezahlt. Jede Wohnung verfügt mindestens über einen Balkon, meist aber – noch ein Argument für die Terrassierung – über einen üppig bemessenen Außenbereich. Zusätzlich steht den Anwohnern entlang des Weges, der von der Cobenzlgasse abzweigt, noch ein gemeinschaftlich nutzbarer Garten, fast schon ein Park, zur Verfügung. Auf diesem Teil des Grundstücks schließt ein weiterer Baukörper mit drei Wohnungen an, der ebenfalls »geschichtet« wurde, aber nicht die Prägnanz des Hauptgebäudes erreicht. O. E.
Bauherr: A & A Liegenschaftsentwicklungs GmbH, Wien Architekt: Rüdiger Lainer, Wien Mitarbeiter: Gottfried Seelos (Projektleitung); Jaroslav Travnicek, Andreas Willinger, Andreas Baumgartner, Michael Lange, Martin Kaftan (Bauleitung), h.p.p BauConsult (örtliche Bauaufsicht) Tragwerksplanung: Fröhlich & Locher ZT GmbH , Wien Haustechnik- und Elektroplanung: DI Walter Naderer, Oberneukirchen Planung Aluguss: DI Gotthard Janda Außenanlagen: DI Brigitte Lacina, Wien Nutzfläche Neubau: 2500 m² Baukosten netto: 4,37 Mio Euro Bauzeit: Mai 2003 bis Oktober 2004