5 Entwurfszeichnung der Persil-Schule
6 Blick in das Obergeschoss mit der leicht gekippten Fensterfront. Dem neuen Nutzer dienen die Räumlichkeiten weiterhin zur Schulung und Beratung
Persil-Schule in München

Sauber

Die denkmalpflegerischen Bemühungen um den Erhalt der Nachkriegsarchitektur findet bei Bauherren und Behörden immer noch zu wenig Unterstützung, mit der Folge, dass bereits große Verluste durch massive Veränderungen oder sogar Abrisse zu beklagen sind. Für die »Persil-Schule« kam die Rettung noch gerade rechtzeitig. Wenn bei der Sanierung auch Kompromisse eingegangen werden mussten, das äußere Erscheinungsbild blieb davon unbeeinträchigt. The conservationist efforts concerning the preservation of postwar architecture still receive much too little support from planning authorities and clients, with the result that already large losses through massive alternations and even demolitions are to be lamented. For the “Persil-Schule“ the rescue came just at the last moment. Whilst compromises had to be made in the refurbishment the external appearance, however, remained unimpaired.

Zur Popularisierung ihrer Produkte ließ die Waschmittelfirma Henkel & Cie., Düsseldorf, in den fünfziger Jahren insgesamt fünf Schulungsgebäude in verschiedenen Städten der jungen Bundesrepublik errichten. Sie wurden kurz »Persil-Schulen« genannt, in Anlehnung an das bekannteste und populärste Henkel-Produkt der Nachkriegszeit. In der Landsberger Straße 150 in München entstand in den Jahren 1954 – 56 ein solcher Stützpunkt für den südbayerischen Raum. Hier wurde der richtige Gebrauch neuer Waschmittel und Reinigungsprodukte vorgeführt. Spezielle Fachleute unterrichteten Hausfrauen, professionelle Waschanstalten und vor allem die über Land fahrenden Firmenvertreter über neuzeitliche Waschmethoden und die rationelle Handhabung der Waschmittel. Interessanterweise besaßen nicht nur die Schulungen, sondern auch das Schulungsgebäude selbst einen ausgesprochenen Werbecharakter. Die Neuheit der Waschmethoden sollte sich in einem modernen architektonischen Erscheinungsbild widerspiegeln. Dazu gehörte sowohl die Anwendung moderner Konstruktionstechniken, als auch der bewusste Verzicht auf die architektonischen Repräsentationsgesten der Vergangenheit. Die Werbeabsichten drückten sich ebenfalls in der »Kunst am Bau« aus: Ein großformatiges Fassadenmosaik und die mit Rillenglas gestaltete Rückwand des Treppenhauses waren mit ineinander verschränkten H’s (H wie Henkel) augenfällig gestaltet.

Der architektonische Entwurf für die Münchner Persil-Schule stammte von der 1935 gegründeten und 1952 wieder aufgenommenen Architektengemeinschaft zwischen Ernst Petersen und Walter Köngeter. Köngeter hatte seit 1947 eine Professur an der Kunstakademie in Düsseldorf inne. Das Büro Petersen /Köngeter errichtete in den fünfziger Jahren für Henkel zahlreiche Industrie- und Verwaltungsbauten, aber auch große Wohnsiedlungen wie die Henkel-Siedlung am Elbruchpark in Düsseldorf. Offenbar lehnte sich das Münchner Gebäude stark an eine 1954 in Hamburg fertig gestellte, bislang allerdings nicht identifizierbare Persil-Schule an, ebenfalls nach Entwurf von Petersen /Köngeter.
Die Münchner Persil-Schule, 1989 als »architektonisches und kulturgeschichtliches Dokument« bezeichnet,4 wurde 1999 in die Denkmalliste der Landeshauptstadt München aufgenommen. Der damalige Eigentümer eines Musik-Marktes, der sich mittlerweile hier etabliert hatte, betrieb jedoch aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus den Abbruch des Bestands und verfolgte die Neubebauung des Anwesens nach den baurechtlichen Möglichkeiten, die von der Stadtplanung der Landeshauptstadt München in Aussicht gestellt worden waren. Demnach sollte die fünfgeschossige, geschlossene Blockrandbebauung entlang der Landsberger Straße auf dem Anwesen fortgesetzt werden. Gleichwohl lehnte das Landesamt für Denkmalpflege den Abbruch der Persil-Schule aus denkmalrechtlichen Gründen ab. Weichen musste lediglich das zugehörige Auslieferungslager auf dem rückwärtigen Areal. Nach einem Besitzerwechsel im Jahr 2001 wurden alternative Bebauungsmöglichkeiten unter Erhalt des Baudenkmals entwickelt. Der Entwurf einer hofartigen Umbauung entsprach den baurechtlichen Rahmenbedingungen ohne wesent- liche Einbußen. Gleichzeitig sollte die ehemalige Persil-Schule restauriert, saniert und einer neuen Nutzung zugeführt werden.
Ab Planungsbeginn 2003 wurde die Aufgabe vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und der Unteren Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt München begleitet. Es stellte sich heraus, dass sich das Gebäude teilweise nicht mehr im historischen Zustand befand. Bereits Anfang der siebziger Jahre waren im Auftrag der Firma Henkel Holzverkleidungen eingebaut worden, welche die Raumwirkung stark verändert hatten. Die Umwidmung als Verkaufsraum für Musikinstrumente in den achtziger Jahren hatte zu weiteren Umbauten geführt. Mit Bauherr und Architekten konnte Einvernehmen darüber erzielt werden, die weitgehend reversiblen Veränderungen zu entfernen. Zielvorgabe war es, die historischen Strukturen zu erhalten und – wo nicht mehr vorhanden – sie möglichst originalgetreu wieder herzustellen. Auf Initiative des Landesamts für Denkmalpflege fertigten Studenten des Instituts für Bauforschung an der Technischen Universität München ein analytisches Raumbuch an. Eine restauratorische Untersuchung auf der Basis von Querschliff- analysen führten Studenten des Studiengangs Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft, ebenfalls TU München, durch. So konnte die ursprüngliche Oberflächengestaltung und Farbigkeit der ehemaligen Persil-Schule an einigen Stellen nachgewiesen werden. Im Rahmen der Restaurierungskampagne wurden alte Oberflächen wie die kleinteiligen Fliesenböden frei gelegt, zu erneuernde Bauteile in Anlehnung an den historischen Befund ersetzt. Doch zunächst hatte die im Jahr 2004 beginnende Sanierung des Baudenkmals mit großen Problemen zu kämpfen. Der angetroffene Bauzustand stellte sich als äußerst schadhaft dar, verursacht durch lange vernachlässigten Bauunterhalt. Das undichte Flachdach hatte zu erheblichen Bauschäden an der nördlichen Traufe geführt. An den Rahmenbindern erwies sich die Betonüberdeckung als mangelhaft. Nicht zuletzt musste die gesamte Haustechnik erneuert werden.
Aus denkmalpflegerischer Sicht litt das Sanierungskonzept der Persil-Schule unter der Tatsache, dass bei Baubeginn die endgültige Nutzung nicht feststand. Aufgrund der ungeklärten Vermarktung stand kein Ansprechpartner mit konkreten Vorstellungen gegenüber. So blieb lange unklar, ob eine Nutzung als selbstständiges Café, betriebsinterne Kantine oder Empfangsgebäude möglich war. Auch eine vom dahinter liegenden Neubau völlig entkoppelte gewerbliche Büronutzung wurde erwogen. In dieser Ausgangsposition kam für den investierenden Bauträger nur eine markt- und bedarfsgerechte Bauausführung in Betracht. Sonderlösungen unter dem üblichen Standard, wie sie im Diskurs mit privaten Denkmaleigentümern nicht selten entwickelt werden, mussten in diesem Fall außen vor bleiben. In der Konsequenz erfolgte eine überwiegend normgerechte Ausführung ohne Einschränkung der technischen Qualität und des Nutzungskomforts. Kompromisse wurden bei der Wärmedämmung der Betonkonstruktion gemacht, zugunsten einer weitgehend unveränderten Beibehaltung der Außengestalt. Keine Zugeständnisse konnten jedoch bezüglich des Schall- und Wärmeschutzes an den aufgeglasten Längsseiten erreicht werden. Entlang der stark befahrenen Landsberger Straße musste seitens der Denkmalbehörden die Erneuerung der original erhaltenen Aluminium-Isolierglas-Fassade der Firma Gartner aus dem Jahr 1956 hingenommen werden. Die neue Fassade ist zwar optisch identisch, weist aber thermisch getrennte Profile und Sonnenschutzgläser auf.
Die ehemalige Persil-Schule dient mittlerweile als Schulungsgebäude der AOK München, die den Gesamtkomplex angemietet hat. In den Sälen finden Beratungen und Kurse statt. Trotz der baulichen Veränderungen gehört die im Jahr 2005 fertig gestellte Restaurierungs- und Sanierungsmaßnahme an der ehemaligen Persil-Schule zu den insgesamt erfreulichen Ergebnissen denkmalpflegerisch begründeter Bemühungen um die Erhaltung der Nachkriegsarchitektur in München. Gerade die Baudenkmäler der fünfziger und sechziger Jahre sind von einem enormen Veränderungsdruck betroffen. In zahlreichen anderen Fällen sind gravierende Verluste zu beklagen, die vom Abbruch (Alfons-Hoffmann-Altenheim) bis hin zu verstümmelnden Veränderungen reichen (Geschäftshaus Neuhauser Straße; Sep Ruf). Noch viel zu oft wird viel zu wenig zwischen Altbausanierung und Denkmalpflege unterschieden. U. W.
¹Petersen-Köngeter: Bauten für die Firma Henkel 1950 – 1958, (Privatdruck) ²Werbende Bauten. Persil-Schule der Firma Henkel & Cie. in München, in: Bauen + Wohnen 1956, Heft 12, Seite 435 – 436 ³Sibo Ahrens, Nina Türk, Monika Huber, Oliver von der Wense: Raumbuch mit Fotodokumentation und Bericht, August 2003 (Übung zur angewandten Bauaufnahme) 4 Simone Miller /Roland Ulmer: Landsberger Straße 150, Persil-Schule – Werbehaus der Firma Henkel, Befunduntersuchung vom März 2003, Archiv des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege Architekt /Generalplaner: Lothar Grassinger, München Mitarbeiter: Wolfgang Emrich (Projektleiter), Johannes Karte, Robert Müller, Birgit Ranke, Rossella Grauso Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Christian Erber, München Haustechnik: Team für Technik, München Bauzeit: 2004 – 2005 Bruttogeschossfläche: 950 m² Umbauter Raum: 3 300 m³ Bausumme: 1,4 Mio Euro