Regula Lüscher ist noch nicht in Berlin angekommen

Kaum jemals wurde die neue Leiterin einer Berliner Behörde derart mit Vorschusslorbeeren bedacht wie die

~Nikolaus Bernau

Ende Januar 2007 von der Bau- und Stadtentwicklungssenatorin aus Zürich nach Berlin berufene Regula Lüscher. Nach gut 15 Jahren der Herrschaft von Hans Stimmann, des so stimmgewaltigen wie von den eigenen stadtplanerischen und ästhetischen Ideen überzeugten Senatsbaudirektors, hoffte man anstelle von testosterongeladenen Basta-Entscheidungen, Straßenblöcken und Natursteinrasterfassaden auf mehr Debatten, vor allem aber städtebauliche und architektonisch-ästhetische Liberalität. Zwar kannte kaum jemand außerhalb der Fachkreise den Namen Lüscher, dennoch war man der Meinung: Die im öffentlichen Auftreten so ruhige, sachlich argumentierende Schweizerin sollte doch selbst nach Berlin frischen Wind bringen können, mit ihrer Erfahrung aus einer Planungskultur, die von direkter Demokratie geprägt ist, als relativ junge Frau zudem, die sich mit Verve auf die neue Aufgabe stürzte, die offenkundig Berlinerin werden wollte.
Fast drei Jahre später fragen sich weite Teile der Berliner Planer-Gemeinschaft und die breitere Öffentlichkeit immer noch: Wer ist denn nun Regula Lüscher? In regionalen Medien wird schon seit einiger Zeit geklagt, sie sei überfordert, zu wenig aktiv, den lokal einflussreichen Stadtbild-Historizisten feindlich gesonnen, für Investoren nicht zu sprechen, zu sehr technokratische Verwaltungschefin, zu wenig Debatten antreibende Politikerin. Sogar mangelnde Diplomatie wurde ihr vorgeworfen: Bei der Eröffnung der neuen US-Botschaft am Pariser Platz hatte Lüscher deren Ästhetik als viel zu massig beklagt. Die wird zwar allenthalben moniert, und die Senatsbaudirektorin ist ausdrücklich auch für die Stadtästhtik zuständig. Aber offene Kritik von Projekten der einstigen Schutzmacht West-Berlins wird in der Stadt immer noch nicht gerne gesehen.
Zur Ernüchterung beigetragen haben einige fulminante planungspolitische Niederlagen Lüschers, vor allem der Streit um die Restaurierung und Sanierung der Staatsoper Unter den Linden. Herzhaft hatte sie das Juryurteil in einem Wettbewerb verteidigt, welches für eine vollkommene Neugestaltung des Saales plädierte (s. auch db 8/2008, S. 3). Der Aufstand in der Öffentlichkeit, die das Neurokoko des einstigen Bauhaus-Lehrers Richard Paulick längst mit dem untergegangenen Rokoko-Bau Wenzelslaus von Knobellsdorffs identifizierte, war absehbar. Weniger allerdings, wie blitzschnell die Berliner Politik die neue Senatsbaudirektorin in den Regen stellte, plötzlich den bis dahin ignorierten Denkmalschutz als Kampfmittel gegen »die Moderne« entdeckte. Lüscher musste gegen alle Usancen den Wettbewerb aufheben, HG Merz mit einem Neuentwurf beauftragen. Dass ihres und das Votum der Jury die Debatte um den Denkmalwert des Gebäudes überhaupt erst angestoßen hatten, wurde weithin ignoriert. Lüscher steht seither als hemmungslose Moderne-Freundin unter Verdacht.
Viele Probleme, die Lüscher heute zu lösen hat, sind Aufräumen vergangener Untätigkeit. So weiß seit Mitte der 90er Jahre der Berliner Senat, dass der Flughafen Tempelhof außer Betrieb gehen wird. Doch bis auf den alles andere als grandiosen Gestaltungsvorschlag, hier ein »Wiesenmeer« anzulegen, sowie den Beschluss, die Ränder des gigantischen Feldes irgendwann einmal zu bebauen, geschah bis vor drei Jahren praktisch nichts. Erst als ein Volksbegehren für den Weiterbetrieb von Tempelhof nur knapp am Desinteresse der Ost-Berliner scheiterte, entdeckte der Senat, ah, da muss etwas getan werden. Wowereit will schließlich auch in West-Berlin wieder gewählt werden.
Doch wenn Lüscher nun eine internationale Bauausstellunng vorschlug, dann kam ihr vor allem der (berechtigte) Einwand entgegen, dass man doch gerne auch ein Thema wüsste. Wenn sie in Denkmalschutzfragen vor den Investoren oder Finanzplanern zurückweicht, dann wird das nicht dem Desinteresse ihrer Chefin Junge-Reyer an Denkmalfragen zugeschrieben, sondern als politische Schwäche Lüschers interpretiert. Wenn sie am Molkenmarkt in den Traditionslinien Hans Stimmanns plant, gilt das als Einknicken vor der stimmanngeprägten Verwaltung, wenn sie neue Architekturformen fordert, als ungehemmter Modernismus.
Lüscher hat offenkundig noch keine Sprache gefunden, die mit derjenigen Berlins übereinstimmt. Sicher kommt ihr dabei die berühmte Schweizer Zurückhaltung in die Quere, die der berlinischen Hysterie so entgegengesetzt ist wie nur irgend etwas. Aber es gehört zu einem solch politischen Job, angemessen zu verkaufen. Und es gehört dazu, zu sehen, dass das schweizerische Auskungeln in Wettbewerben und Volksabstimmungen im deutschen Planungsrecht schlichtweg kein Pendant hat. Sie beginnt Volksbefragungen zum Kulturforum, zum Molkenmarkt, zum Tempelhofer Feld. Aber diese bleiben folgenlos und sobald es zu Entscheidungen kommt, hört man nichts mehr aus der Bauverwaltung.
Und so ist selbst nach fast drei Jahren unsicher, ob Regula Lüscher Berlin so prägen wird, wie es einst Ludwig Hoffmann und Martin Wagner, später Werner Düttmann oder eben Hans Stimmann taten. Wird sie die Stadt dazu bringen, nicht jede städtebauliche und architektonische Frage zu debattieren, als wenn das Heil der Welt von einer schnellen Entscheidung abhinge? Wird sie die Verwaltung dazu bringen, Bürgerbeteiligung nicht nur zu simulieren? Wird sie Entscheidungen auch einmal dann fällen, wenn es den politisch Vorgesetzten nicht gefällt? Wird sie, kurz, endlich eine Sprache finden, die vielleicht umstritten ist, aber dennoch die Stadt anregt, wieder über sich selbst und das eigene Schicksal zu debattieren?
Sehr lange wird Berlin auf die Beantwortung solcher Fragen nicht mehr warten .
Der Autor ist Kunstwissenschaftler und Architekt. Er lebt als Architekturkritiker in Berlin.