Classicon-Firmensitz und Lager in München

Raumgleiter

Ein junger Geschäftsmann, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, ließ den Neubau seines Bürogebäudes mit Showroom und Lager so planen, dass er mühelos alle Abteilungen erreichen kann. Kleine Höhenunterschiede wurden durch Rampen ausgeglichen, die wie selbstverständlich in die Architektursprache des kargen Betonbaus integriert wurden. A young business man, dependent on his wheelchair, had his new office building with showrooms and stores so planned that he could without difficultuy reach all departements. Small differences in levels were bridged by ramps which were naturrally integrated in the architectural language of the spartan concrete building.

Es ist alles im Fluss und scheint wie aus einem Guss. Sanft ansteigend zieht die Asphaltbahn den Besucher in das Gebäude hinein: Über die Brücke des Lichtgrabens hinweg, unter dem alles umgreifenden Portalrahmen hindurch, vorbei am Showroom zur Rechten und dem Büroflügel zur Linken. Dabei weichen die Glasfronten der beiden Flügel leicht zurück, leiten hinein in den Treppenraum, über einen weiter ansteigenden Flur durch Glastüren hindurch in das Lager und geradewegs hinaus zum Ladehof. Lichtlinien begleiten den Weg und unterstreichen die fluchtende, fließende Dynamik. Diese Achse ist das Rückgrat des Classicon-Gebäudes: konstruktiv, logistisch, ästhetisch.

Konstruktiv bestimmt der große Fachwerkträger, bedingt durch das stützenfreie, zweigeschossige Lager, die Hauptachse. Diese gliedert das Verwaltungsgebäude in einen großzügigen östlichen Bürotrakt und einen halböffentlichen Bereich für Showroom und Besprechungsraum im schmalen Westflügel. Der über das Dach ragende Stahlträger gibt der Halle nicht nur einen Lichtgaden, sondern veranlasste Architekt Joachim Jürke, in der Verlängerung über dem Treppenhaus einen zurückhaltenden Glaspavillon zu bauen und das Dach als Terrasse zu nutzen – mit Blick über die Bundesgartenschau 2005 und, darüber hinaus, auf die Alpenkette im Süden.
Die Logistik von Lager und Zulieferung gibt prinzipiell Richtung und Raumfolge des Gebäudes vor. Eigentlich ist die rückwärtige Nordseite die Hauptfront. In selbstbewusster Abgrenzung zu den beliebigen Gewerbebauten der Nachbarschaft verschließt sich Classicon einer vorschriftsmäßigen »Adresse« am Siegmund-Riefler-Bogen. Eine glatte, fugenlose, haushohe Ortbetonwand und ein riesiges schwarzes Stahlschiebetor bestimmen die Nordseite. Radikaler kann der Exklusivitäts-Anspruch des Designunternehmens nicht inszeniert werden. Hinter dem Tor liegt ein großes Atrium, um dass sich die Gussglasfassade des L-förmigen Lagers mit fünf Andockstationen für Lkw-Container zieht. Eine Laderampe benötigt eine Höhe von 1,20 Meter über Bodenniveau. 1,20 Meter, die ein zusätzliches Tiefgeschoss geradezu herausfordern und über die Bodenbewegung der Haupterschließungsachse entscheiden. Der Weg vom Lager zur Südseite des Hauses muss sich wieder auf das natürliche Bodenniveau senken. Deswegen die leichte Steigung von Rampe und Flur am Eingang. So sind es die Bedingungen des Warenverkehrs, die die Modulation des Erdgeschosses und des Vorplatzes konstituieren. Form follows function.
Konzentration auf das Wesentliche bestimmt die Architektur der Firmenzentrale. Klare, scharfkantige Konturen, perfekte Beton-oberflächen. Dabei sollte der monolithische Bau auf keinem Fall den Designstücken die Schau stehlen. Mattes Grau, schwarzer Asphaltboden, helles Holz an den Pfostenriegeln der Fensterfronten sorgen für nobles Unterstatement. Nur der Funktionskern im Großraumbüro trägt die Signetfarbe des Unternehmens: Rot HKS 13. Die Raumorganisation ermöglicht gleichzeitig Ruhe und Fluktuation. Es gibt innerhalb des Gebäudes kaum Trennendes. Seitliche Glasbänder in den Fluren lassen die tragende Wand in ganzer Größe wirken und die Wege als Brücken zwischen Außen und Innen, Süden und Norden, Verwaltung und Lager erscheinen. Glastüren und ein schmales Fensterband im oberen Treppenhaus stellen zusätzliche Beziehungsachsen her. Vom zurückgesetzten Besprechungsraum fällt der Blick in den zweigeschossigen Showroom mit der Eileen-Gray-Ausstellung. Schräg gegenüber, jenseits der Eingangsschneise befindet sich das gläsernen Eck des Chefbüros, das nur unmerklich von Rezeption und durchlichteten Großraumbüro abgesetzt ist. Weite und Offenheit bestimmen das Raumkonzept. Einblicke und Durchblicke offenbaren zudem das Raffinement der Architektur. Bewusst wurde auf Klassifizierung und Hierarchisierung der Wege und Räume verzichtet. So ergibt sich aus der Logistik, der Konstruktion und der coporate identity, dass dieses Haus ganz selbstverständlich barrierefrei ist. Diese Beiläufigkeit ermöglicht es, Geschäftsführer Oliver Holy, der nach einem Skiunfall in Kindesjahren Rollstuhlfahrer ist, jederzeit selbstständig vom Parkplatz ins Lager zu kommen, mit dem Aufzug vom Lager ins Büro und hinauf zum Glas- pavillon, wo sich der Flur nochmals zum Sonnendeck leicht anhebt, als sei er eine Startbahn für hochfliegende Gedanken. Ira Mazzoni
Bauherr: Classicon, München Architekten: Joachim Jürke, München Projektleitung: Joachim Jürke, Peter Glöckner Mitarbeiter: Christiane Kern, Markus Flämig, Florian Lippmann Tragwerksplanung: Stegerer & Zuber, München Außenanlagen: Burger Landschaftsarchitekten, München Lichtplanung: The walking house, München Ulrich Beckert, Georg Soanca-Pollack