Pragmatismus und Poesie

~Andrea Nussbaum

Der öffentliche Raum: Vernachlässigte Restfläche, disziplinierter Stadtraum oder politisch umkämpfter Freiraum? Wem gehört er und wo stehen wir überhaupt im Diskurs? Anlass genug für das Architektur Zentrum Wien, dieses Thema auf dem 18. Wiener Architektur Kongress genauer unter die Lupe zu nehmen.
Vielleicht lag es an den Referenten oder einfach an der Tatsache, dass der European Prize for Urban Public Spaces seit 2000 alle zwei Jahre vom CCCB, dem Centre de Cultura Contemporània de Barcelona, vergeben wird, die spanischen Positionen waren auf der Tagung jedenfalls stark vertreten. Eröffnet wurde der Kongress von Benedetta Tagliabue mit Projekten aus Barcelona, Elías Torres Tur stellte Interventionen an den ehemaligen Stadtmauern von Ibiza, Palma de Mallorca oder Toledo vor und Hermann Tschenko von Recetas Urbanas in Sevilla zeigte, wie sich Straßen, Bauplätze oder Brachen durch architektonische Eingriffe unkompliziert zurückerobern lassen[3/4]: Guerilla-Architektur, die Missstände aufzeigen will, aber auch Spaß machen soll (Anleitung und Baupläne dazu stellt Recetas Urbanas frei ins Internet: www.recetasurbanas.net).
Auch Liza Fior von muf architecture ging es bei der Neugestaltung des Barking Town Square (Preisträger des European Prize for Urban Public Space 2008) in East London um die »Rückeroberung«. Ihr Büro entwickelte einen regelrechten »Barking Code«, der die Interventionen klassifizierte, wichtig dabei, man mag es kaum glauben, so simple Elemente wie Sitzbänke, die keineswegs selbstverständlich sind. Auch eine neue »Bauruine« (s. db 7/2009, S. 12) gehört dazu. Britischer Humor? Vielleicht, aber auch die Suche nach Identität.
Europäische Platzgestaltungen zwischen »Pragmatismus und Poesie« (so der Titel von Karsten Buchholz der niederländischen Gruppe West 8) stellten neben West 8 u. a. Kamiel Klaasse von NL Architects, Boris Podrecca oder Daniel Zimmermann von 3:0 Landschaftsarchitekten aus Wien vor. Doch bei all den Rückeroberungversuchen, wer siegt letztlich im Streit um den öffentlichen Raum? Ist es die kommerzielle, verwertungsorientierte Infrastruktur oder ist es das Gemeinwohl? Für Dietmar Steiner, Direktor des Az W, steht fest, dass es den freien urbanen Raum niemals gab und geben wird, sondern es immer um die Macht über diesen Raum geht. Die Publizistin Silke Helfrich will den urbanen Raum wie eine Wikipedia-Seite verstehen. Frei nach dem Open-Source-Prinzip sollen ihn die Nutzer bearbeiten, »denn wenn wir ihn den Stadtpolitikern überlassen, dann haben wir meist schon verloren«. Ein gelungenes Beispiel dafür sind KARO Architekten, die vertreten durch Stefan Rettich, ihre Open Air Library in Magdeburg (s. db 3/2010, S. 28) präsentierten. Ein Projekt, das sich als temporäre Architektur in einem heruntergekommen Stadtteil so gut bewährte, dass es mit Hilfe von Anrainern zu einer permanenten Freiluftbibliothek weiterentwickelt wurde, und das prompt auch mit dem European Prize for Urban Public Space 2010 ausgezeichnet wurde (zusammen mit Snøhetta für die Oper in Oslo). Ein kleines, schönes Kapitel aus der Erfolgsgeschichte eines neuen Open Source-Urbanism, ganz nach dem Motto »Platz da!«.