Perugias weg ins 21. jahrhundert

~Claudius Ziehr

Perugia soll eine aufsehenerregende Stadtskulptur bekommen. Ein gigantisches Geflecht aus Stahl und Glas soll die innerstädtische Via Mazzini überspannen. Nach einem Vortrag an der Universität Perugia wurde Wolf D. Prix vom Atelier Coop Himmelb(l)au mit dem Entwurf eines Dachs für die Altstadtgasse beauftragt. Da dort keine der sakrosankten gotischen Stadtpaläste stehen, sondern nur das neugotische Postamt, ist eine Realisierung nicht ausgeschlossen. Das Gebilde, das den Betrachter an einen Flugzeugabsturz denken lässt, soll nicht nur vor Regen schützen, sondern mittels Photovoltaikanlage und Windturbinen auch Energie erzeugen. Ob man bei mehreren 100 000 Euro Baukosten für eine Anlage mit gerade 100 MWh Leistung noch von Nachhaltigkeit sprechen kann, erscheint jedoch fraglich.
Das Energiedach wäre nicht das erste wegweisende Projekt der Hauptstadt Umbriens. Um der Verkehrsprobleme wegen des zunehmenden Autoverkehrs in der verwinkelten Altstadt Herr zu werden, entdeckte man in den 80er Jahren die Rolltreppe. Vor zehn Jahren stellte ein Seilbahnbauer aus Südtirol dann eine sogenannte Minimetrò vor. Für eine richtige U-Bahn ist die Stadt mit 150 000 Einwohnern zu klein, gegen eine Straßenbahn sprach die Topografie. Ihre Herkunft sieht man der Minimetrò gleich an. Nicht nur werden die Wagen durch ein Umlaufseil im Gleiskörper gezogen, von dem vor jeder Station ausgekoppelt wird, die Wagen für 25 Fahrgäste erinnern auch vom Design her an die Gondeln einer alpinen Seilbahn. Die 3,2 km lange Strecke bedient sieben Stationen und verkehrt in den Stoßzeiten im 1,5-Minuten-Takt.
Perugia beauftragte für die Strecke und die Stationen direkt Jean Nouvel, der durchsetzte, dass die außerhalb der Altstadt aufgeständerten Gleisträger signalrot gestrichen wurden. »Verstecken können wir sie nicht, also zeigen wir sie«, begründet Nello Spinelli, Chef der Minimetrò, die Entscheidung. Auch das Gondelinnere leuchtet nach Nouvels Vorschlag rot. Sein Entwurf des Endbahnhofs inmitten eines riesigen Parkplatzes erinnert zwar an ein Containerdorf, die anderen Haltepunkte erfüllen jedoch die Erwartungen an Nouvels Eleganz. Die dünnen, schwebenden Dächer erinnern an sein Kulturzentrum in Luzern. Die reflektierenden Oberflächen unterstreichen die Leichtigkeit und kontrastieren mit dem wuchtigen Gleiskörper. Die zwei letzten Stationen sind in den Abhang der Altstadt gebaut, die Minimetrò verkehrt im Tunnel. Vor allem die Endstation (Abb.) hat Nouvel fast spurlos in das historische Perugia integriert. Als wichtiges Gestaltungselement hat der Architekt die umbrische Landschaft einbezogen: Wenn man die Metròstation verlässt, betritt man einen Balkon mit atemberaubender Aussicht auf die Berge mit der gegenüberliegenden Pilgerstadt Assisi.
Da die Minimetrò nur durch dezente Hinweisschilder in der historischen Altstadt präsent ist und auch die geplante zweite Metrostrecke komplett unterirdisch verlaufen wird, entstand die Idee, mit dem Dach von Coop Himmelb(l)au ein fulminantes Eingangsbauwerk zu schaffen. Ob der Mut von Stadtverwaltung und Architekten, ein Zeichen des 21. Jahrhunderts zu setzen, überzogen ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.