Paula Holmila

wird in den kommenden sechs Monaten über das architektonische Leben in Finnland berichten, über Veränderungen und Traditionen, Diskussionen und Ausblicke, Gebäude und Städte. Den Anfang macht DIE finnische Ikone, die Sauna. Erstaunlicherweise sind Architekten in Finnland gar nicht so sehr daran interessiert, deren Konstruktion radikal zu verändern – in der Regel bleibt es bei Holz. Dennoch spiegeln die Entwürfe, die junge Architekten beim letztjährigen Wettbewerb der finnischen Designmesse Habitare einreichten, aktuelle Strömungen wider: von der extrem schlichten aber edlen Ausführung bis zur ökologisch durchdachten Konstruktion. ~dr

~Paula Holmila

Bedachte Verjüngung
Liebe db,
ist es nicht seltsam, dass die Saunakultur selbst im heutigen Finnland eine so wichtige Stellung einnimmt? Liegt es daran, dass die Finnen über die Sauna den Kontakt zur Natur aufrechterhalten können, oder ist es die Naturverbundenheit, die die Saunakultur am Leben hält? Seit Jahrtausenden nehmen Finnen ihre Saunabäder, und das tun die meisten von uns immer noch einmal die Woche, traditionell am Samstagabend. Selbst heute werden überall neue Saunen gebaut, 1,7 Mio. gibt es in Finnland, für jeden dritten Einwohner eine. Die meisten gehören zu Sommerhäusern auf dem Land und liegen an einem See. Es gibt fast eine halbe Mio. solcher Häuschen, die Familien vor allem im Sommer als Zweitwohnungen nutzen. Das ist eine weltweit einzigartige Tradition. Ich kenne keinen einzigen Finnen, der nicht in die Sauna geht.
In Mehrfamilienhäusern in der Stadt gibt es oft eine Gemeinschaftssauna für alle Bewohner, die man beispielsweise einmal in der Woche für eine Stunde mietet. In den 80er Jahren kam es in Mode, selbst kleine Wohnungen mit Einzelsaunen auszustatten. Heute hat man erkannt, dass die kleinen elektrischen Saunen in Einzimmerwohnungen zu viel Energie verbrauchen und nun geht der Trend zur gemeinschaftlichen Luxusanlage auf dem Dach der Stadthäuser.
Es gibt auch in Hotels und Sportzentren gemeinschaftliche Saunen. Doch keine Sorge, auch hier ist die Sauna zumeist ein sehr privater und intimer Raum. Frauen und Männer saunieren normalerweise nicht zusammen mit Fremden, sondern nur mit ihren nächsten Angehörigen. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber das eigentliche Ritual ist sehr privat. In den Gemeinschaftssaunen gibt es separate Abteile für Frauen und Männer. In der Stadt baden die Familien nacheinander, wofür die Sauna dann an einem oder mehreren Abenden in der Woche angeheizt wird.
Das Konstruktionsprinzip hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert: Ein rundum geschlossener Raum, in der Mitte der Ofen mit Steinen – die sehr wichtig für die Produktion des richtigen Dampfs sind –, rundherum die Bänke, auf denen man auf die Hitze wartet, die entsteht, wenn man Wasser auf die heißen Steine gießt.
In früheren Zeiten war die Sauna ohne Kamin am meisten verbreitet, da man die notwendige Technik für den Abzug nicht beherrschte. Doch heute ist die Sauna ohne Rauch am beliebtesten, nicht zuletzt, weil es schwierig und gefährlich ist, eine Rauchsauna zu beheizen, und außerdem fünf bis sieben Stunden Anheizzeit nötig sind (Abb.: Rauchsauna in Lillianskog, 1997, Architekt: Marko Huttunen).
Nicht einmal Architekten interessierten sich bislang so richtig für eine Verjüngung der traditionellen Saunaform. Die grundlegenden Elemente sind stets die selben: Eine Sauna besteht aus Holz, ist ganz einfach und bescheiden geformt, wenn möglich, gehen die Fenster auf den See, in den man nach dem Schwitzen springt, selbst im Winter. Der Stil ist zumeist sehr minimalistisch. Jeder berühmte Architekt in Finnland hat sich auch eine eigene Sauna gebaut, doch unterscheiden sie sich nicht übermäßig. In Alvar Aaltos experimentellem Sommerhaus Muuratsalo befindet sich eine Sauna, ebenso in seinem Stadthaus in Munkkiniemi. Die Sauna der Villa Mairea hat ein Grasdach und ist sehr romantisch. Eine sehr berühmte Saunaarchitektur gehört zu Eliel Saarinens Haus Hvitträsk am See Vitträsk, das vom bekannten Architekten Reima Pietilä entworfen wurde. Staatspräsidentin Tarja Halonen hat in ihrer Residenz in Mäntyniemi bei Helsinki ebenfalls eine eigene Sauna, entworfen von Reima und Raili Pietilä, sowie eine in ihrem Sommerhaus Kultaranta in der Stadt Naantali, das vom Architekten Lars Sonck geplant wurde.
Im vergangenen Herbst schrieb die finnische Designmesse Habitare einen Wettbewerb aus, um das Saunadesign zu verjüngen. Man war dort sehr überrascht, dass fast 100 Vorschläge eingingen, die durchweg ein sehr hohes Niveau aufwiesen. Die jungen Architekten und Designer waren sehr innovativ, legten den Schwerpunkt aber auf ökologische Aspekte und verwendeten zumeist das traditionelle Holz. Auch die traditionelle Struktur einer Sauna behielten sie in der Regel bei: ein Raum für die Kleidung, ein Raum zum Waschen und Duschen und ein Raum zum Schwitzen.
Einer der Vorschläge war eine Rauchsauna aus Birkenrinde (Abb. 2). Ein weiterer Vorschlag, der sogar »Savu« (Rauch) heißt und den 2. Preis bekam, besteht aus Abfallholz mit verbrannten Oberflächen, so dass die Sauna ganz schwarz ist und nach Rauch riecht (Abb. 3, Entwurf: Putte Huima).
Der 1. Preis wurde für einen sehr minimalistischen Entwuf namens Kyly (das karelische Wort für Sauna) verliehen, entworfen von Ville Hara und Anu Puustinen vom jungen Büro Avanto, Helsinki. Der Entwurf wurde von einem designaffinen Manager gekauft, der ihn in seinem neuen Hotel und Eventzentrum in Billnäs aufstellen will. Kyly kann ganz einfach aus übereinander gelegten massiven Vierkanthölzern auf einer Fläche von 5 x 6 m aufgebaut werden. Es entsteht eine intime Komposition aus mehreren Räumen. Die massive Konstruktion bindet viel CO2 und ist ebenso einfach wieder abzubauen. Kyly ist die moderne Interpretation einer traditionellen Blockhaussauna. Die Abfolge der Räume beginnt mit zwei Schritten aus dem alltäglichen Trubel heraus in einen umschlossenen Umkleideraum. Eine Dusche befindet sich einen Schritt weiter. Der intimste Raum liegt zugleich am höchsten – die Sauna. »Geruch, Material und Oberfläche sowie die akustischen Eigenschaften von massivem Holz schaffen eine intensive Atmosphäre – ein ruhiges, hölzernes Nest«, kommentierte die Jury bei der Preisverleihung.
Offenbar sollen einige der Saunen des Habitare-Wettbewerbs realisiert werden und sogar in Serienproduktion gehen. Die schwarze Sauna Savu wird in der diesjährigen Design-Sommerausstellung in Fiskars ausgestellt. Man soll sie jetzt bestellen können und das zum verhältnismäßig niedrigen Preis von 10 000 Euro. Abfallholz wird keines mehr verwendet, um die Verbreitung giftiger Stoffe auszuschließen, aber die Grundidee der charakteristischen verbrannten Oberflächen wurde beibehalten.
Auch der Ofen ist seit Jahrhunderten derselbe große und breite Behälter: ein Feuerkasten ganz unten, worauf Steine gelegt werden. Kürzlich wurde eine neue Form eingeführt, etwa anderthalb Meter hoch und schmal, eine Art Röhre mit Steinen in einem Metallgitter. Ich kann sagen, dass dieser Ofen einen sehr angenehmen Dampf gibt und viel Platz spart. Damit ist er wohl die größte Veränderung in der Saunakultur, doch ist er noch nicht sehr verbreitet.
Wenn sich Architekten mit der Sauna beschäftigen, sind ihre Entwürfe bis auf wenige Ausnahmen sehr schlicht und traditionell. Radikale architektonische Umwälzungen erstrecken sich nicht auf die Sauna. Das mag technische Gründe haben oder daran liegen, dass finnische Architekten die traditionelle Sauna einfach schön finden. Im Buch »Villas and Saunas in Finland« des Architekten Harri Hautajärvi (Verlag Rakennustieto, 2. Auflage 2010) sind viele Beispiele schlichter und kleiner Saunen auch in modernen Gebäuden aufgeführt: Sie brauchen nicht viel Platz, sind zumeist aus Holz und werden elektrisch oder in erster Linie mit Holz beheizt.
Turku, die zweitgrößte Stadt in Finnland und bis 1821 auch die Hauptstadt des Landes, wird im nächsten Jahr Kulturhauptstadt Europas sein. Auch dort wird es ein »Sauna-Labor« geben, in dem beispielsweise der bekannte Künstler Jan-Erik Andersson aus Turku seine Fantasie-Sauna bauen wird: Sie hat die Form einer Zwiebel. In dem Sauna-Labor wird das Publikum Gelegenheit haben, in den experimentellen Saunen auch zu baden – Frauen und Männer immer schön getrennt, wie ich annehme.
Viele Grüße
Paula Holmila ist Journalistin mit Schwerpunkt Bauen und Kultur. Sie produziert Beiträge für Printmedien, Radio und Fernsehen sowie für das Internet.