1, 2 Der Leipziger Verein HausHalten startete 2004. Er kümmert sich um leer stehende, erhaltenswerte Gebäude
3 Gebäude im Westen von Leipzig werden von so genannten Hauswächtern genutzt und bewacht
4 Neue Nutzungen entstehen: Freiraumparasiten besetzen das Erdgeschoss eines leer stehenden Gebäudes
5 Blechplatten vor den Fenstern sind nicht gerade attraktiv, daher werden hier die Fenster in den Obergeschossen verspiegelt
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Öffnung und Aneignung

»Wenn in einer Familie nicht mehr Saxophon gespielt wird, was tut man dann? Man verkauft es. Oder man packt es gut für später weg. Oder, was eigentlich das Beste wäre, man lernt es spielen. Das kostet zwar Mühe, auch Geld, ist dann aber toll. In den schrumpfenden Städten würde man das Saxophon vernichten und ein neues bauen oder vielleicht ein Klavier anschaffen. Niemand kommt hier auf die Idee, die vorhandene Stadt bespielen zu lernen und damit Urbanität zu generieren1.«

Text: Stephan Willinger

Mit dem Begriff Stadtumbau wird seit einiger Zeit der Vorgang umschrieben, bei dem städtische Strukturen vor allem in den ostdeutschen Ländern an zurückgehende Bewohnerzahlen angepasst werden. Gemeint ist damit zunächst ein Programm der Bundesregierung, mit dem der Abriss von mehreren hunderttausend Wohnungen in Ostdeutschland gefördert wird. Wer nun vorschnell Plattensiedlungen assoziiert, der sieht nur die eine – und sicher weniger dramatische – Hälfte eines Phänomens, das uns noch einige Zeit beschäftigen wird. Die andere Hälfte, das sind flächige Leerstände und Abrisse in den Altstädten von Leipzig, Görlitz und Dessau. Und wo vor der Stadt noch Wohnungsgesellschaften gerettet werden, da zersetzen täglich neue Löcher in den Städten weitgehend ungesteuert die gewachsenen Gefüge. Auch wenn nicht aktiv abgerissen wird: Schleichender Verfall gefährdet die in langen Zeiträumen gewachsenen städtebaulichen Strukturen der historischen Zentren, einen Kernbereich städtischer Identität.
Zentrale Akteure dieses Prozesses sind zum einen die Wohnungsgesellschaften, die auch in den Innenstädten über Streubesitz verfügen – unbequemer als in den Großsiedlungen, weil schwerer zu verwalten und zu sanieren. Zum anderen die Kommunalpolitik, die vielerorts bereits versucht, durch den Abriss leer stehender historischer Bauten ein heiles Stadtbild zu präsentieren, um so im Hinblick auf den einzigen ostdeutschen Wachstumssektor, den Tourismus, konkurrenzfähig zu werden. Ein alternatives Raumbild für den »Luxus der Leere« (Wolfgang Kil) fehlt bislang. So ist es weniger ein Aufräumwahn als vielmehr konzeptionelle Hilflosigkeit gegenüber der Spirale von Wegzug, Leerstand und Verfall, die dann scheinbar nur noch den Abriss als Ausweg lässt. Dass es angesichts dieser Rahmenbedingungen nicht einfach ist, sich attraktive Entwicklungsperspektiven vorzustellen, ist offensichtlich. Auch bei noch so optimistischen Prognosen ist realistischerweise nicht anzunehmen, dass in einem überschaubaren Zeitraum für alle wegfallenden Nutzungen Ersatz gefunden werden kann, der angemessene Mieten garantiert. Doch was heißt hier angemessen? Wäre es nicht gerade in einer solchen Situation ein Zeichen von Baukultur, die frei gewordenen Gebäude für ganz unterschiedliche Aneignungsprozesse der Bewohner zugänglich zu machen, so dass diese nicht in einer chaotisch erscheinenden Geisterstadt leben müssen, wo der Wandel täglich als Verfall und Verlust dokumentiert wird? Doch in dieser Richtung tut sich noch wenig. Wie an vielen anderen Stellen unseres Umbau-Landes wünscht man sich zugleich mehr Gelassenheit und mehr konzeptionellen Mut.
Die kommunalen Bemühungen zielen zumeist in Richtung einer verstärkten Eigentumsbildung. Tatsächlich können hierdurch Anstöße für die Entwicklung der Innenstädte gegeben werden. Die gründerzeitlichen Bauten mit ihren flexiblen Grundrissen bieten vielfältige Nutzungsmöglichkeiten: vom Umbau zweistöckiger Gebäude zu innerstädtischen Reihenhäusern über die Umwandlung vierstöckiger Altbauten zu Maisonette-Wohnungen durch Haus-in-Haus-Lösungen bis zur Herstellung von großzügigem familienfreundlichem Wohnen durch Zusammenlegungen. An anderer Stelle wird versucht, den realen Abrissen zu folgen und die entstehenden Lücken für die Aufwertung der Quartiere nutzbar zu machen. So entstehen Freiräume in der Stadt, die gerade in den dichten gründerzeitlichen Blöcken gut nutzbar sind und derzeit die Paradebeispiele der so genannten Perforation bilden, eines städtebaulichen Leitbilds, das aus dem Abriss eine Tugend machen will. Doch wer zuviel über die Vorteile der Perforation spricht, ohne auf der Notwendigkeit einer Gesamtstrategie zu bestehen, gerät in Gefahr, weitere Abrisse zu legitimieren. Und riskiert damit auch den Verlust wertvoller Gebäude und Ensembles. So nutzbar diese neuen Freiflächen auch sein mögen (zumeist entstehen darauf Parkplätze): der grundlegende Ansatzpunkt für eine »neue Urbanität« liegt im Re-Programmieren des Raumes, in der Schaffung von Möglichkeitsräumen und nicht im Perforieren der schrumpfenden Stadt.
Raum für städtisches Handeln Die bisherigen Versuche diesen Prozess zu gestalten sind unzulänglich, weil die tradierten Sichtweisen und Instrumente nicht mehr greifen. Städtebauer und Architekten sind es gewohnt, Stadt durch bauliche Eingriffe zu gestalten: Infrastrukturen, Stadtteile und Gebäude. Doch bei schrumpfender Bevölkerung braucht es andere Formen der Intervention, um Raum für städtisches Handeln zu schaffen. Nach Lösungen müssen Stadtverwaltungen und Wohnungsbaugesellschaften an den Rändern des Üblichen suchen: mach neuen Akteuren, neuen Nutzungen, neuen Rechtsformen. Ein Weg besteht darin, leer stehende Altbauten mietfrei für temporäre Aneignungen zu öffnen. So entstehen »Heterotopien« im Sinne von Michel Foucault, »Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind«. Utopisch, weil Stadt hier als Lebensraum begriffen und durch Gebrauch, nicht durch Eigentum definiert wird. Es ist ein Weg, der sich von den positiven Aspekten der Hausbesetzungen anregen lässt, eine durchaus realistische Utopie jenseits von Mieten und Kaufen: In den Niederlanden werden Eigentümer nach dem Zeitraum eines Jahres verpflichtet, leer stehende Gebäude zugänglich zu machen.
Es ist eine erstaunliche Paradoxie, aber auch die temporäre Nutzung – eigentlich Gegenteil des Geplanten – muss durch Planung gefördert werden, um wirksam zur erhaltenden Erneuerung beizutragen. Mit einer integrierten Schrumpfungsplanung sind Zonen festzulegen, in denen Stabilisierung im Vordergrund steht und andere, in denen perforiert werden kann. Wo Erhaltung Vorrang genießt, dort muss Aneignung erleichtert, dort müssen die Schwellen möglichst niedrig werden. So wurde im Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung in Leipzig eine Vermittlungsagentur eingerichtet, um Nutzungsinteressenten an konkrete Brachen heranzuführen. Und in Berlin Hellersdorf arbeitet seit Beginn dieses Jahres eine Koordinierungsstelle für Zwischennutzungen, die auf reges In- teresse stößt. Anders als in den urbanen innerstädtischen Bezirken stehen dort nicht (sub-)kulturelle Nutzungen im Vordergrund, sondern ganz alltägliche: von selbst organisierten Kaufhäusern über Ponywiesen, Imbisse und Selbsthilfewerkstätten bis hin zu Hunde- salons. Aus Möglichkeitsräumen werden reale Umnutzungen, wichtige Bausteine der Revitalisierung.
Zugang statt Eigentum Doch wie kann eine Überlassung freier Flächen hier zu Lande rechtlich abgesichert werden, ohne in Eigentumsrechte eingreifen zu müssen? Ein bislang vor allem in Leipzig angewendetes Instrument ist die Gestattungsvereinbarung. Mit dieser Vereinbarung zwischen Stadt und Grundstückseigentümer konnten bislang etwa 100 ungenutzte Privatgrundstücke einer temporären Nutzung zugeführt werden. Seit kurzem werden Gestattungsvereinbarungen nun auch bei der Umnutzung von Gebäuden angewendet. Mit »HausHalten« startete 2004 ein privat initiierter Verein, der sich um die Aktivierung und Wiedernutzbarmachung leer stehender Gebäude bemüht. Als Pilotprojekt wurde ein städtebaulich bedeutsamer Block mit hoher Leerstandsrate im Leipziger Westen ausgewählt. Hier werden in mehreren Gebäuden »Hauswächter« untergebracht, die die Gebäude mietfrei nutzen können. Für den Eigentümer gibt es durchaus Gründe, sein Grundstück zur befristeten Nutzung zu überlassen: Vandalismus und der weitere Verfall der Bausubstanz werden gestoppt, die Stadt hilft bei der Organisation von Fördermitteln, im Einzelfall gibt es für den Zeitraum der Zwischennutzung eine Befreiung von der Grundsteuer und die laufenden Betriebskosten werden von den Nutzern getragen. Das Modell klang also utopisch, es bedurfte aber nur eines kleinen Schrittes in Form eines einfachen Rechtsinstruments, um daraus eine realistische Problemlösung zu machen.
Stadtumbau als soziale Aktivierung Ob man Leerstände als Zeichen des Verfalls oder als Möglichkeitsräume ansieht, ist eine Frage der Perspektive, eine soziale Konstruktion. Das Raumbild der geordneten Stadt belegt sie eindeutig mit negativen Attributen. Das Durchbrechen solcher Stereotypen ist eine der wichtigsten Aufgaben, um Bürger und Eigentümer zur Mitwirkung am Stadtumbauprozess zu animieren. Deshalb sind Projekte besonders wichtig, die versuchen, den Leerständen neue noch unerkannte Nutzungsmöglichkeiten abzugewinnen. Ein solches Projekt war die Umnutzung eines leer stehenden Plattenbaus als »Hotel Neustadt« in Halle. Im Sommer 2003 übernahmen unter Anleitung von raumlabor berlin und des Thalia-Theaters über hundert Jugendliche Planung und Ausbau von mehr als 90 individuell gestalteten Zimmern in der leer stehenden Wohnscheibe und anschließend den Hotelbetrieb. Eine Touristeninformation wurde eingerichtet und die ehemalige Espressobar im Erdgeschoss reaktiviert. Im Sommer fand dort ein Theaterfestival statt, das Hotel war mit 10 000 Besuchern zu 80 % ausgebucht. Das Hotel Neustadt ist beispielgebend durch die Einbeziehung der Jugendlichen in den kreativen Umbau eines leer stehenden Gebäudes und die durch das Theaterfestival erreichte öffentliche Ausstrahlung – ein soziales Kunstwerk.
Trotz aller Anstrengungen wird Leerstand viele Städte in Zukunft prägen. Findet sich für ein erhaltenswertes Gebäude keine auch noch so temporäre Nutzung, dann sollte vor dem Abriss geprüft werden, ob das Bauwerk nicht für einen bestimmten Zeitraum konserviert werden kann. Eine bauliche Grundsicherung auf niedrigem Niveau ist allerdings in jedem Fall erforderlich, wenn die zukünftige Nutzbarkeit gewährleistet sein soll. Nun sind Blechplatten vor den Fenstern kein geeignetes Mittel, um das Warten auf die neue Nutzung erträglich zu machen. Wie es aber gehen kann, zeigt ein Projekt aus dem brandenburgischen Finsterwalde, wo ein ungenutztes Gebäude zur Fassung des Stadteingangs erhalten werden soll. Das Erdgeschoss wird durch »Freiraumparasiten« besetzt, der öffentliche Raum dehnt sich in das Gebäude hinein aus, es entstehen neue Aktivitätszonen für die Bevölkerung, Spielflächen und Ruhebereiche.
Die Erhaltung und Umnutzung wertvoller Bauten und Ensembles muss auch in schrumpfenden Städten weiterhin Priorität haben. Dies mag kurzfristig Kosten verursachen, langfristig existiert hierzu aber keine Alternative, weil qualitätvolle Bausubstanz die Basis einer nachhaltigen Revitalisierung ist. Die Betrachtung möglicher Strategien macht klar, dass Kreativität und Engagement erforderlich sind, um die historischen Innenstädte vor ungeplanten Abrissen zu schützen. Auch wenn die Kalküle vieler Stadtverwaltungen und Wohnungsbaugesellschaften derzeit noch in eine andere Richtung zielen: Sie sind nicht ein für allemal festgelegt, sondern Gegenstand stetiger Aushandlungen um die Baukultur und die Zukunftsperspektiven einer Stadt und somit beeinflussbar. Die mietfreie Aneignung leer stehender Bauten ist dabei sicher eher ein Sonderfall als zukünftige Normalität. Es ist aber ein Sonderfall, der modellhaft für die Möglichkeit steht, in der Schrumpfung die Stadt als Lebensraum wiederzugewinnen, als Raum für alle Bürger. S. W.