1 Die Ansicht von der rückwärtigen Fleetseite. Mit der Beleuchtung im Inneren lässt sich die Gebäudetiefe in der schmalen Lücke am Abend noch besser erfahren
2 Das Gebäude am Neuen Wall nach dem »Redevelopment« …
3 … und zuvor. Erstaunlich: Die Aufnahme stammt noch aus dem Jahr 2001. Aufgrund der schlechten Bausubstanz und zahlreicher Umbauten erschien das Gebäude nicht erhaltenswert
4 Grauer Sandstein umrahmt die flächige, inzwischen dreiachsige Glasfassade
5 Der weitreichende Blick von der Fleetseite ist nur den Mitarbeitern der obersten Geschosse vergönnt
6 Um die Transparenz zu erhalten, wurde im Inneren überwiegend Glas verwendet. Nur die halbellipsenförmige Wand aus Holz (rechts) zieht sich durch alle Bürogeschosse
Büro- und Geschäftshaus in Hamburg

Neuer Wall 30

Es war keine Baulücke im eigentlichen Sinn, mit deren Neu- planung die Architekten beauftragt wurden. Das bestehende Gebäude, zwischenzeitlich sowohl baufällig als auch wirtschaftlich unrentabel, einte nach zahlreichen Umbauten Architekturelemente aus den dreißiger, fünfziger und achtziger Jahren. Eine Herausforderung stellte vor allem die immense Bautiefe auf dem handtuchschmalen Grundstück dar, das mit 36 Metern länger als das Gebäude hoch ist. The site the architects were appointed to redevelop wasn’t strictly speaking an infill site. The existing building, which had become both dilapidated and uneconomical, combined architectural elements from the Thirties, Forties and Eighties as a result of numerous alterations. The depth of the extremely narrow site presented a particular challenge; at 36 metres, it is longer than the building is high.

Text: Claas Gefroi

Fotos: Markus Dorfmüller, Felix Borkenau
HafenCity, Bavaria-Quartier, Perlenkette an der Elbe, Architekturolympiade und noch viel mehr: Angesichts der zahlreichen Großprojekte, die in Hamburg zur Zeit vom Stapel laufen, könnte man meinen, die Stadt besitze enorme Reserveflächen. In der Tat gibt es hier, anders als in anderen Großstädten, viele Brachen durch die Verlagerung von Teilen des Freihafens und die Aufgabe von Bahn- und Industriegebieten. Doch in der Innenstadt werden die verfügbaren Flächen langsam knapp; Großprojekte wie die Europapassage lassen sich nur noch durch Abriss von Altbauten realisieren. Angesichts der in jüngster Zeit weiter gestiegenen Mietpreise für Büro- und Gewerbeflächen rücken nun auch kleinmaßstäbliche Projekte immer mehr in den Fokus der Investoren: Selbst winzige Baulücken werden gefüllt und Altbauten teilweise aufwändig saniert oder komplett umgebaut.
Am Neuen Wall, Hamburgs kleiner, aber umso feinerer Einkaufsstraße für Armani, Sander und Co, waren die Verhältnisse von jeher beengt. Früher standen auf den schmalen, tiefen Grundstücken des 1707/08 eingeebneten Stadtwalls zwischen Bleichen- und Alsterfleet Wohnhäuser, die nach dem Großen Brand von 1842 durch Kontor- und Geschäftshäuser ersetzt wurden. Der wirtschaftliche Druck war hier seit jeher enorm groß und so sind nicht nur in der Zeit zwischen 1900 und dem Erstem Weltkrieg im großen Stil die Altbauten des 19. Jahrhunderts abgerissen worden, sondern in den Achtzigern und Neunzigern auch Häuser aus den Fünfzigern schon wieder verschwunden. Auch die zahlreichen Umgestaltungen und Aufstockungen der heute noch existierenden historischen Kontorhäuser aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende zeigen den permanenten Zwang zur Veränderung und Anpassung in diesem Teil Hamburgs. Das Büro- und Geschäftshaus mit der Hausnummer 30 war so ein komplizierter Fall: immer wieder umgebaut, trafen zuletzt Elemente aus den dreißiger, fünfziger und achtziger Jahren aufeinander. Da das Gebäude im Laufe der Zeit unrentabel und baufällig geworden war, verpflichteten die Besitzer das noch relativ junge Hamburger Büro KBNK Architekten für ein »Redevelopment«.
Dieses ging gründlich zu Werke. Erhalten wurden letztlich nur das stählerne Tragwerk, das Treppenhaus sowie Teile der Stahlbetondecken. Die Architekten verfolgten dabei insbesondere das Ziel, die disparate Fassade durch eine homogenere zu ersetzen. Dabei wurden die divergierenden Geschosshöhen mittels kleiner optischer Tricks wie den unterschiedlichen Brüstungshöhen nach außen nivelliert. Die ursprünglich völlig unterschiedlich gestalteten beiden unteren Etagen wurden durch große Fensterflächen, eine schmale Zwischenbrüstung und einen Rahmen aus Pietra Serena, einem grauen, italienischen Sandstein, zusammengefasst; in der Folge erhielt die Fassade eine klassische Dreigliederung. Ebenso wurden die ehemals vier Fensterachsen auf drei reduziert, der Eingang stärker betont und durch geschickte Ausnutzung der baurechtlichen Grenzen für First- und Traufhöhen die Geschosszahl um drei auf sieben erhöht.
Ein spezifisches Hamburger Thema sind die zu den Fleeten gelegenen Rückseiten. Sie sind in der Innenstadt oft ebenso aufwändig gestaltet wie die Straßenfassaden, weshalb man eigentlich auch von der zweiten Vorderseite sprechen müsste. KBNK stellten sich dieser Herausforderung. Da der Wasserspiegel im Bleichenfleet unter dem Straßenniveau des Neuen Walls liegt, galt es, auch das Kellerge-schoss in die Gestaltung einzubeziehen. Die Architekten addierten es den beiden Sockelgeschossen hinzu, auch hier optisch zusammengehalten durch den rahmenden Sandstein. Das große, vom Keller bis zur Oberkante des Erdgeschosses reichende Schaufenster wurde möglich, weil die Kellerdecke nicht an die Fassade herangeführt wird, sondern Platz lässt für einen veritablen Luftraum, der dem hier ansässigen noblen Schuhgeschäft zugute kommt. Dessen Kunden und Angestellte können von hier den wundervollen Ausblick auf den Fleet und in die Umgebung genießen.
Abends, wenn im Haus die Lichter angehen, gewinnt das Gebäude überraschend an Tiefe. Großzügige Glasflächen und der Verzicht auf jegliche Innenwände ermöglichen den Blick durch das gesamte Ladengeschoss bis zur anderen Seite – und das bei einer Gebäudetiefe von 36 Metern. So ist es den Architekten bemerkenswert gut gelungen, eine Brücke in die Vergangenheit zu schlagen, ein Haus zu schaffen, das sich in den Kontext der disparaten Umgebung einfügt und dennoch mit seinen klaren, reduzierten und offenen Fassaden ein Kind unserer Zeit ist. Dieser Hang zur Reduktion und Offenheit findet sich auch im Inneren: In den Büroetagen sind die Grundrisse bis auf eine ovale Wand aus lebhaftem Sucupira-Holz, hinter der sich Küchen und Toiletten verbergen, offen und flexibel nutzbar. Wo Wände für den Nutzer unumgänglich waren, wurden sie meist in Glas gefertigt. Diese Offenheit hat wenig mit dem Wunsch nach sozialer Kontrolle oder einem »gläsernen Mitarbeiter« zu tun, sondern ist eine geradezu zwingende Folge des schmalen, extrem tiefen Grundstücks: Will man Arbeitsplätze in ständigem Kunstlicht vermeiden, muss das Sonnenlicht möglichst weit in die Tiefe des Raums fließen. Dank moderner, automatisch schließender Brandschutzrollläden konnte eine der seitlichen Brandwände mit Fenstern zum benachbarten Innenhof geöffnet werden, um zusätzliches Licht in das Zentrum des Hauses zu lenken.
Wenn es so etwas wie eine Hamburger Schule in der Architektur gibt, dann repräsentiert dieses Haus sie nahezu perfekt: Es ist auf eine fast schon klassische Weise modern, nicht radikal, aber durchdacht bis ins kleinste Detail. Die Materialien sind hochwertig, aber dezent. Das Gebäude fügt sich in den Kontext ein und behauptet doch seine Eigenständigkeit, ohne übermütig zu werden. Dieser Hang zu Kontinuität, Verhaltenheit und Disziplin mag von außen betrachtet im Einzelfall wenig spannend wirken, doch die wunderbare Gesamtwirkung der Hamburger Innenstadt wäre nicht möglich ohne den Zusammenklang einer Vielzahl solch vornehm-schlichter Bauten. Und wenn dann und wann die kollektive Hamburger Kaufmannsseele doch einmal von dem Wunsch nach etwas Aufregendem, Verwegendem übermannt wird, beruhigt sie sich bei langen Spaziergängen an Alster und Elbe. Wenn das nichts hilft, kauft man eine neue Philharmonie bei Herzog & Meuron. C. G.
Bauherr: Neuer Wall 30 Verwaltungs GmbH, Hamburg Architekten: KBNK Architekten, Hamburg Mitarbeiter: Christian Schünemann, Dominik Hinterberg, Petra Jahnsen, Philipp Jurecka, Kristin v. Nitzsch, Lara Weber Tragwerksplanung: Ingenieurbüro A.H. Matthies, Hamburg Haustechnik: Ingenieurgesellschaft Ridder Meyn Nuckel mbH, Norderstedt Nutzfläche: 2750 m² Umbauter Raum: 11 500 m³ Baukosten: 6,05 Mio Euro Fertigstellung: September 2003 Bauwerk des Jahres 2003, AIV Hamburg