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Naturschutz

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Naturschutz

Krise und Zukunft. Von Josef H. Reichholf. Kartoniert, 169 Seiten, 10 Euro. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010

~Christian Holl

Mit dem Satz »Natürlich muss die Natur geschützt werden« beginnt Josef Reichholf das Buch über Praxis, Alltag, Widersprüche und Zukunft des Naturschutzes. Dass die Natur geschützt werden müsse, daran will Reichholf keinen Zweifel aufkommen lassen – wird auf den folgenden Seiten doch von so mancher für den eingefleischten Naturschützer unangenehmen Beobachtung berichtet, so manche unbequeme Argumentation entfaltet. Reichholf zeigt, dass Zweifel einer Sache mitunter dienlicher sind als eine gegen Widerstände unverrückbar eingenommene Haltung. Der Autor fragt, ob das gängige System des Schutzes von bedrohten Arten wirkungsvoll ist. Er fragt, ob es der betroffenen Art hilft, wenn (angeblich) zu ihrem Schutz etwas verhindert wird – etwa der Bau einer Auto-, einer Landebahn. Reichholf stellt in Frage, ob der Naturschutz mit dem richtigen Maßstab gemessen wird – Vorbild seien die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts, das allerdings von übernutzten, ausgelaugten Böden und Armut gekennzeichnet gewesen sei, in dem nicht von ungefähr Hunderttausende Menschen auswanderten, um zu überleben. Reichholf, seit Jahrzehnten im Naturschutz aktiv, weiß, wovon er spricht: Er kennt die Zahlen, die Verhältnisse, die Argumente. Er weiß, dass in Städten und Vororten der Artenreichtum größer ist als in Wäldern, auf Feldern, in so manchem Gewässer. Er weiß, dass die Ausnahmen, die Förster, Bauern und die Fischerei genießen, den Naturschutz stärker beeinträchtigen, als es jedes Verbot tut, das Naturfreunde davon abhält, sich an dem zu erfreuen, das sie schützen wollen. Er weiß, dass der Landschaftsschutz, der Landstriche künstlich in einem stabilen Zustand erhält, mehr den Grundsätzen des Denkmalschutzes als natürlichen Prozessen entspricht. Er weiß, dass auf dem Gelände des von Naturschützern bekämpften Münchener Flughafens mehr geschützte Arten in höheren Beständen anzutreffen sind, als dies zuvor der Fall gewesen ist. All dies führt Reichholf zu Forderungen, die ein grundlegendes Umdenken im Naturschutz voraussetzen: Arten konsequent zu schützen, egal wo sie sich befinden, prinzipiell Ausnahmeregelungen in Frage zu stellen, private Naturschutzgebiete zu ermöglichen, Menschen nicht im Namen des Naturschutzes den Zugang zur Natur zu verweigern. Nur wenn sie erleben, sich an dem erfreuen, was geschützt werden muss, setzen sie sich dafür ein. Denn es besteht ja kein Zweifel: »Natürlich muss die Natur geschützt werden.«
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