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Möbelmesse Köln

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Möbelmesse Köln

Auf der ersten Möbelmesse nach der Krise lagen hochwertig verarbeitete Möbel und Naturmaterialien wie Holz und Leder im Trend. Ein Rundgang über die imm cologne 2011 und den Sonderbereich LivingKitchen mit der db.

Text: Andrea Eschbach

Kleine Männchen in Kartoffelsäcken malträtieren einen Teppich, sie gehen mit Presslufthämmern, Pistolen und Schleifapparaten ans Werk. Im Schaufenster des Kölner Möbelhauses Pesch präsentierten Mitte Januar die bewaffneten »Textilkiller« ihr zerstörerisches Werk an den Teppichkunstwerken von Jan Kath. Eine humorvolle Einstimmung auf die imm, auf der der Teppich-Designer seine Kreationen zeigte. Statt Teppichmonstern stecken hinter den Werken des Bochumer Designers alte Produktionsmethoden. In Manufakturen im Himalaja wird nach jahrhundertealter Tradition mit der Hand geknüpft. Dies jedoch in zeitgenössischem Design. So werden in der Serie »Erased Classic« [1] die klassischen Muster aufgelöst: An einigen Stellen scheinen die Rapporte wie wegradiert, mit Säure übergossen und ausgewetzt. »Das Perfekte und Glatte langweilt unser Auge«, sagt Jan Kath. »Maschinen machen keine Fehler. Unsere Knüpfer in Kathmandu machen zwar perfekte Arbeit, aber dennoch entstehen Unregelmäßigkeiten, programmierte Fehler sozusagen.«
Nachhaltiger Lebensstil
Das Streben nach Qualität prägte die diesjährige Möbelmesse. Auf der imm cologne 2011 und der Küchenmesse LivingKitchen präsentierten rund 1 200 Hersteller aus 48 Ländern ihre Neuheiten. In sieben Tagen strömten 138 000 Besucher in die Deutzer Messehallen – ein Besucherzuwachs gegenüber dem Vorjahr von immerhin 38 %. Die Leistungsschau der Branche – die erste nach der Wirtschaftskrise – zeigte sich optimistisch, aber dennoch zurückhaltend mit Innovationen. Die Talfahrt der Ökonomie hat nach Einschätzung der Hersteller auch das Empfinden vieler Bürger verändert – nach unruhigen Zeiten setzen Kunden wieder verstärkt auf Qualität und Langlebigkeit. Verbraucher strebten zu einem nachhaltigen Lebensstil, der mit der Natur vereinbar ist, erklärten unlängst die Londoner Trendforscher vom Büro »The Future Laboratory«. Tradition und Langlebigkeit seien mehr gefragt denn je.
Auf dem Holzweg
Wie ein Rundgang über die Messe und das begleitende »Passagen«-Programm zeigte, spielen besonders Möbel aus Holz bei der Einrichtung eine zunehmend wichtige Rolle. Das belgische Label Feld – eines der wenigen Highlights der diesjährigen Passagen – präsentierte eine ebenso schlichte wie praktische Garderobe: Im Entwurf »Piano« [2] von Patrick Seha lassen sich nicht Klaviertasten anschlagen, sondern Holzelemente als Kleiderhaken aus der Fläche herausklappen.
In dezentem Retrolook überzeugte das Daybed »Mellow«, ein Entwurf des Designstudios Formstelle für Zeitraum. Es ist Liege, Sitzgelegenheit und Chaiselongue zugleich. Das zierliche Möbel aus amerikanischem Nussbaum lädt mit den weichen Kissen und einer bequemen Rückenrolle zum Verweilen ein. Mehr Skulptur als Sitzmöbel ist der »Munken Cube« [3] von e15. 2 200 Blatt Munken-Papier sind, einseitig verleimt, auf einem Sockel aus massiver Eiche gestapelt. Ein Arbeitsinstrument für alle Menschen, die ihre Ideen schnell mal festhalten wollen.
Zeitlos und exzellent verarbeitet ist der Stuhl »Wogg 50«. Jörg Boners Sperrholz-Stuhl für Wogg überzeugte mit seiner klaren Formensprache und moderner Verarbeitungstechnik auch die Jury des Interior Innovation Award, der seit 2002 von der imm cologne und dem Rat für Formgebung vergeben wird: Sie zeichnete den Entwurf mit dem Prädikat »Best of Best« aus.
Mit dem Bereich »Pure Textile« wurde den Textil-Editeuren 2011 erstmals eine eigene Präsentationsplattform zur Verfügung gestellt. Hier zeigte u. a. der Schweizer Hersteller Création Baumann seine Kollektion zum 125-jährigen Jubiläum. Und ungewöhnlicherweise kommt auch hier Holz zum Einsatz: Was beim Vorhangstoff »Elwood« [4] auf den ersten Blick wie ein schlichtes Karodessin wirkt, sind in Wirklichkeit millimeterdünne, Hand geschnittene, aufwendig applizierte quadratische Holzfurnierplättchen aus Ahorn oder Nussbaum.
Doch auch Leder spielt in der kommenden Möbelsaison wieder verstärkt eine Rolle. Üblicherweise natürlich als Bezugsmaterial für Polstermöbel, aber zunehmend auch als Intarsie bei Schubläden oder Tischoberflächen: Sogar Leuchten werden damit überzogen. Eine gewisse Grenze wird dem Einsatz von Leder durch die starken Preiserhöhungen in Zukunft wohl gesetzt werden. Der neue Esszimmerstuhl »Leslie« von Soda Designers für Wittmann spielt mit der klassischen Polstermöbeltechnik, der Knopfheftung. Das entscheidende und unverwechselbare Element ist eine weiche Matte, die auf dem Stuhl lediglich aufzuliegen scheint, aber dennoch fest mit ihm verbunden ist. Sehr bewusst setzen die Designer damit auf traditionelle Bilder.
Der neue Salontisch von Team by Wellis besticht mit einem raffinierten Dreh: In »Rimo« von Kurt Erni breiten sich von einer vertikalen Säule drei mit Leder bezogene Tischfächer wie Flügel in alle Richtungen aus. Bei Walter Knoll sank man in großzügige Lederflächen, die auf einem filigranen Gestell ruhen. Das Sofa »Jaan Living« [5] vom österreichischen Designbüro EOOS balanciert Leichtigkeit und Schwere gelungen aus. Für zusätzliche Bequemlichkeit während kurzer Tag-Träume und langer Lese-Abende sorgen Ablageborde aus Glas, aus furniertem oder lackiertem Holz. Insgesamt präsentierte der Hersteller aus Herrenberg acht neue Produkte und Programmerweiterungen, darunter Sessel, Sofas, Beistelltische und Esstische aus Massivholz. Neue Stoffe und wertige Leder in erdigen Naturtönen erweitern die Walter Knoll Stoff- und Lederkollektion.
Kompakt oder raumgreifend
Dynamisch kommt das Sitzmöbel »Drift« [6] von Interprofil daher. Das in Berlin und Los Angeles ansässige Architekturbüro Graft hat mit der Sitzlandschaft das Motto »Ruhe in Bewegung« perfekt umgesetzt. Die schwungvolle Linienführung betont den bewegten Charakter des Möbels. Ein Eyecatcher ist auch der jüngste Entwurf der französischen Designer Ronan und Erwan Bouroullec. Bei Ligne Roset zeigten sie das Sofa »Ploum« [7]. In knalligem Rot stach das großzügige Sitzmöbel im Chesterfield-Look unter all den Weiß- und Naturtönen, die auf der Messe vorherrschten, ins Auge. Ein besonders weicher Schaumstoff ist mit einem Stretchmaterial überzogen, die organische Form und die niedrige Sitzhöhe bieten Entspannung. »Wir haben uns das Sofa wie eine reife Frucht vorgestellt«, sagen die beiden Designer. Das Möbel war der heimliche Liebling auf dem Ligne Roset-Stand. Jeder wollte mal probesitzen – und nicht mehr aufstehen. Generell konnte man auf der Messe die Tendenz ausmachen, dass Sofas wieder kleiner werden: Das kompakte Steck-Sofa »Fossa« des Franzosen Aurélien Barbry für Cor [8] ist ein Verwandlungskünstler. Schnell wird aus der Couch ein Bett und aus dem Zwei- ein Dreisitzer. In den Vertiefungen von »Fossa« (lateinisch Graben) lassen sich Kissenpolster beliebig einsetzen und verschieben.
Kinder im Visier
Einen gelungenen Coup landete Richard Lampert mit seiner frechen Kinder-Kollektion, für die er sechs renommierte Designer wie die Schwedin Monica Förster und den Niederländer Bertjan Pot gewinnen konnte. »Möbel für Kinder haben ein Problem: Ihre Benutzer sind ihnen bald entwachsen«, sagt Lampert, Möbelmacher aus Stuttgart. Mit »Kids only« will er Kindermöbel präsentieren, die auch über Generationen hinweg gefallen. Bertjan Pots gestrickter Autoreifen »Pit Stop« gefällt sicher nicht nur kleinen Jungs. Und das Schaukelpferd »Rocker« [9] des in London ansässigen Design-Paars Nipa Doshi und Jonathan Levien behält man dank des skulpturalen Charakters auch gerne nachdem die Kinder bereits größer sind. Eine Kollektion, die Emotionen weckt. Mehr davon hätte der ersten Veranstaltung des Möbeljahrs gut getan. Vom proklamierten Ziel der Koelnmesse, die imm cologne zum Trendbarometer für die internationale Möbelindustrie zu machen, ist man noch ein gutes Stück entfernt, dennoch war die Messe ein großer Erfolg – sicher nicht nur für die Macher: »Das war die mit Abstand beste Möbelmesse der letzten 10 Jahre: mehr Besucher, mehr Abschlüsse und beste Stimmung«, so das Fazit von Messechef Gerald Böse. •

Möbelmesse Köln (S. 66)
Andrea Eschbach
1964 in Mannheim geboren. Studium der Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg. Tätigkeit als freie Design-Journalistin in Zürich, u. a. für die NZZ, Der Standard, Form, design report und Frame.
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