Hotel Puerta América in Madrid

Modellierte Räume

Wie ein Paradiesvogel nimmt sich das Hotel Puerta América an der vielspurigen Avenida América in Madrid aus. Das Innere des Hotels gestalteten 19 Architekten, jeder ein Stockwerk, unter ihnen Zaha Hadid. In ihren organisch geformten »Raumskulpturen« ist die klassische Dreiteilung des Raums aufgehoben. Für die Umsetzung ihres Entwurfs wurden die Eigenschaften von acrylgebundenem Mineralwerkstoff bis ans Limit gebracht. Hotel Puerta América appears like a bird of paradise along the four-lane Avenida América in Madrid. Nineteen architects designed the hotel interior, among them Zaha Hadid. The traditional hotel room with its tripartite division has been replaced by organically formed “room sculptures”. In order to realise the design, the properties of acrylic-based solid surface materials were pushed to the limit.

Text: Klaus Englert Fotos: diephotodesigner.de

Im letzten Sommer ist Madrids »Puerta América« mit großem publizistischem Getöse als Design-Hotel der Superklasse eröffnet worden. Der Eigentümer, die spanische Hotelgruppe Silken, hat sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Sie beauftragte 19 Architekten, um zwölf Geschosse und weitere Bereiche nach ihren ganz persönlichen Vorstellungen entwerfen zu lassen; angefangen von Oscar Niemeyers sichelförmiger Skulptur im Garten bis zu Jean Nouvels Fassadengestaltung, die durch farbenfrohe Markisen hervorsticht, denen Fragmente aus Paul Eluards Gedicht »Liberté« aufgedruckt sind. An der viel befahrenen Avenida América sticht Nouvels bizarr gestaltete Hochhausscheibe sofort ins Auge, was zweifelsohne auch im Interesse der Hotelmanager ist, die offenbar an Ian Schragers New Yorker Hotelprojekt anknüpfen wollten, mit dem der Hotel-Tycoon vor fünf Jahren Rem Koolhaas und Herzog & de Meuron zusammenführte. Bekanntlich scheiterte das Projekt, doch es blieb die Idee eines extravaganten Design-Hotels, gemäß Donald Trumps Motto »Trendige Hotels, von renommierten Architekten entworfen, vermarkten sich besser«. Zwar standen den Spaniern diese beiden Pritzker-Preisträger nicht zur Verfügung, dafür wurde aber sofort für Ersatz bei anderen Pritzker-Preisinhabern und Laureaten gesorgt. Und so spannte man Zaha Hadid und Norman Foster ein, dazu siebzehn weitere Stars und Sternchen, die an die Gestaltung der einzelnen Geschosse und Gemeinschaftsbereiche natürlich höchst unterschiedlich herangingen.
Exzentrik und Funktionalität In der Tat ist kaum ein größerer Gegensatz denkbar als zwischen den expressionistisch anmutenden Räumen aus kaltem rostfreiem Stahl des Londoner »Plasmastudios« (Holger Kehne, Eva Castro) und dem gediegenen Minimalismus eines David Chipperfield oder dem neobarocken Kulissenzauber von Vitorio & Lucchino. Sicherlich hat jeder sein eigenes Formenrepertoire umgesetzt, aber beim genauen Hinsehen werden auch gemeinsame Interessen in der Auswahl flexibler Materialien erkennbar. So haben sich besonders Zaha Hadid, David Chipperfield, Kathryn Findlay, Ron Arad und Jean Nouvel für den acrylgebundenen Mineralwerkstoff LG HI-MACS entschieden, der den Vorzug besitzt, das Mobiliar wie in den wagemutigen Utopien der Pop-Ära verformen zu können. Christian Liaigre wählte das neuartige Material für die gravierte und verformte Verblendung der Restauranttheke. Und John Pawson verwandte den Werkstoff für die Decken- und Ablageverkleidungen im Foyer, ansonsten setzte der englische Minimalist auf einen atmosphärischen Empfangsbereich, betont durch geschwungene und perforierte Holzpaneele. In der angrenzenden Bar stellte Marc Newson die sechseckigen weißen Tische ebenfalls aus dem acrylgebundenen Mineralwerkstoff her. In der Raumflucht der Bar kommt die Transluzenz des Materials besonders gut zur Geltung.
Die intensivste Auseinandersetzung mit dem Werkstoff findet sich bei Zaha Hadid. Sie benutzte das Material als umfassenden Experimentalstoff für Foyer, Flure und Zimmer. Schon beim Betreten des weißen Vestibüls weht dem Besucher ein kühler Hauch von Space Odyssey entgegen. Von der Decke hängt eine futuristisch kantige Lampenkonstruktion, während aus dem höhlenartigen Raum Sitzgelegenheiten wie spitze Dornen herausragen. Das weiße Oberflächenmaterial behielt Hadid auch im Korridor bei, den sie, um jede Gleichförmigkeit zu vermeiden, als eine ondulierende Raumsequenz entwarf. Selbstverständlich gestaltete die Irakerin auch die Zimmer mit den weißen Acrylbauteilen und verwandelte sie in märchenhaft organische Gebilde. Für Zaha Hadid war das Design für »Puerta América« tatsächlich ein Experiment, um die Gestaltungsvielfalt des Materials zu testen. Das nun zu besichtigende Ergebnis ist ein Raumkörper, der wie aus einem Guss wirkt. Mit Ausnahme der Sitzgelegenheit gibt es kein isoliertes Mobiliar, da Bett und Ablagen als Teile eines Raumkontinuums behandelt wurden. Am deutlichsten wird das Gestaltungskonzept im Bad. Es besteht aus einer einzigen Struktur, die vom Boden bis an die Decke geht. Badewanne, Waschbecken, Toilette, Handtuchhalter und sogar Papierkorb sind fugenlos miteinander verbunden und integraler Bestandteil des Raums. Neben diesen interessanten Einblicken in die Gestaltungsmöglichkeiten des Mineralwerkstoffs sind jedoch bei den funktionalen Aspekten einige Punktabzüge zu berücksichtigen.
Auch Kathryn Findlay war offensichtlich von der Modulationsfähigkeit des Acrylwerkstoffs fasziniert. Im Foyer des von ihr gestalteten Geschosses wähnt sich der Besucher im Raumschiff Orion. Organisch gewölbte Sitzgelegenheiten sind umgeben von einer so genannten Memory Wall. Farbige Lichtpunkte an der Wand erzeugen, entsprechend den Bewegungen des Gastes, Reflexe auf dem Boden. Genauso wie Hadid ist auch Findlay von der atmosphärischen Dichte des Weiß begeistert. Überzeugend sind die bruchlosen Übergänge zwischen Badkabine und Schlafzimmer, doch letztendlich gelingt es der Schottin nicht ganz, die Gestaltungsqualitäten des Mineralwerkstoffs vollends auszuschöpfen. Das weiße Zimmer mit abgehängtem Bett und darüber angebrachtem Fernseher erinnert zu sehr an einen aseptischen Klinikraum. Dagegen überzeugt Richard Gluckmans Spiel mit Texturen und Farben, mit reichen und armen Materialien. Bei der Zimmergestaltung schreckte er nicht davor zurück, Hightech-Materialien wie Methacrylat für die transluzent wirkenden Mauernischen zu verwenden, im Gegensatz zu Faserzement als »armes« Wandmaterial.
Das Nobelhotel, das die gestalterische Freiheit hochhalten will, ist zum Sinnbild kakophonischer Dissonanzen geworden. Hauptsache, man kann mit den »big names« trumpfen. Im harten Kampf um neue Hotelkapazitäten und fantastische Renditen ist dies sicher nicht die schlechteste Publicity. K. E.
Bauherr: Hoteles Silken, Barcelona Architekten: Jean Nouvel (Fassade, 12. und 13. OG), Zaha Hadid (1. OG), Norman Foster (2. OG), David Chipperfield (3. OG), Plasma Studio (4. OG), Victorio & Lucchino (5. OG), Marc Newson (Bar, 6. OG), Ron Arad (7. OG), Kathryn Findlay, Jason Bruges (8. OG), Richard Gluckmann (9. OG), Arata Isozaki (10. OG), Javier Mariscal, Fernando Salas (11. OG), John Pawson (Lobby, Konferenzräume), Christian Liaigre (Restaurant), Teresa Sapey (Tiefgarage) Gesamtplanung: SGA Estudio, Vitoria Lichtdesign: Arnold Chan, London Landschaftsarchitekten: BBUK, London Baukosten: ca. 75 Mio Euro Eröffnung: August 2005