Mies – more or less

~Ulf Meyer

125 Jahre hat es gedauert, bis die Stadt Aachen die Bedeutung ihres berühmten Sohns, Ludwig Mies van der Rohe, begriffen hat: Einen Bauauftrag hat Deutschlands bekanntester Architekt dort nie bekommen. Schon mit 19 Jahren zog er nach Berlin. Mit einem Symposium lud der Fachbereich Architekturtheorie der RWTH anlässlich Mies‘ 125. Geburtstags bekannte Architekten und Theoretiker aus aller Welt dazu ein, öffentlich drei Tage lang »Mies neu [zu] denken«. Es blieb ein Wunsch. Denn die Mies-Rezeption und -wertschätzung hatte schon 2001 einen gewaltigen Schub bekommen, als der »Berliner« und der »Chicagoer Mies« umfassend erforscht, ausgestellt und publiziert wurde. Der »Aachener Mies« blieb dabei außen vor. »Nicht primär eine hagiografische Laudatio« wollten die Veranstalter, keine kultur- und architekturhistorische Würdigung oder »Klassikerpflege« (Axel Sowa), sondern »ein Überdenken der Grundsätze von Mies in das Heute und die Zukunft – und dabei Querverbindungen herstellen zu zeitgenössischer Kunst und Kultur«.
In der kalten und stark hallenden St.-Nikolaus-Kirche in Aachen wärmte sich nun volle drei Tage lang eine treue Schar von Miesianern am Beamer – und dem Angedenken an den größten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts. Einen Sakralraum als Konferenzort zu wählen, schien programmatisch. Eine »Mies-Schule« gibt es heute zwar nicht, aber wie wirkmächtig das Werk des wortkargen Aacheners bis heute ist, bewiesen Historiker wie Barry Bergdoll aus New York und ebenso eindrücklich Entwerfer wie Eduardo Souto de Moura aus Porto oder Alberto Campo-Baeza aus Madrid (s. auch S. 12), denen ein einzelner Aspekt von Mies‘ Architektur genügt, um eine neue Architektur mit Weltklasse zu entwickeln. Für Souto de Moura war es das »lebenslange Pendeln zwischen Neo-Klassizismus und Plastizismus« und für Campo-Baeza die Erhebung der Bauten auf einen Sockel.
Schon in den frühen 90er Jahren erlebte Mies eine Renaissance: Die Villa Tugendhat war nicht länger hinter dem eisernen Vorhang verborgen, und der frisch wieder aufgebaute Barcelona-Pavillon ließ die einmalige Eleganz der Mies’schen Ästehtik für neue Generationen erlebbar werden. Die Schau am MoMA, das einen Schatz aus 20 000 Zeichnungen des Meisters hütet, anlässlich des runden Geburtstags vor 25 Jahren, hatte die »Persona« Mies bereits umfassend neu definiert. Plötzlich war – wie für Terence Riley – Mies‘ Vermächtnis nicht mehr im »Universalen« zu suchen und zu finden, sondern im Gegenteil im »Konditionalen«. Eine solche Einläutung einer neuen Ära der Mies-Rezeption gelang dem Aachener Symposium nicht.