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Mailänder Möbelmesse 2008

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Mailänder Möbelmesse 2008

Nachdem im Kölner Winter mit der imm das Pflichtprogramm absolviert wurde, konnte im Mailänder Frühling die Kür folgen. Doch ist es wirklich so? – Wer zeigt was in Mailand: ein Rundgang über den Salone Internationale del Mobile.

Text: Ulrike Kunkel

Auf der Messe und dem Triennale-Gelände, in den zahlreichen Showrooms, bei den Präsentationen und unzähligen Events im ehemaligen Industrieareal Zona Tortona sowie auf den Nachwuchsforen wird eines schnell klar: Mailand bleibt der beliebteste und wohl auch wichtigste Treffpunkt der internationalen Designszene. Neuheitenschau einerseits, Markenbildung und -pflege andererseits – nirgends sonst werden diese Anliegen derart gekonnt miteinander verknüpft. Mit rund 2000 Ausstellern (fast 500 mehr als im vergangenen Jahr) und etwa 348 000 Besuchern ist die Messe weiter auf Wachstumskurs. Der Möbelbranche geht es gut, das merkt man. Die Entwürfe sind dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – eher zurückhaltend und gediegen und stellen ihre Finessen oder technischen Besonderheiten nicht plakativ zur Schau. Weiß, bereits seit dem letzten Salone mal wieder auf dem Vormarsch, ist nach wie vor präsent – was aber nicht bedeutet, dass nicht auch Farbe zum Einsatz kommt; im Gegensatz zu den letzten Jahren nun wieder öfter in Pastelltönen, kräftige Akzente werden seltener gesetzt. Dass Farbe wohl weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird, belegt unter anderem, dass sich Vitra gerade von Hella Jongerius eine neue Farbpalette entwickeln lässt, von der erste Beispiele gezeigt wurden.
Blütenzauber
Wenig zurückhaltend, sondern fast pompös kommt der Stand von Moroso daher. Der japanische Designer Tokujin Yoshioka arbeitet gerne mit alltäglichen Dingen, die er in ungewöhnlichem Kontext verwendet und ihnen so einen poetischen Ausdruck verleiht. Im Herbst 2007 hatte er im New Yorker Showroom von Moroso Wolkengebilde aus Papiertaschentüchern gestaltet, auf die nun sein Blütensessel »Bouquet« für den italienischen Hersteller zurückgeht. Die an ein Blütenbouquet erinnernde runde Sitzschale auf schlichtem Chromgestell ist mit Hunderten von »Lappen« (Blütenblättern) bedeckt – leicht und edel in Weiß oder üppig und fröhlich in Bunt. Farbenfroh und fast orientalisch anmutend sind auch die Entwürfe von Morosos in Mailand lebender spanischer Chefdesignerin Patricia Urquiola: Betten und Sofas aus gestapelten dünnen, mit bestickten Samtstoffen bezogenen Matratzen erinnern an Geschichten aus 1001 Nacht.
Castiglioni hat Recht
Gleich mehrere Entwürfe verschiedener Hersteller bestätigen Achille Castiglionis Ausspruch: Man könne im Design nichts Neues erfinden, aber alles immer wieder neu zusammensetzen. So begegnet man bei Vitra zwei besonders spartanisch aussehenden Stühlen, die einem auf Anhieb irgendwie bekannt vorkommen: der »Rotterdam Chair« von Hella Jongerius und der »Basel Chair« von Jasper Morrison. Letzterer ist eine gekonnte Interpretation des Frankfurter Holzstuhls von 1935, den wir noch aus vielen Küchen kennen. Mit einer Sitzfläche und Rückenlehne aus Kunststoff bietet Morrisons Variante allerdings einen deutlich höheren Sitzkomfort. Die Kunststoffteile sind zudem einfach auf den Holzrahmen gesteckt, so dass sie sich leicht austauschen lassen. Der zweite vermeintliche Bekannte erinnert an einen herkömmlichen Gartenstuhl. Erst bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass die Sitzfläche aus dreidimensional geformtem Sperrholz ist und der farbige Kunststoffeinsatz an der Rückseite nicht der Dekoration dient, sondern in der unter Spannung stehenden Sperrholzplatte notwendig ist. ›
› Auch der Entwurf »Myto« des Münchener Designers Konstantin Gricic bestätigt Achille Castiglioni. Sein netzartig durchbrochener Kunststofffreischwinger aus einem Guss ist wohl die erste überzeugende Interpretation von Verner Pantons legendärem »Panton-Stuhl«. Vorgestellt bei der italienischen Firma Plank, ist der Stuhl in enger Zusammenarbeit zwischen Gricic und BASF entwickelt worden. Der Freischwinger, der filigran wirkt und stabil ist, besteht aus dem BASF-Spritzkunststoff Ultradur High Speed, einem Polybutylenterephthalat (PBT). Er wird sonst vor allem in der Automobilindustrie verwendet und hat den entscheidenden Vorteil, dass sich seine Eigenschaften von weich zu hart, von elastisch zu spröde je nach Zugabe von Nanopartikeln ändern lassen. Für das Spritzgussverfahren ideal, da das Material in die kleinsten Verästellungen der Form fließt und so neue Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Der in acht Farben erhältliche Stuhl ist stapelbar, UV-beständig, resistent gegen Chemikalien, recyclebar und kostet nur 175 Euro.
An einen Entwurf des dänischen Designers Panton erinnert auch das System »Ghisa« von Riccardo Blumer und Matteo Borghi. Für Alias entwarfen sie »Pantonova«-ähnliche Module aus Gusseisen. Die skelettartigen Teile lassen sich mittels Eisenstangen zu beliebig langen Reihen, zu Kreisen, Wellen oder Halbkreisen verbinden. »Ghisa« ist zwar nicht eben bequem, übersetzt aber recht originell ein altmodisches Material in eine moderne Formensprache. Cappellini, einem zweiten Hersteller aus der Poltrona Frau Group, zeigt superflache Aluminium-Klappstühle. Dank Scharnierverbindungen, die wie Falze aussehen, ist der Stuhl in der Mitte klappbar. Nachdem der junge australische Designer Adam Goodrum seinen »Stitch Chair« 2004 vorgestellt hatte, wurde auch Giulio Cappellini auf ihn aufmerksam und nahm den Stuhl, der ein wenig an eine perfekt umgesetzte Semesterarbeit eines Designstudenten erinnert, in verschiedenen einfarbigen Lackierungen, aber auch in einer mehrfarbigen Variante, die das Prinzip sehr anschaulich macht, ins Programm auf.
Fundstücke
Bei der italienischen Firma Magis fuhren die meisten Neuheiten – so zum Beispiel die Stuhl-, Hocker- und Tischfamilie »Pipe« von Jasper Morrison – aber auch Varianten bereits bekannter Entwürfe auf einem Kofferband, wie man es vom Flughafen kennt, am Standbesucher vorbei. Die wohl bemerkenswerteste Neuvorstellung fand sich allerdings nicht auf dem Band, sondern am Rande dieser Inszenierung: die »Steelwood«- Kollektion der Brüder Ronan und Erwan Bouroullec. Der Name ist Programm, sowohl beim bereits 2007 vorgestellten Stuhl als auch bei den nun hinzugekommenen Tischen und Regalen gehen Stahl und Holz eine recht ungewöhnliche Verbindung ein. Denn bei Stuhl und Tisch sind die Beine aus massiver Buche, die Lehne und die Tischplatte hingegen aus epoxylackiertem Stahlblech – nicht etwa umgekehrt. Bei den Regalen werden die konstruktiven Metallverbindungen nicht versteckt, sondern gestaltgebend gezeigt.
Geschicklichkeit und Gleichgewichtssinn sind gefragt, will man auf dem »C-Stool« von Lise und Hans Isbrand Platz nehmen. Im Rahmen der Ausstellung »Grand Danois« in der Zona Tortona zeigte der Hersteller PP Møbler eine verbesserte Version des Entwurfs von 2002. Die bogenförmige Sitzskulptur aus Schichtholz erfreut das Auge durch ihre zurückhaltende Erscheinung und fördert eine korrekte Sitzhaltung.
Die Zona Tortona ist nahezu auch der einzige Ort, an dem man einige wenige Beiträge zum Thema Ökologie findet. Womit die Mailänder Messe auch in diesem Jahr die Chance verpasst hat, sich diesem, für die Branche durchaus auch wirtschaftlich relevanten Thema zu widmen. Da reißt auch das Öko-Effizienz-Siegel von Gricics »Myto« nicht viel raus. •
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