Ludwig Leo (1924-2012)

~Michael Kasiske

In der Gegenwartsarchitektur steht die persönliche Zurückhaltung von Ludwig Leo in auffälligem Gegensatz zur Präsenz seiner Bauwerke wie etwa dem Umlauftank im Berliner Tiergarten (s. db 2/2007, S. 44). Die weltweit größte Versuchsanlage ihrer Art mit dem in die Senkrechte gestellten, rosafarbenen Riesenrohr und der darüber aufgestelzten blauen Box ist über Berlin hinaus gleichsam als Wahrzeichen bekannt.
Leo, 1924 in Rostock geboren, studierte zwei Jahre Bauingenieurwesen, bevor er 1948 das Architekturstudium an der Hochschule für Bildende Künste Berlin aufnahm. Seine Kommilitonen wurden später Partner: Mit Stefan Wewerka arbeitete er für Hans Luckhardt und Oswald Mathias Ungers, mit Georg Heinrichs und Hans Christian Müller begann er 1959 den Bau des Studentendorfs Eichkamp. Schon im Studium hatte er den Bau von Hardt-Waltherr Hämers Kirche in Ahrenshoop mit der Beschaffung von Baumaterial unterstützt.
In dieser Gruppe starker Charaktere entwickelte Leo eine eigene Haltung. Indem er jeder Bauaufgabe »mit renitenter Gründlichkeit auf den Zahn fühlte« (Lore Ditzen), verkehrte er gestalterische Konventionen, um »ganz in dem Dienst der Aufgabe« eine »ureigene Lösung« zu finden. Die Frage »Wem nützt es?« stellte er unerbittlich, selbst wenn ihm dabei Aufträge wie die später von Gustav Peichl realisierte Phosphateliminierungsanlage entgingen.
Wo Leo sich freilich eine Aufgabe zu eigen machte, entwarf er aus technisch begründeten Erfordernissen anschaulich artikulierte Formen. V. a. britische Kollegen schätzten den Einklang von Maschine und Architektur, der die weit gespannte Sporthalle Charlottenburg ebenso kennzeichnet wie die aufstrebende DLRG-Bundeslehr- und Forschungsstätte, die Leon Krier einst das »am meisten dramatische, theatralische und beeindruckende Einzelbauwerk seit dem Einsteinturm« nannte.
Leos Lehre an der HdK Berlin war von wechselseitigem, häufig interkulturellem Austausch geprägt. Als Architekt, der selbst am Zeichentisch saß und nur projektbezogen Mitarbeiter hinzuzog, trat er zuletzt 1994 zum Wettbewerb um die Akademie der Künste am Pariser Platz an; auch hier fasste er die Aufgabe neu und musste – nach einem Erfolg in der ersten Stufe – den Auftrag Günter Behnisch überlassen.
Die Zeit des Umlauftanks war nach Ansicht von Leo abgelaufen, doch er irrte: Die TU Berlin wird dort zukünftig maritime Forschung betreiben, weshalb das Gebäude Mitte Oktober definitiv in das Denkmalprogramm der Wüstenrot Stiftung aufgenommen wurde. Diese Nachricht hat Leo nicht mehr erreicht. Er ist am 1. November gestorben.