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loop oder bauchlandung?

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loop oder bauchlandung?

~Till Wöhler, Peking

Auf der Fahrt vom Pekinger Flughafen Richtung Innenstadt fallen kurz vor Dongzhimen zwei Gruppen von Türmen ins Auge: links, scharf neben der lärmenden Hochstraße, die braunen, etwas eintönig wirkenden Moma-Towers I und II von Baumschlager Eberle; gegenüber eine wilde Gruppe von acht silbrig-grauen Türmen, streng gerastert und mit gläsernen Brücken in luftiger Höhe: Hier hat das Büro Steven Holl versucht, dem chinesischen Immobilienmarkt etwas mehr Pep zu verleihen und zugleich erstmals bei einem chinesischen Wohnprojekt Nachhaltigkeit zu verwirklichen.
In Peking geht der Trend zu Objektgebäuden und frei stehenden Türmen. Besonders Anglophile und -phone verbarrikadieren sich in vertikalen Marmor- und Glasfestungen mit illustren Namen wie »Oakwood« und allem, was sich sonst noch auf »Plaza« reimt. Concierge, Liftboy und Wachmänner inklusive. Pekings früher berühmtes, kleinteiliges und durchgrüntes urbane Gefüge wurde weitgehend wegsaniert, die Innenstadt stattdessen vielerorts mit 25-Geschossern zugepflastert.
Holl versucht mit dem »Linked Hybrid«, seinen westlichen wie auch den chinesischen Ansprüchen gerecht zu werden. Herausgekommen ist eine chinesisch-amerikanische Schimäre, die architektonisch wie städtebaulich scheitern muss: Das einer Wagenburg gleichende Konglomerat, im Wesentlichen acht Türme, die einen halböffentlichen Raum umschließen, nennt er »Stadt in der Stadt des 21. Jahrhunderts«. Was zunächst architektonische Erwartungen weckt, folgt einfach den Anforderungen des Immobilienmarkts: maximierte, vermarktungsfähige Flächen in der Innenstadt – sowie das Konzept des »Xiao Qu«, des »kleinen Quartiers« aus der Zeit, als Arbeitsbrigaden im Mao-Anzug in kleine Wohnquartiere mit Einfriedung und Blockwart zogen.
Die älter und dank Reformpolitik wohlhabend gewordenen Kinder der Revolutionäre, die hier Wohnungen kaufen, bekommen bei Holls Edelvariante nun statt chinesischem Tante-Emma-Laden am Tor einen »Base Loop«, auf deutsch Coffeeshops, Delis und Waschsalons im Erdgeschoss. Das ganze Gebilde muss auch kulturell verbrämt werden, um chinesische Kunden zu gewinnen. So gibt es einen Farbcode, der in den Apartments, den Fensterlaibungen oder den Unterseiten der Brücken aufgebracht wurde und »die polychrome Architektur des alten China widerspiegeln« soll.
Holl verspricht uns einen offenen, begrünten städtischen Raum, der für Besucher und Passanten gleichermaßen offen ist. Zugegeben, die in Peking allgegenwärtigen Zäune, die den Fußgänger verärgern, sind verschwunden; die üblichen Wachleute in schlotterigen Uniformen sowie die misstrauischen Bewohner der hochpreisigen Apartments aber nicht: »Was machen Sie da? Wohnen Sie hier?«, fragen sie, als ich die umgrünten Wasserflächen und das darin »schwimmende« Cineplex fotografiere.
Einen »filmischen, urbanen Raum« nennt Holl seinen Komplex. Wohl nicht zuletzt wegen der Glasbrücken in luftiger Höhe, die nur den Bewohnern einen Panoramarundgang von Turm zu Turm ermöglichen. Wie Holl dies nennt? »Skyloop« natürlich. Hoffen wir, dass er beim Loop keine Bauchlandung macht.
Positiv zu vermerken bleiben am Ende die variablen Grundrisse dank stützenfreier Innenräume und, nicht zu vergessen, das umfassende nachhaltige Energiekonzept von Transsolar, zu dessen Highlights die wohl größte Geothermieanlage in China zählt.
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