1 Wohnbebauung Kranbahn am von Vetsch Nipkow Partner gestalteten Katharina Sulzer-Platz
2 Umgebaut und aufgesattelt: Technopark 1, ein Haus für Unternehmen aus Forschung und Hightech-Branchen
3 Pionierpark, von der Zürcherstraße aus gesehen
4 Das Wohn- und Geschäftshaus G48 war früher das Hauptarchiv der Firma Sulzer
5 Gebäude der Zürcher Hochschule Winterthur
6, 7, 8 Mit subtilen Mitteln verweisen die Interventionen im Freiraum von Vetsch Nipkow Partner auf die industrielle Geschichte des Areals: als Spur einer Bahnlinie, als künstliche Pfützen oder im rostfarbenen Stahlsplitt auf dem Katharina Sulzer-Platz
9 Die Beleuchtung zeichnet die Kranbahn nach, die immer noch, etwa für Freilichtaufführungen, einsatzfähig ist. Das Ende des Platzes markiert eine Baumgruppe aus Espen
Sulzerareal in Winterthur

Lohn des Lernens

Wer heute über das Sulzerareal streift, findet eine faszinierende Mischung aus alten, verlassenen Industriegebäuden, gewerblicher und industrieller Nutzung, aus guten Neubauten und umgebautem Bestand, aus Kneipen, Läden, Wohnungen, aus Hightech-Unternehmen und Künstlern. Doch diese anregende Mixtur ist das Ergebnis eines 16 Jahre andauernden Prozesses, in dem alle Beteiligten erst viel lernen mussten. The present Sulzer area reveals a fascinating mixture of old, abandoned industrial buildings, trades and industrial usage, good new buildings and converted existing ones, of pubs, shops and flats, of high-tech firms and artists. However, this stimulating mixture is the result of a 16 years continous process in which all participants had to learn form experience.

Text: Christian Holl

Fotos: Ralph Feiner u.a.
Der Paukenschlag ist längst verhallt. Ende 1992 hatte Jean Nouvel einen Wettbewerb für einen Teilbereich des Sulzerarelas für sich entschieden (siehe db 1/93), 1995 wurde dafür die Baubewilligung erteilt, doch realisiert wurde das Projekt nie. 2001 erlosch die Baubewilligung. Dieses Scheitern liegt in einer ganzen Reihe von Faktoren begründet. Zum einen hätte das Projekt namens Megalou mit 40000 Quadratmetern mehr Flächen auf dem Markt angeboten als in Winterthur nachgefragt wurden, zumal zum Zeitpunkt der Immobilienrezension Mitte der 90er Jahre. Der Entwurf sah vor, eine große, im Herzen des Areals gelegene Halle zu sanieren und mit Containern für Büros und Läden in großzügigem Abstand voneinander zu belegen sowie sie beidseitig mit Riegeln für Büros und Wohnungen zu flankieren. Doch er hätte nicht in Etappen realisiert werden können. Vor allem aber hatte die hundertprozentige Tochter des Sulzerkonzerns, die Sulzer Immobilien AG, die mit dem Verkauf und der Vermarktung der Grundstücke betraut ist, zu wenig Vorarbeit geleistet: Der Bedarf wurde unzureichend analysiert, es wurden kaum Vorleistungen für die Erschließung, die Bereitstellung der Infrastruktur, das Konzept für die Außenanlagen und die Entkontaminierung erbracht.
Langer Weg Dieser Mangel ist heute nicht mehr ablesbar: Mehrere Neubauprojekte, die sich eines Teils des alten Bestands bemächtigten und ihn erweiterten, sind heute auf dem Areal zu finden: Der Pinonierpark, die Wohnbebaunng Kranbahn von Kaufmann, van der Meer und Partner oder der Technopark mit Büros und Werkstätten für Unternehmen und Forschung von Dahinden Heim Architekten, der bald durch ein zweites Gebäude erweitert werden wird. Zu Wohnungen umgebaute Fabrikgebäude, Bars, Läden, Büros: zwischen der noch verbliebenen industriellen Nutzung und ungenutzten Hallen beginnt sich ein Viertel zu entwickeln, das einlöst, was sich die Entwickler für die Zukunft vorstellen: ein rund um die Uhr belebtes, städtisches Quartier hoher Qualität.
An dem, was heute an inzwischen doch stattlicher Anzahl von Projekten auf dem Sulzerareal zu besichtigen ist, lässt sich der Lernprozess ablesen, den das Nouvel-Projekt in Gang gesetzt hat. Nouvel habe, so Walter Muhmenthaler, der Projektleiter der Sulzer Immobilien, wichtige Regeln festgelegt, die man sich bei der weiteren Entwicklung zu Herzen genommen habe. Eine der Regeln war die, die Gebäude, deren Grund man nicht veräußern könne, erst einmal stehen zu lassen und nur die Gebäude dort abzureißen, wo man wirklich etwas Neues bauen wolle. Von Nouvel hat die Sulzer AG aber auch gelernt, überhaupt erst eine Beziehung zum Bestand und zum besonderen Charakter des Areal zu bekommen. Dabei war dem Wettbewerb, den Nouvel gewann, bereits ein für die Sulzer AG unbequemer Lernprozess vorausgegangen.
Vom insgesamt etwas mehr als 20 Hektar umfassenden Areal, auf dem große Maschinen, Motoren, Turbinen und Anlagen gebaut wurden, hatte sich Sulzer aus zwei Teilstücken von zunächst 11 Hektar zurückgezogen. Diese gedachte man direkt und ohne eigene Investitionen zu verkaufen. Mit Burkhardt Partner hatte man eine Planung entwickelt, die man 1989 der Öffentlichkeit vorstellte. Das Ergebins war ein Desaster. Architekten, Denkmalpfleger, Politiker und Bürgerschaft wehrten sich vehement gegen den geplanten Abriss eines Großteils der Gebäude. Mit dem Erfolg letztlich, dass für das Gebiet eine Gestaltungsplanpflicht und eine Mischnutzung festgeschrieben wurde und 1992 seitens der Stadt eine Planung für die gesamte Stadtmitte einschließlich des Sulzerareals erarbeitet wurde. Die Gestaltungsplanpflicht schließt ein Verfahren ein, in dem in zwei Stufen die Qualtität der geplanten Projekte nachgewiesen werden muss. Sulzer agierte aber parallel dazu selbst und richtete den Wettbewerb aus, den Nouvel schließlich gewinnen sollte.
Unerwartete Entwicklungen In der sich daran anschließenden Zeit der vergeblichen Investorensuche und weiterer Auseinandersetzungen entwickelte sich nahezu unbemerkt ein Stück Stadt auf dem Areal. Bereits in der frühen Phase der Konversion hatte Sulzer ein Teilstück an die staatliche Telecom PTT verkauft, die dann aber dieses Areal nicht nutzte und gemeinsam mit Sulzer für Zwischennutzungen anbot.
Im toten Winkel der auf das Megalou-Projekt fixierten Blicke entstand etwas, was nicht vorgesehen war, eine Nutzung, die nicht die gewünschte Rendite brachte: Kneipen, Startups, Künstler, Musiker. Doch sie sind es, die zuerst Leben in das Viertel gebracht haben, und Pionierarbeit für eine soziale Infrastruktur geleistet haben. Dazu kam bald schon die Architekturabteilung der Zürcher Hochschule Winterthur, die eine der Hallen komplett belegt. Inzwischen hat man den Wert dieser Zwischennutzung erkannt, Sulzer geht nun von einem Leitbild eines rund um die Uhr belebten Viertels aus, für das diese Kultur unabdingbar ist. So hat Sulzer selbst durch den Umbau ehemaliger Lagerhäuser in Mieträume für Unternehmen aus gestalterischen und technologischen Bereichen das Angebot erweitert. Man könne sich jetzt vorstellen, so Muhmenthaler, dass man, selbst wenn die im Moment untergenutzten Bereiche für höherwertig Nutzungen weichen, diesen Pionieren an einem anderen Ort, möglicherweise in einem Teil der im Moment noch industriell genutzten Gebäude, neue Räume anzubieten.
Doch es bedurfte letztlich erst des Scheiterns von Megalou, bis weitere Schritte eingeleitet wurden. 2001 wurde Metron mit der Gesamtplanung beauftragt, und 2003 einigte man sich schließlich mit Denkmalschutzbehörden, Heimatschutz und der Stadt auf einen Vertrag, in dem die zu erhaltenden Bauten und Fassaden festgeschrieben wurden. Muhmenthaler geht sogar davon aus, dass mehr erhalten werden wird als im Vertrag vereinbart wurde.
Heute wird von den Verantwortlichen der Sulzer Immobilien das Vermarktungskonzept als ein selbstverständliches Vorgehen beschrieben, in dem der Eigentümer vor dem Verkauf durch die Zu sicherung eines abgewogenen Nutzungskonzepts, auf das sie Investoren verpflichten, durch Investitionen in die Infrastruktur, den Außenraum, die Erschließung und fallweise die Entkontaminierung für Planungssicherheit sorgt. 700 bis 800 Franken je Quadratmeter Grund beträgt die Vorinvestition, die natürlich refinanziert werden muss: Das funktioniert nur über hochwertige Nutzungen in einem hochwertigen Umfeld. Daher muss eben auch die Qualität der Architektur stimmen, auf die neben der Stadt auch Sulzer Einfluss nimmt. Mit bisher beeindruckenden Resultaten. Dazu gehört auch der Freiraum.
Subtile Poesie Das Gestaltungsleitbild für die Freiflächen wurde von Vetsch Nipkow Partner 2001 erarbeitet und reagiert sensibel und unspektakulär auf die eizigartige Qualität und den besonderen Charakter des Gebiets. Die erarbeiteten Eingriffe transformieren die auf dem Areal vorgefundenen Merkmale, Materialien und räumlichen Besonderheiten. So werden die Oberflächen als von Hauswand zu Hauswand gehende, kontinierliche Ebenen ausgebildet, wie es dem Charakter des Industriearelas entspricht. Vetsch Nipkow Partner betreiben keine denkmalpflegerische Spurensicherung, überschwemmen das Gebiet nicht mit dem innenstadtüblichen Mix aus Bäumen, Bänken und Belägen. Sie suchen die vorgefundenen Charakter gemäß den neuen Nutzungen zu tranformieren. So finden sich im Hof zwischen Pionierpark und der Wohnbebauung Sieb10, mit der bald begonnen werden wird, drei Mulden, in denen sich das Regenwasser sammelt. Beiläufig werden sie wie Pfützen wahrgenommen, lenken die Wege, erst die Überlaufschlitze offenbaren sie als geplante Intervention. Die allein vom anfallenden Regenwasser gespeiste Fläche, die das Wasser maximal bedeckt, ist auch im ausgetrockneten Zustand an der rostbraunen Farbe erkennbar, so als wäre im Wasser Eisen enthalten gewesen, das nach dem Austrocknen zurückgeblieben ist. Sie spiegeln die Offenheit der Improviation und die Flüchtigkeit der den Ort prägenden Zeichen wider. Weiter hinten zieht eine rote Rinne aus zwei Stahlteilen die Linie nach, die ehemals Eisenbahnschienen hier gezeichnet hatten. Die damit verbundene lineare Entwässerung erlaubt es zudem, die Fläche ebener als bei punktförmiger zu belassen. Bäume wurden nur spärlich gepflanzt, als Gruppen, die den Raum begrenzen und fast noch wie Besucher wirken.
Lediglich auf dem Katharina Sulzer-Platz haben die Landschaftsarchitekten etwas von ihrer Zurückhaltung aufgegeben: eine große zentrale Fläche wird mit Stahlsplitt und Kies belegt, in sie Wasserflächen eingelegt, die örtliche Verfügbarkeit von farbigen Stühle durch lange Ketten eingeschränkt, so dass sie als farbig homogene Gruppen erhalten bleiben. Am Abend wird die am Rande des Platzes stehende Baumgruppe beleuchtet, so dass sie wie die Akteure auf einer Bühne wirken. Die neue siebengeschossige Wohnbebauung von Kaufmann, van der Meer, die sich entlang der alten Kranbahn erhebt, bekommt hier einen zwischen sich und seinem Gegenüber, der alten, geschützten Industriehalle vermittelnden Freiraum. Entsprechend der noch für Veranstaltungen nutzbaren Kranbahn haben Vetsch Nipkow eine fahrbare Plattform als Bühne auf dem Splittfeld entworfen.
Die weitere Entwicklung wird sich trotz der inzwischen positiv wirkenden Neubauten und der durch den Lernprozess geänderten Strategie des Eigentümers noch lange hinziehen; länger, als es in der Erwartung von Rendite gewünscht ist, nicht zuletzt, weil ein Teil des Areals noch industriell genutzt wird und für eine der Hallen, zu deren Erhalt sich Sulzer verpflichtet hat, noch kein Konzept gefunden ist, das Denkmalschutzansprüche und Renditeerwartung vereinbart. Auch können sich die Nutzungen, für die auf dem Markt Chancen bestehen, wieder weiter ändern: im Moment komme, so Muhmenthaler, fast nur Wohnbau in Betracht. Doch der bisher als Lernprozess beschrittene Weg, dem für Areale dieser Qualität Pionierleistung zukommt1, lässt gelassen in die Zukunft blicken. C. H.
Sulzerareal Vermarktung und Entwicklung: Sulzer Immobilien AG, Leitung Martin Schmidli Projektleiter: Walter Muhmenthaler Entwicklungsplanung: Metron AG, Brugg, Peter Hofmann und Marc Knellwolf Außenanlagen Bauherren: Sulzer Immobilien, Winterthur Leben, vertreten durch Credit Suisse, Zürich Planung: Vetsch Nipkow Partner, Landschaftsarchitekten BSLA SIA Lichtplanung: Vogt + Partner, Lichttechnische Ingenieure, Winterthur Ausführung: Zschokke Generalunternehmung AG, Dietlikon, Marcel Brutschin Wohn- und Gewerberäume Kranbahn Bauherr: Winterthur Leben Architekten: Kaufmann, van der Meer + Partner, Zürich Projektleiter: Beat Küttel; P van der Meer Weitere Beteiligte:. I. Bonnot, B. Hirschi, H. Gessler Tragwerk: Dr. Deuring + Oehninger AG, Winterthur Haustechnik: Hl Technik, Zürich Lichtplanung: Vogt Lichtplaner, Winterthur Nutzfläche: 26000 m2 Kosten Bauwerk: 44,8 Mio sFr 95 Wohneinheiten, 2000 m2 Gewerbefläche Technopark Bauherr: Technopark Winterthur AG, vertreten durch pom+ Consulting AG, Zürich Architekten: Dahinden Heim Architekten, Winterthur; Alexander Dahinden, Alfred Finsterwald, Werner Heim, Daniel Oes Bauleitung: Dürsteler Baurealisierung Winterthur Bauingenieur: Perolini + Renz AG, Bauingenieure, Winterthur Haustechnik: PGMM Schweiz AG, Winterthur; Hunziker + Co, Winterthur Elektroplanung: Elektro-Design + Partner AG, Wiinterthur Landschaftsarchitektur: Rotzler Krebs Partner Landschaftsarchitekten, Winterthur Geschossflächen: 4420 m2 (Altbau), 1650 m2 (Neubau) Gebäudekosten: 3671000 sFr (Umbau), 3194000 sFr (Neubau)
1 Koll Schretzenmeyer und Müller, Valentin: Projektentwicklung und Vermarktung auf Industriebrachen, in: DISP 150, Zürich 2002