... in die Jahre gekommen

Kunsthalle Bielefeld, 1963-68

Die Kunsthalle Bielefeld hat für die Zeit und den Ort eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Mit hohem Qualitätsanspruch und internationaler Aufgeschlossenheit gelang es dem Stifter und seinem Museumsdirektor, den bekannten amerikanischen Architekten Philip Johnson in die westfälische Provinz zu holen.

The art museum in Bielefeld has, for the time and place, an unusual genesis. With international openmindedness and high demands on quality the founder and his museum director were successful in winning the wellknown American architect Philip Johnson for the Westphalian province.

Für die Direktoren der im September 1968 eröffneten Kunsthalle galt und gilt der rote, von Rudolf August Oetker gestiftete Sandsteinkubus als der schönste deutsche Museumsbau der Nachkriegszeit schlechthin. Der Weg zu diesem ebenso markanten wie meditativen Museum der fließenden Räume, mit Ausblicken in die Stadt, mit Tages- und Kunstlicht, mit Ober- und Seitenlicht, war ungewöhnlich aufwändig, sowohl für die damalige Zeit als auch für den Ort. Das Verfahren bestand in einer intensiven typologischen Analyse von Museumsbauten mit weltläufiger Kooperation. Gründungsdirektor Joachim Wolfgang von Moltke war an der Auswahl des prominenten Architekten ebenso beteiligt wie der generöse Stifter und Kunstsammler. Oetker wollte nicht nur einen weltbekannten Architekten für diese Aufgabe, sondern auch einen im Museumsbau besonders erfahrenen. Vor allem wollte er für Bielefeld einen architektonischen Maßstab setzen. Eine Forderung, die Johnson mit seiner Kuratorentätigkeit am Museum of Modern Art und den bis dahin gebauten fünf Museen überzeugend erfüllte.

Auslöser für die Beauftragung Johnsons war für Oetker das Museum in Utica /New York. Bei diesem Bau, 1960 nach dem Vorbild der Crownhall von Mies van der Rohe entworfen, tragen riesige, außen sichtbare Querträger aus Bronze einen granitverkleideten Kubus mit umlaufendem Lichtgraben. Der symmetrisch positionierte Eingang mit vorgelagerter, monumentaler Treppe erschließt eine zweigeschossige, stützenfreie Ausstellungshalle mit Galerie und zentralem Oberlicht. Die filigranen Brüstungselemente aus gerahmten Edelstahlstäben sind fast identisch mit denen in Bielefeld. Das Museum in Utica hatte Oetker in der Literatur entdeckt und seinem zukünftigen Museumsdirektor, dessen Bruder mit Johnson zusammen in Yale studierte, mit den Worten vorgestellt: »Das ist doch ein interessanter und schöner Bau.« (1)
Trotzdem besichtigte von Moltke weltweit alle wichtigen Museen, die nach 1948 gebaut wurden. Auf der Suche nach der besten Lösung sprach er mit vielen berühmten Architekten u.a. mit Alvar Aalto, Mies van der Rohe und Eero Saarinen. Oetker selbst hatte auf einer Geschäftsreise durch die USA die Gelegenheit wahrgenommen, Johnson in dessen Büro in New York spontan zu treffen. Im engen Austausch zwischen Architekt und Gründungsdirektor entstanden schließlich ohne jede öffentliche Ausschreibung die Baupläne. Heute hätte ein solcher Verstoß mindestens ein Disziplinarverfahren der Architektenkammer nach sich gezogen, wenn nicht sogar eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof.
Von Moltke hielt sich zurück, in die Fassadengestaltung einzugreifen, obwohl er mit dem geplanten hellgrauen, scharrierten Granit ebenso unglücklich war wie mit dem monumentalen Erscheinungbild des Gebäudes. Erschwerend kam hinzu, dass der vom Stifter veranschlagte Kostenrahmen von sechs Millionen DM bereits erheblich überschritten war.
Erst die strikten Einsparungen und die funktionale Verdichtung gaben dem Bau – einer komplexen Komposition aus nur wenigen Elementen – seinen heutigen charmanten, stimmungsvollen Charakter. Unter Erhalt der Ausstellungsflächen schrumpfte der Bau um jeweils 10 m Seitenlänge auf 30 x 30 m. Der von Johnson alternativ ins Spiel gebrachte Travertin konnte Oetker nicht begeistern. Johnson und von Moltke wanderten schließlich durch Bielefeld und entdeckten am Jahnplatz an einem Bankgebäude den fränkischen roten Sandstein. Um der Fassade ein lebendiges Aussehen zu geben, forderte Johnson den Stein in Handarbeit charrieren zu lassen. Sie bewährt sich bis heute ohne jeden Tadel. Mit der Reinigung vor zwei Jahren wurde auch gleich die Verfugung erneuert (leider ohne Besandung des Silikons), sowie einige Steine des Sockels im Parkplatzbereich ausgetauscht. Gleichzeitig nutzte man die Gelegenheit, die Fenstergläser zu ersetzen und die Beleuchtungskörper zu erneuern – nach mehr als dreißig Jahren reine Instandsetzungsarbeiten, die nicht weiter überraschen. Das Andenken an den großen Architekten wird in jedem Detail penibel gepflegt. Nur der Hindergrund der Bilder, die japanische Leinentapete wich einem Anstrich, da heute die Wände oft passend zu den Ausstellungen gestaltet werden.
Ganz neu dagegen ist das wechselnde nächtliche »Kunstlicht« des Gebäudes (Brüchner-Hüttemann, Pasch Architekten mit Marc Detering, beide Bielefeld). Geplant ist die Neubearbeitung des Museumsparks mit dem prominent besetzten Skulpturengarten. Die später mit Frank O. Gehry verfolgten Erweiterungspläne in Verbindung mit der benachbarten Musikschule und dem Naturkundemuseum sind vom Tisch, nachdem sich Maja Oetker, die Ehefrau des Stifters, aus architektonischen Vorbehalten vehement dagegen ausgesprochen hatte. Zudem scheute die Stadt die Folgekosten. Einen Gehry hat das Land jetzt auch so bekommen. In nur 100 Kilometern Entfernung eröffnete unlängst Jan Hoet sein Kunstmuseum in Herford. Nicht vom Tisch ist dagegen die in einer Bielefelder Jugendzeitschrift 1968 eröffnete Debatte um die mit dem Bau der Kunsthalle verfolgte Ehrung des Stiefvaters von Rudolf August Oetker, Richard Kaselowsky, Mitglied im Freundeskreis des Reichsführers SS Heinrich Himmler. Daraus allerdings eine faschistische Interpretation des Gebäudes abzuleiten, über entsprechende Kontakte auch Philip Johnsons und des bauleitenden Hamburger Architekten Caesar Pinnaus, wäre nicht nur abwegig, sondern würde dem architektonischen und künstlerischen Engagement aller Beteiligten nicht gerecht.
Politisch bleibt dieses Diktum des Stifters zumindest ungeschickt. Die bei der Grundsteinlegung eingemauerte Urkunde benennt die Kunsthalle nach wie vor als Richard-Kaselowsky-Haus. Ursprünglich sollte in der Eingangshalle nicht nur eine Gedenktafel, sondern auch eine Büste aufgestellt werden, das Gebäude seinen ursprünglichen Namen sogar in Bronze an der Fassade zeigen. Zuletzt scheiterte der Versuch der Stadt, in Bielefeld eine Kaselowsky-Straße zu etablieren, an den Protesten der Bevölkerung.

~Klaus-Dieter Weiß

(1) Kunsthalle Bielefeld (Hrsg.): Die Entstehung der Kunsthalle Bielefeld. Persönliche Erinnerungen von Joachim Wolfgang von Moltke (Museumsbroschüre), Bielefeld 1993, S. 10
(2) Kunsthalle Bielefeld (Hrsg.), a.a.O., S. 15