Das Loisium in Langenlois und die Central Public Library in Seattle

Kunst, Kleid und Kommerz

Die Hülle ist sowohl für die Darstellung der Architektur im Bild wie auch als Landmarke höchst wirkungsvoll. So wundert es nicht, dass sie mit hoher symbolischer Kraft und als Signum von Einzigartigem Identität schaffen und wirtschaftlichen Erfolg sichern helfen kann. Das Besucherzentrum »Loisium« im niederösterreichischen Weinort Langenlois von Steven Holl ebenso wie die »Central Public Library« in Seattle von Rem Koolhaas zeigen jeweils eine Antwort auf das Verlangen nach lebendiger, ausdrucksstarker »Architekturhaut« in kommerziellen wie kulturellen Projekten. The external shell of architecture is for its representation as image as well as symbol in the environment highly effective. It is not surprising therefore that the shell in creating identity of high symbolic power and signalizing uniqueness thus helps to secure economic success. The visitors centre “Loisium” in the Lower Austrian wine-producing locality Langenlois designed by Steven Holl and the “Central Public Library” in Seattle by Rem Koolhaas are each a response to the demand for a lively, strongly expressive “architectural skin” in commercial as in cultural projects.

Text: Bettina Schürkamp

Fotos: Margherita Spiluttini, Christian Richters
»Seine Haut zu Markte tragen«, diese landläufige Redensart vermittelt unterschwellig ein zwiespältiges Verhältnis der Haut zu den kommerziellen Mechanismen des Marktes. »Haut« beschreibt die unmittelbare Grenze, die das Innere vor dem Äußeren im physischen wie psychologischen Sinne schützt. Spuren auf der Haut spiegeln auf faszinierende Weise individuelle Erlebnisse und Charakteristika einer Person wider. Sie sind somit ein wichtiges Kommunikationsmedium, auf das wir intuitiv in Sekundenschnelle reagieren.
Für dieses emotionale Potenzial einer »kommunizierenden Hülle« interessiert sich auch das Marketing. Analog der Körpersprache möchte sie die Architekturfassade als Projektionsflächen der jeweiligen »Corporate Identity« und für Branding-Strategien nutzen. Die Fassade, bisher ein Faustpfand der Architekten zur Darstellung kultureller Werte und gestalterischer Virtuosität – liegt sie zukünftig in den Händen von Werbestrategen? Wie begegnen Architekten dem Anspruch einer vermarktungsfähigen und medienwirksamen »Hülle« ohne die Fassade PR-Richtlinien und der Kommerzialisierung preiszugeben?
Eine Vinothek und eine Bibliothek miteinander zu vergleichen, scheint zunächst nicht nahe liegend. Und doch dokumentieren gerade diese beiden Projekte eindrucksvoll, wie sich die ehemals streng getrennten Bereiche Kultur und Kommerz auf der Suche nach kommerziellem Stimulans oder innovativen Synergien nun gegenseitig durchdringen. Sowohl Seattle als auch Langenlois nutzen das ästhetische Erlebnis der Architekturhülle als Katalysator für einen Imagewandel: Die durch den Weinskandal der achtziger Jahre angeschlagene Weinindustrie wie auch der durch die Konjunkturflaute angeschlagene Technologiestandort von Boing und Microsoft suchen nach neuen Zukunftsimpulsen. Die Bauherren wählten gezielt Architekten, deren Gebäude den Betrachter völlig unterschiedlich ansprechen. Die Vorstellung der neuen Identität vergegenständlicht sich in der expressiven Oberfläche der Fassade und wird zur Projektionsfläche für Zukunftsvisionen und den sich daran entzündenden Konflikten.
Ausgangspunkt der beiden so verschiedenen Projekte ist jeweils ein abstrakter Kubus, der in den gegebenen Kontext implantiert wird. Projektionen charakteristischer Merkmale des Ortes und der Landschaft transformieren als architektonische Interpretation dieses Grundmotiv und dokumentieren die unterschiedlichen Entwurfsmethoden von Holl und Koolhaas. Mit ihren plastischen Gebäuden holen beide etwas unter der Oberfläche Verborgenes, ja fast Vergessenes öffentlichkeitswirksam ans Licht. Während Seattle im Technikboom sein Gemeinschaftsverständnis und seinen Pioniergeist aus den Augen verlor, ist es in Langenlois ein seit Jahren ungenutztes unterirdisches Labyrinth von Weinkellern, das die Weinindustrie werbeträchtig zu seinen kulturellen Wurzeln zurückführen soll.
Langenlois: Empfindliche Kunst Der New Yorker Holl ist fasziniert von den fast 900 Meter langen Gewölben, die drei Winzerfamilien über Jahrhunderte unter ihren Häusern anlegten. Der Lageplan der Unterwelt wird Hauptgestaltungselement des 25 mal 25 mal 13 Meter großen Körpers. Die in Form der Kellergrundrisse in die Hülle geschnittenen Öffnungen transformieren den Kubus von außen zu einem weithin sichtbaren Blickfang in der pittoresken Weinlandschaft. Im mehrgeschossigen Innenraum rahmen sie stimmungsvoll den Blick auf den historischen Stadtkern und tauchen das Raumkontinuum aus Veranstaltungs- und Verkaufsebenen in ein warmes, gedämpftes Licht. In vielen Projekten von Steven Holl spiegeln Fassaden als phänomenologisches Wechselspiel von Material und Licht historische und kulturelle Bezüge wider. Die Kapelle St. Ignatius auf dem Campus der University von Seattle ist ein besonders schönes Beispiel dafür, wie sich plastische Hülle, Licht und Nutzung zu einer für Holl so typischen, feinsinnigen Dramaturgie ergänzen. Auch in der Vinothek »Loisium« spüren die Besucher dieses subtile Hineingleiten in eine sinnliche Raumerfahrung, die dem Betrachter die Augen für die authentische Schönheit des Ortes öffnet. Dementsprechend präsentieren die meisten Fotografien den kühl mit einer gebürsteten Alufassade umkleideten Betonkubus der Vinothek atmosphärisch mit gebrochenem Weinbergboden in einer scheinbar ursprünglichen Kulturlandschaft. In der Tat zeigen Gebäude wie die St. Ignatius Kapelle in Seattle, wie Steven Holls Architektur gerade im Zusammenspiel mit Landschaft und Wasser ihre besondere Ausstrahlung erhält.
Doch vor Ort zeichnet sich zur Zeit eine ganz andere Entwicklung ab. Umringt von einer sich geschäftig ausdehnenden Eventanlage und Neubaugebieten wirkt das Besucherzentrum etwas verloren. Versprechen Hochglanzprospekte Ausblicke auf die Weinberge, breiten sich in der Realität um das Loisium konzeptlos verteilte Parkplätze und Zufahrten aus. Resigniert weichen Architekten und Landschaftsplaner vor den Aneignungsprozessen des Marketing zurück. Malerische Aquarelle in einem jüngst veröffentlichen Skizzenbuch künden noch von der ganzheitlichen Vision des Architekten. Das Motiv des Labyrinths verbindet die unterirdischen Gewölbe, das Besucherzentrum und das im Bau befindliche Hotel. Als zweiter Projektabschnitt wird das Hotel nun mit sehr viel nüchternerer Architektur, aber erweitertem Spa-Bereich mit »Whirlpool im alten Weinfass« verwirklicht. Die Überarbeitung (Steven Holl gemeinsam mit den Wiener Architekten Sam/Ott-Reinisch) lässt auf ein Eventbusiness schließen, das auf Effekt heischende Inszenierungen setzt und die Architektur zur schmückenden Nebensache des Investmentpakets erklärt. Dies ist kein Einzelfall. Nicht nur beim Loisium sind die Materialien der Fassade farblich auf Werbeprospekte und das Produkt »Grüner Veltiner« mit umwickelter Alumanschette abgestimmt. Zur Zeit entfachen PR-Strategien einen regelrechten Bauboom moderner Architektur in der traditionsbehafteten Weinlandschaft. Eine junge Generation von Winzern hat entdeckt, dass sich mit Architekturabziehbildern Wein sehr viel teurer international verkaufen lässt. Für die Architekten stellt sich die Frage, inwieweit sie Teil dieser Marktmechanismen werden wollen oder ob es andere Arten der Auseinandersetzung mit der Welt des Kommerzes gibt.
Seattle: Intensive Zusammenarbeit Die außergewöhnliche Entstehungsgeschichte der »Central Library« in Seattle dokumentiert, dass ein konstruktives Ineinandergreifen von PR-Konzept, Bauherrenwünschen und Architekturansprüchen ein Projekt regelrecht beflügeln kann. Die Seattle Public Library schrieb bewusst keinen klassischen Architekturwettbewerb aus, sondern suchte mit einem »open call« einen Architekten, um mit ihm gemeinsam eine moderne Bibliothek des 21. Jahrhundert zu entwickeln. Unter dem Motto »Library for all« mobilisierte die Bibliotheksleiterin Deborah L. Jacobs 198 Millionen Dollar in der Bevölkerung. Als Abschluss des mehrstufigen Bewerbungsverfahrens präsentieren 1999 Steven Holl und Rem Koolhaas anhand von Skizzen ihre konzeptionellen Ideen vor 1700 Zuschauern. Unerwartet entscheidet sich das Library Board für die »European Wildcard« Rem Koolhaas und seine Konzeption, die auf den viel beachteten, aber nicht realisierten Wettbewerbsentwurf für die Bibliotheken von Jussieu in Paris von 1992 zurückgeht. In der nun folgenden, dreimonatigen »Researchphase« beginnt ein interdisziplinärer Austausch zwischen Architekten, Bibliotheksexperten und den Entwicklungsabteilungen der Sponsoren wie Boeing, Microsoft, Amazon, Starbucks Coffee und vielen mehr. Gemeinsam beleuchtet man kritisch das Potenzial einer hochtechnologischen Bibliothek für den urbanen Raum aus sozialen, kulturellen und kommerziellen Perspektiven.
Im Dezember 1999 findet diese intensive Auseinandersetzung mit der Typologie der Bibliothek schließlich in einem dreidimensionalen Raumdiagramm, umhüllt durch eine ausdrucksvolle Architekturhaut, ihren künstlerischen Ausdruck. Drei Sichtbetongeschosse mit einem vielfältigen Angebot öffentlicher Funktionen verankern den Komplex auf dem zur Elliot Bay abfallenden Gelände im Business District. Darüber erhebt sich eine Stahlkonstruktion, die OMA als »pre-earthquaked« bezeichnet und auf den ersten Blick manche mit seiner gefalteten Hülle an ein durch ein Erdbeben zusammengesunkenes Hochhaus erinnert. Während bei Holl die gebürstete Aluminiumhaut als dekorative plastische Hülle mit Vor- und Rücksprüngen eine orthogonale Betonkonstruktion verkleidet und die Handwerker vor Ort vor fast unlösbare technische Problem stellte, kommt die Fassade der Seattle Public Library als Amalgam von Ästhetik und Technik daher. Erdbebenaussteifung, intelligentes Sonnenschutzsystem und Innenraumgestaltung greifen nahtlos ineinander; ein Ergebnis, das erst durch die enge Zusammenarbeit von OMA und Arup Associates möglich wurde. Die rautenförmige Fassadenstruktur lässt das Gebäude je nach Tageslicht durch ihr Schattenspiel in einem immer neuen Licht erscheinen. Je nach Blickwinkel schaut man tief in das transparente Raumgebilde hinein oder steht vor einer metallischen glänzenden Oberfläche, die spannungsvoll ihr Umfeld widerspiegelt. »You don’t fit«, war die spontane Reaktion der streitbaren Bürger auf die ersten Entwurfszeichnungen dieser futuristisch anmutenden Raumskulptur. Doch wenn man sich dem realisierten Gebäude nähert, spürt man wie das Gebäude durch Vor- und Rücksprünge subtil auf die Umgebung eingeht. Wer von der 4th Avenue das 27 Meter hohe Foyer betritt, erlebt über Blickbeziehungen auch von innen den intensiven Dialog mit den umgebenden Hochhäusern Miesscher Schule.
Im Innenraum: zwischen Hüllen Unweigerlich fällt der Blick auf die fluoreszierend-gelben Rolltreppen, die als aufsteigender »Urban Walk« den Betrachter in der gestapelten Innenraumlandschaft in die Höhe ziehen. Während die Außenhaut auf das städtische Umfeld antwortet, befindet sich darunter eine poetische Sequenz von »Raumhüllen«, die als »Phänomenologie des großstädtischen Deliriums« (Stanfort Kwinter) den Betrachter mit unterschiedlichen Materialien und Farben anspricht. Die Besprechungsebene überrascht mit einem frivol anmutenden, feuerroten Labyrinth aus geschwungenen Acrylharzoberflächen. Eine Treppe führt in das darüberliegende »Mixing chamber«, das als zentrale, digital aufgerüstete Auskunft atmosphärisch an Andreas Gurskys Fotografien von pulsierenden Börsen erinnert. Darüber gleitet der Leser auf der Rolltreppe durch die kompakt gefüllte »Graphicspace« der vierstöckigen Buchspirale, hinauf in den Lesesaal, der als Innenraumpiazza mit Blick durch die Netzfassade auf die Elliott Bay die Raumsequenz abschließt. Der Leser bewegt sich in einem programmierten Gebäude, in dem ein interdisziplinär abgestimmtes Funktionsprofil durch ein ästhetisches Panorama von Hüllen räumlich umgesetzt wird. In verdichteten Zonen berührt es den Betrachter fast hautnah, an anderen Stellen spannt es weite, hohe Räume für spektakuläre öffentliche Events auf.
»New Commitment« nennen NAI Publishers diese neue Entwicklung in der Architektur und widmen ihr eine Buchreihe, in der euphorisch das Ende einer gelangweilten, postmodernen Melancholie angekündigt wird. Sinnliche Experimentierfreude, strategisches, kommerzielles Kalkül und Einfühlungsvermögen in soziale Prozesse mischen sich zu einer frischen, aber auch kämpferischen Architekturauffassung, die sich nicht von engstirnigen Finanzbürokraten das Fell über die Ohren ziehen lässt. Es ist nur der gemeinsamen beharrlichen Öffentlichkeitsarbeit von Management und Architekten zu verdanken, dass dieses Experiment zu einem Erfolg geführt wurde. Noch wird sich zeigen müssen, wie die Seattle Public Library in der realen Nutzung besteht. Dennoch haben OMA mit LMN Architects, Seattle, verstärkt durch Arup, Bruce Mau Graphic Design und Inside/Outside Landschaftsarchitektur gemeinsam mit den Bauherren diese besondere Situation genutzt, um jeden Millimeter des Baufensters mit einem atemberaubenden Gesamtkunstwerk als »sozialtechnologische Artikulation einer kollektiven Subjektivität« (Stanfort Kwinter) auszufüllen. Auch in Langenlois ist der spannungsvolle Zusammenklang von ausdrucksstarker Hülle, Authenzität des Ortes und erfolgreicher Vermarktung noch möglich, aber nur wenn die Architekten sich bei dem im Bau befindlichen Hotel vor dem aggressiven Management selbstbewusst behaupten. B. S.