Kultur der Stadt

Essays für eine Politik der Architektur. Von Michael Müller. 240 Seiten mit zahlreichen z. T. farb. Abb., kartoniert, 26,80 Euro. transcript, Bielefeld 2010

~Christian Holl

Die Kultur der Moderne ist eine Kultur der Stadt. Architektur und städtebauliche Figurationen sind dabei Ergebnis und Voraussetzung für die Entstehung und Weiterentwicklung dieser Kultur. Das ist die Basis der Überlegungen Michael Müllers. In 13 teilweise in diesem Buch zum ersten Mal veröffentlichten Texten ordnet und sondiert er die Wechselwirkungen zwischen Ökonomie, Politik und städtischer Kultur. Es wurden hier teils neue, teils von Müller (etwa in Zusammenarbeit mit dem inzwischen verstorbenen Franz Dröge) bereits an anderer Stelle geöffnete Zugänge auf die Stadt zusammengeführt. So ergibt sich ein sehr präzises Bild der Zusammenhänge von Stadt und Bild, Avantgarde und Politik, Massenkultur und Architektur, der Entwicklung unseres Verständnisses von Stadt und deren Bedeutung seit der Renaissance. Die Texte sind nicht immer leicht zu lesen, aber der Lohn der Mühe ist die Einsicht, dass viele gern gepflegten Vereinfachungen tatsächlich Vereinfachungen sind – etwa die, dass die Ökonomie die Kultur unterminiere und entwerte. Mindestens genauso gilt nämlich, dass Ökonomie permanent kulturell aufgewertet wird. In der Frage, ob man mit den gleichen Argumenten die Architektur der Zeit vor 1933 wie die der funktionalistischen Nachkriegsarchitektur verwerfen dürfe, bezieht Müller ebenso Position – gerade dadurch, dass man die Unterschiede zwischen beiden aufspürt, wird sichtbar, wie aus dem einen, der Architektur der frühen Moderne, das andere, der Funktionalismus der Nachkriegszeit werden konnte. Auch hinterfragt der Autor die Erzählungen vom Verlust regionaler Kultur – gewiss, Lokalität und Globalisierung werden intensiv zueinander in Beziehung gesetzt, was aber lediglich bedeutet, dass sich verändert, was als lokale Besonderheit gelten darf, aber nach wie vor existiert. »Kultur der Stadt« ist ein Buch, das in seinen Ausschnitten eine sehr genaue Beschreibung der Stadt im 20. Jahrhundert liefert und dabei auch aktuelle Veränderungen in den Blick nimmt. Nicht abgenommen wird dem Leser die Aufgabe, den Transfer von Müllers Thesen auf das Konkrete zu leisten. Er wird dabei so manches neu zu bewerten haben.