Kreuzfahrtterminal und Viewpoint, HafenCity; Hamburg

Kreuzfahrer der Weltmeere

Veraltete Bausubstanz und die seit Juli geltenden erhöhten Sicherheitsbestimmungen auch für Seepassagiere machten das bisherige Anlegeterminal für die Kreuzfahrtriesen im Hamburger Hafen obsolet. Bis zum Bau des endgültigen Empfangsgebäudes im Rahmen der HafenCity-Entwicklung aber sind noch fünf Jahre Zeit. Die ortsansässigen Architekten planten in nur drei Monaten ein Provisorium aus gebrauchten Seecontainern. Dilapidated building substance and, since July, also the increased security requirements for sea passengers, make the previous docking terminal for ocean cruisers in Hamburg port obsolete. Before final completion of the reception building within the Habour-City redevelopement five years are required. In only three month the local architects planned a provisional.

Text: Cornelia Krause Fotos: Christoph Gebler Bauen am Wasser, besonders an großen Flüssen und Seefahrtswegen wird gern mit Symbolen überfrachtet. Motive wie Bullauge, Schiffsbug und Welle sind etwas aus der Mode gekommen, dafür aber steht der Container als zeitgemäßes Transportmittel hoch im Kurs. Wer ihn jedoch nicht nur als Bild benutzt, sondern die stählernen Kolosse auch verbaut, schafft damit eine nicht zu übertreffende Identität. Für ein auf Dauer zu nutzendes Gebäude macht diese Idee zwar wenig Sinn, aber das war auch nicht der Auftrag an die jungen Hamburger Architekten Renner, Hainke, Wirth. Die seit Juli geltenden neuen Sicherheitsbestimmungen für Seefahrtpassagiere führten zur Aufgabe des bisherigen Anlege- terminals für Kreuzfahrtriesen. Die in einer provisorischen Halle untergebrachte Funktion passte ohnehin nicht mehr in die so langsam sichtbar werdende HafenCity. Da mit dem Bau des endgültigen Terminals nicht vor 2009 zu rechnen ist, musste noch einmal ein Provisorium her – allerdings eines mit architektonischem Anspruch. Schließlich erwartete man am 19. Juli das zur Zeit größte Passagierschiff der Welt, die Queen Mary 2. Für die Architekten eine große Herausforderung. Nicht nur, dass insgesamt sechs Monate für die Planungs- und Bauzeit zur Verfügung standen, auch das Budget war nicht üppig bemessen. Mit den bereitgestellten 1,5 Mio Euro bekommt man gerade mal eine schlichte Lagerhalle, und die sollte es nicht ein zweites Mal werden.

Oft sind es jedoch die weniger idealen Bedingungen, die Fantasie und Kreativität zu Höchstleistungen anspornen. So ist denn auch das wirklich Überraschende an diesem Entwurf, dass die Container gleichzeitig als Raumhülle und Tragwerk dienen. Das allein spart schon viel Geld – noch mehr ließ sich durch die »Secondhandware« einsparen. Ähnlich wie bei den bekannten Alukoffern gibt es auch für gebrauchte Container eine »Reparaturwerkstatt«, die allzu große Beulen glättet – und diese Firma ist im Hamburger Hafen ansässig! Das »Baumaterial« lag also direkt vor der Tür und musste nur mit einem Schwimmkran übergesetzt werden. Der Aufbau der Containerwände selbst war in acht Stunden erledigt. Das wiederum hat viel Zeit gespart.Mit der Verwendung gebrauchter Container stieg deren Symbolwert beträchtlich. Kreuzfahrer der Weltmeere treffen Kreuzfahrer! Gestalterisches Aufsehen gelingt mit gestapelten Containern zwar kaum – moderne Häfen sind voll davon – im städtebaulichen Ödland der HafenCity aber fällt die »vergessene Ladung« am Grasbrookhafen schon auf, zumal sie durch die sorgfältig abgestimmten Farbkombinationen in frischen Blau- und Grüntönen zusätzlich auf sich aufmerksam macht.
Trotz hohem Eigengewicht der Stahlbehälter muss das Gebäude gesichert werden. Mit der Anwendung üblicher Bauregeln kamen die Architekten nicht weit. Was lag näher, als die hafeneigenen Firmen zu befragen, deren tägliches Geschäft es ist, riesige Containerladungen seetüchtig zu machen. So sind auch die Bausteine des Terminals über stählerne Laschen an den Eckpunkten, den so genannten »quick locks«, sowohl untereinander als auch mit den Fundamenten kraftschlüssig verbunden. Zusätzliche Seilverspannungen erhöhen die Sicherheit. Eigengewicht und Ballast (Sandpakete in der obersten Lage) reichen aus, um die überwiegenden Sog- und Hebelkräfte des auskragenden Daches aufzunehmen. Restliche Kräfte werden über die Verbindungsstücke in die Fundamente eingeführt. Die einfache, transluzent ummantelte Holzbinderkonstruktion wird von einer innenliegenden Beleuchtung in ein schwebendes Segel verwandelt.
Die Rauheit der Bausteine prägt auch das Innere der 62,5 m x 22,5 m großen Halle (Außenmaße). Ein hellroter, PV-beschichteter Asphalt- boden kontrastiert mit dem blaugrünen Anstrich der Containerwände innen wie außen. Die nach Westen und damit zur Stadt weisende Seite ist verglast, um die ankommenden Passagieren gleich auf Hamburgs Schokoladenseite aufmerksam zumachen. Überraschend zu hören ist, dass jede Reederei ihr Equipment, das zum Ein- bzw. Auschecken benötigt wird, selber stellt, sodass die Halle im unbenutzten Zustand ein leerer Raum ist, der sich für Veranstaltungen geradezu anbietet, weniger allerdings in den Wintermonaten, da die Halle nicht beheizt wird. Die Kreuzschifffahrt ist ein reines Saisongeschäft.
Saisonunabhängig dagegen ist die Begehung des in unmittelbarer Nachbarschaft stehenden Viewpoints, sozusagen in der Funktion der einstigen Infobox vom Potsdamer Platz in Berlin, in diesem Fall aber als verlängerter Arm des Kesselhauses zu sehen, dem eigentlichen Informationszentrum der HafenCity. Die visuelle Landmarke, ebenfalls von den Architekten Renner, Hainke, Wirth entworfen, steht direkt an der Kaimauer des Grasbrookhafens und kann so den Besuchern mit ihrer 10,5 m Höhe einen Überblick über das gesamte Planungsgebiet verschaffen und später dann auch Einblicke in die Baustellen gewähren. Noch äugt die künstlerisch anmutende Stahlskulptur wie »Nessi« aus dem Wasser bzw. aus dem vorbereiteten, glattgepflügten Bauland. Ihre augenblickliche Alleinstellung ist ein wichtiger Gelenk- und Orientierungspunkt für die aus der City führenden Achse Kibbelsteg, denn ohne den leuchtend roten Turm wäre das Kreuzfahrtterminal kaum auffindbar. Dieser mag für die stolze Hansestadt kein repräsentatives Aushängeschild sein, aber das provisorische Ensemble hat mit seiner spielerischen Unbekümmertheit einen ganz speziellen Charme, den ein international austauschbares Terminal nie ausstrahlen könnte. kr
Bauherr: HafenCity Hamburg (Terminal und Viewpoint) Architekten: Renner Hainke Wirth Architekten, Hamburg Karin Renner, Stefan Wirth, Rolf Hainke Mitarbeiter: Ralf Hellmann, Kristin Hoschke (Bauleitung) Kai Luetkens, Anuschka Kossak, Petra Zischler, Gerd Brauer, Hauke Seeger, Jan Harders, Christiane Nägele (Terminal und Viewpoint) Tragwerksplanung: Werner Sobek, Stuttgart (Terminal); Windels Timm Morgen, Hamburg Ausführende Baufirma: Altenwerder Schiffswerft, Hamburg Bauzeit: 02 – 04 2004 (Terminal); 06 – 07 2004 (Viewpoint) Kosten: 1,5 Mio Euro (Terminal); 120 000 Euro (Viewpoint) Nutzfläche: 1553 qm (Terminal) umbauter Raum: 16000 cbm (Terminal)