Reihenhäuser in Niedrigenergiebauweise in Darmstadt Kranichstein

Kranichsteiner Kuben

Eine Siedlung, bei der Haus und Garten ineinander greifen; der Wohnbereich beschränkt sich nicht auf das Gebäudeinnere, sondern wird bis in den Außenbereich erweitert. Die Ausgangsidee für diese Reihenhaussiedlung war: Wohnungsbau in vorgefertigter Elementbauweise zu errichten. Erst während des Entwurfsprozesses fiel die Entscheidung zugunsten einer Konstruktion in Holz. Die gewählte Massivholzbauweise ermöglicht hohe Baupräzision und erleichtert die Arbeit der nachfolgenden Gewerke. An estate where house and garden intermingle; the living area is not restricted to the inside of the building but is extended to the outside area. The initial idea for the terrace house estate was to erect housing in a prefabricated building element system. During the design process the decision was made for construction in wood. The chosen solid wood construction allows high precision and better conditions for the following trades.

Text: Hans-Jürgen Breuning

Fotos: Thomas Ott
»Wo sind wir hier?«, müsste man eigentlich fragen. Denn kaum hat man Darmstadt in Richtung Norden verlassen, ist die Stadt wie ausgeblendet. Der Blick fällt vorbei an fein parzellierten Schrebergärten weiter hinüber nach Kranichstein. Wie ein großer Wall stellen sich graue Wohnhochhäuser vor den weiten Horizont der flachen Landschaft: Eine klassische Trabantenstadt, die ihre Entstehungszeit um 1970 nicht verleugnen kann, dominiert den Fernblick. Und es sind nicht nur die Qualitäten jener Bauten, die für manchen eher im Verborgenen bleiben, auch, dass hier mit Ernst May (1886 – 1970) einer der Pioniere des Neuen Bauens die Planungen leitete, scheint jetzt eher nebensächlich. Ganz anders dagegen die große Brachfläche, die sich zu Füßen der gigantischen Wohnbauten ausbreitet und die Aufmerksamkeit sofort auf sich zieht. Zwei- bis dreigeschossige Wohnhäuser liegen hier verstreut nach allen Richtungen und orientieren sich an einem nur in Fragmenten realisierten Städtebau. Peu à peu hat sich hier wie in einem jahrzehntelangen Puzzlespiel eine neue Wohnstadt entwickelt. Und jedes Fragment steht dabei für eine bestimmte Zeit. Überall gibt es wenig ansprechende Restflächen – welche Qualitäten mögen sich hier wohl noch verbergen? Einen vorsichtigen Hinweis könnten die kubischen Holzbauten geben, die sich streng in Reihe stellen und durch ihre dunklen Rottöne deutlich von ihrer Umgebung abheben. Schon beim Näherkommen machen sich die kantigen Reihenhäuser als einer der jüngsten Bausteine Kranichsteins bemerkbar. Im Zusammenspiel ihrer auffallend disziplinierten Form und ihrer Materialität machen sie neugierig. 22 Bauherren haben hier den Entschluss gefasst, den Traum ihrer eigenen vier Wände nicht wie ursprünglich geplant in Stahlbeton zu manifestieren, sondern in vorgefertigten Massivholztafeln zu errichten, und damit bekamen die Häuser ihre ganz eigene Prägung. Mit einer flexiblen Hausbreite von 5,00, 5,50 oder 6,00 Metern ist hier innerhalb kürzester Zeit eine komplette Reihe mit vier Hausgruppen entstanden (die Wohnflächen variieren zwischen 112 und 173 m²). Nur sechs Wochen dauerte es, bis die elementierten, großformatigen Massivholz-Bauteile passgenau vorfabriziert waren und auch die Rohbaumontage ging erstaunlich schnell: Schon nach weiteren sieben Wochen standen alle 22 Häuser fertig zum Ausbau bereit. »Innerhalb von nur zwei Tagen steht der Rohbau eines Hauses. Und dieser vermittelt über das Material, die Oberflächen und seine präzise Verarbeitung schon eine gewisse Wohnlichkeit. Die Handwerker gehen mit dieser sauberen Baustelle gleich ganz anders um und auch die Vorfreude des Bauherrn stellt sich schneller ein«, betonen die Architekten. Tatsächlich hat die Massivbauweise nicht nur den Vorteil einer schnellen Bauzeit. Denn während bei einem Holzrahmen- oder Holzskelettbau die Wärmedämmung in die eigentliche Konstruktion integriert werden muss, kann hier das Dämmmaterial ganz einfach auf das Massivholz aufgebracht werden: Die Konstruktion ist simpler und auch weniger anfällig. Selbst bei vergleichsweise geringen Wanddicken – die Haustrennwände sind pro Seite nur ca. 18 cm dick – lässt sich mit Massivbauweise ein hoher Wärme- und Schallschutz (Rw=75 dB) erzielen. Die schlanken Wände wirken sich außerdem durchaus positiv auf die Gesamtwohnfläche aus, und gerade der Wunsch nach mehr Wohnraum steckt schließlich in den »Kranichsteiner Kuben«. Von den 22 Hausbesitzern haben immerhin gleich 15 noch ein zusätzliches Dachstudio (ca. 25 m²) im 2. OG erworben. Mit der großen Beliebtheit der Dachbox hatten die Architekten eigentlich gar nicht gerechnet, der Ausbau nach oben wurde lediglich mit einem Oberlichtband über der einläufigen Treppe vorbereitet. Passiert man den privaten, sichtgeschützten Außenbereich und betritt eines der Häuser, so kann man sich die Qualitäten des Dachstudios gut vorstellen: Die Innenräume sind spürbar »straff und funktional« bemessen. Eine zentrale Treppe und das Gäste-WC stellen sich quer in den Baukörper hinein und trennen den südlichen Wohnbereich von der Küche und dem nach Norden orientierten Essplatz. Küchenzeile und Einbauschrank sind Teil dieses kompakten Blocks. Im Obergeschoss warten noch drei Zimmer, deren Dimensionen jedoch überschaubar bleiben. Wer jetzt ganz hoch aufs Dach gehen darf, spürt in dem von Nadelholz geprägten Studio eine gewisse Großzügigkeit – und genießt von dort oben den besten Blick. Der einzige Nachteil ist, dass durch den Wegfall des Oberlichtbandes deutlich weniger Tageslicht einfällt. Sind es nach Süden stets raumhohe Verglasungen, die den Zimmern viel Licht bieten, so schließen sich die Häuser an der Nordseite wesentlich stärker. Die dortigen Fensteröffnungen im Obergeschoss mit den in die Ecke geschobenen Badezimmerfenstern wirken dabei deutlich weniger elegant. Geschosshohe Faltschiebeläden, die den Rotton der Nordseite aufgreifen, sorgen an der Südfassade für den gewünschten Sonnen- und Sichtschutz sowie eine sich stets verändernde Ansicht. Vor allzu neugierigen Blicken der Nachbarn bewahren in den privaten Außenbereichen Sichtbetonwände entlang der Grundstücksgrenzen. Die rechtwinklig abgesteckten Außenräume korrespondieren mit den klar definierten Innenräumen; Innen und Außen verbinden sich über die großzügigen Verglasungen. »Die Häuser polarisieren«, räumt Architekt Thomas Zimmermann ein, »sie lösen sich vom konventionellen Bild eines Reihenhauses und sorgen so für Begeisterung oder heftige Kritik«. Kein Zweifel, die Kuben zeugen von der Qualität eines klaren, rational fundierten Konzepts – sicherlich auch von einer gewissen Strenge und Nüchternheit. Dies wirkt jedoch, besonders an diesem Ort, nicht als aufgesetzte Attitüde, sondern vielmehr als stimmige Antwort auf den nur wenig beflügelnden Kontext. H.-J.B.
Bauherr: Zwei private Bauherrengemeinschaften Architekt: Zimmermann.Leber.Feilberg Architekten, Darmstadt Mitarbeiter: Barbara Naske, Alexander Dill Tragwerksplanung: Benninghoven Ilgmeier Partner, Langen Holzrohbau: Finnforest Merk GmbH, Aichach mit Markus Knauer, Pfungstadt (1. und 2. BA) Zimmerer Fassade: Markus Knauer (1. BA); Wölfel + Söhne, Eltville-Rauenthal (2. BA) Haustechnik: Planungsbüro Norbert Fenderl, VDI, Haibach (1. BA); GWS AG, Wendlingen (2. BA) Bauphysik: IB Heinrichs GbR, Büttelborn (1. BA); Müller BBM, Planegg b. München (2. BA) Bauzeit: Dezember 2002 – Juni 2003 (22 Häuser, 1. BA); Februar – August 2004 (7 Häuser, 2. BA) Baukosten: ca. 4,5 Mio Euro (1. BA); ca. 1,5 Mio Euro (2. BA) Bruttogeschossfläche: ca. 4900 m² (1. BA); ca. 1500 qm (2. BA) Umbauter Raum: ca. 14800 m³ (1. BA); 4500 m³ (2. BA) Auszeichnungen: Aktion Hessenhaus; Das Goldene Haus 2004