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Königsstadt Naga (München)

~Karl J. Habermann

Die Besonderheit besteht darin, dass es sich bei Naga um eine seit zwei Jahrtausenden unberührte Stadt in der Steppe nordöstlich von Khartum im Südsudan handelt. Seit 15 Jahren ist ein Forscherteam des Ägyptischen Museums Berlin mit Grabungsarbeiten befasst. Das Reich von Meroe war zwischen 300 v. Chr. und 350 n. Chr. ein politisch und wirtschaftlich mächtiger Nachbar des ptolemäisch-römischen Ägypten. Obwohl Richard Lepsius auf seiner Expedition in den Jahren 1842 bis 45 alle archäologischen Stätten des Niltals systematisch erfasst und dabei den Norden des Sudans mit eingeschlossen hatte, sollte es 150 Jahre dauern, bis hier intensiv mit den Grabungsarbeiten begonnen wurde. Die Ausstellung »Königsstadt Naga« dokumentiert nun in fantastischer Art und Weise anhand von Originalobjekten unterschiedlicher Art, Größe und Inhalt die Kultur am Schnittpunkt dreier Weltkulturen. In den historischen Räumen der Münchner Residenz ist es den Ausstellungsmachern gelungen, für Besucher, die an Kunst und Geschichte gleichermaßen interessiert sind, eine Entdeckungsreise der besonderen Art zu inszenieren. Die erstaunliche Qualität der Aufzeichnungen von Richard Lepsius zieht einen sofort in den Bann und bindet die geschickt präsentierten steinernen Fragmente in das Gesamtbild ein. Knappe Kommentare per Audioguide unterstützen den besonders wissbegierigen ebenso wie den ungeduldigen Betrachter. Thematisch strukturiert passiert man Götter, Herrscher und Tierskulpturen, vollplastisch und im Relief, und erlebt mit, wie sich einzelne Steinquader mit ihren Relieffragmenten zu imposanten Tempelwänden fügen lassen. Besonders gut lässt sich das Riesenpuzzle im Katalog nachvollziehen. Der ebenfalls gezeigte Amun-Tempel war unter Schutt und Flugsand verborgen und wurde in zehnjähriger Grabungsarbeit freigelegt. Eine dazugehörige Allee von zwölf monumentalen Widderstatuen bildete den Auftakt. Ein Widder durfte den Sudan verlassen und ist nun einer der Höhepunkte der Ausstellung. Am Beispiel der aufwendig restaurierten Hathorkapelle lassen sich die unterschiedlichen Einflüsse der in Naga aufeinandertreffenden Hochkulturen am besten ablesen: Neben ägyptischen Formen findet man griechisch-römische Elemente und meroitische Muster und Physiognomien. Der Stilmix ließe sich vielleicht mit dem Begriff »manieriert« charakterisieren. Bei der Restaurierung kam modernste Technologie zum Einsatz. Mittels 3D-Laserscannern wurden alle Architekturglieder erfasst. Stark verwitterte Kapitelle wurden anhand der digitalen Daten in Kunststein nachgeformt. Für die Unterbringung der Originale und weiterer Funde ist der Bau eines Grabungsmuseums vor Ort geplant. David Chipperfield hat dazu bereits einen Entwurf erstellt. Ein nicht unwesentlicher Nebeneffekt der archäologischen Bemühungen könnte auch in einer historischen und kulturellen Stärkung der Identität des Sudans bestehen. Man darf sich für die weiteren Ausstellungsaktivitäten des Museums im Neubau Peter Böhms gegenüber der Alten Pinakothek eine nahtlose Fortsetzung in Engagement und Kreativität wünschen.
Bis 31. Juli. Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München, Hofgarten, 80333 München, Di 9-21, Mi-Fr bis 17, Sa+So 10-17 Uhr, www.aegyptisches-museum-muenchen.de