Anerkennung · Commendation

Kirchenzentrum · Church Centre

Ökumene – ein viel strapazierter Begriff, der immer noch mehr auf dem Papier steht als dass er mit Leben gefüllt wird. Es ist auch nicht gerade leicht, bei gleich bleibenden Bedingungen Traditionen aufzugeben. Da können städtebauliche Neuplanungen schon etwas bewirken, wenn es darum geht, die räumliche Distanz zwischen den beiden in Deutschland am stärksten vertretenen Konfessionen aufzuheben. Für die auf dem ehemaligen Münchner Flughafen- gelände entstandende Messestadt-Riem sahen die Stadtväter ein gemeinsames Kirchenzentrum vor, das Kraft seiner Größe für die Bewohner ein sichtbares Zeichen darstellen sollte. Um für diese Aufgabe eine passende Lösung zu finden, lobten die katholische und die evangelisch-lutherische Kirche im Jahr 2000 gemeinsam einen Wettbewerb aus. Florian Nagler passte sich mit seinem Siegerentwurf in der äußeren Kubatur der streng orthogonalen Grundstruktur des Bebauungsplanes an, getragen von der Idee, beide Konfessionen durch ein schützendes, umlaufendes Mauerband als eine Einheit erscheinen zu lassen. Im Inneren sollte jedoch die Eigenständigkeit gewahrt bleiben. Das große Volumen aus weiß geschlämmten Ziegelmauerwerk ist nicht – wie vielleicht zu vermuten wäre – nur Gebäude, sondern, ähnlich einer Klosteranlage, mit Gängen und Höfen durchzogen. Passend dazu zeigt sich der Ziegel hier, in Kombination mit Holz und Sichtbeton, in seiner natürlichen Farbe. Ein tief eingeschnittener, offener Hof an der Westseite bietet sich als einladende Geste an einzutreten – deutlich markiert durch den schlanken, hoch aufragenden Glockenturm, der beiden Konfessionen dient. Kaum wahrnehmbar liegen die Eingänge gegenüber der katholischen und evangelischen Gemeinde. Eine dritte Tür führt in das katholische Pfarramt. Entsprechend der größeren Mitgliederzahl in Bayern verfügen die Katholiken über zwei Drittel der Fläche. Bei ihnen sind Kirche und Gemeindefunktionen samt Kindergarten in getrennten Häusern untergebracht, während bei den Protestanten alles unter einem Dach vereint ist. Ihre Gottesdienste finden in einem quadratischen Raum statt, dessen Seitenlängen nicht nur gleich sind, sondern auch der Höhe entsprechen. Das mächtige Deckenholztragwerk (kreuzförmig aufgeschichteter Trägerrost) hat einen gläsernen Dachabschluss, was dem hohen Raum in seinen wechselnden Lichtstimmungen einen besonders feierlichen Rahmen gibt. Loses Gestühl statt Kirchenbänke, ein beweglicher Altar und faltbare (gläserne) Falttüren geben ein Höchstmaß an Flexibilität. Foyer und Gemeinderaum können an besucherstarken Feiertagen unkompliziert dem »Kirchenschiff« zugeordnet werden. Die katholische Kirche ist der Tradition stärker verpflichtet und verfügt über eine Werktagskirche, den Hauptkirchenraum und eine kleine Taufkapelle. Die Bereiche gehen offen ineinander über und sind lediglich durch unterschiedliche Raumhöhen differenziert. Das Dachtragwerk besteht hier aus einzelnen, schlanken Biegeträgern, die in Kombination mit einer aufgeständerten Dachscheibe aus Furnierschichtholzplatten die umfassenden Stahlbetonwände aussteifen. So sehr sich die beiden Dachkonstruktionen unterscheiden, nach außen sind sie gleich, als erhöhte, dunkel verkleidete Attiken sichtbar. Das Gestalt prägende Element, die zehn Meter hohe Umschließungswand, war eine konstruktive Herausforderung, denn sie ist sowohl Gebäudehülle als auch frei stehende »Hofmauer«, mit den vielfältigsten Anschlusssituationen und Durchbrechungen. Als das am besten geeignete Material erwies sich 30 cm dicker Stahlbeton mit einer vorgehängten, hinterlüfteten Ziegelschale. Um die Idee zu realisieren, auf der weiß geschlämmten Außenfassade mit dem Fugenbild die innere Struktur abzubilden, waren Sonderkonstruktionen für maximale fugenfreie Felder notwendig. Die durchgehend hohe Wand wurde an mehreren Stellen sogar als Tragkonstruktion genutzt, zum Beispiel als wandartiger Träger zur Überbrückung der 17,50 Meter weiten Öffnung für das Altarfenster in St. Florian. Ebenso konnte sie als Träger für die großen, intensiv begrünten Dachgärten genutzt werden, die jeweils den Pfarrwohnungen zugeordnet sind und mit ihrer üppigen Bepflanzung die Intimität der Innenhöfe betonen. Umgekehrt wird das Dachholztragwerk vom St. Florian Kirchenraum zur Aussteifung der Außenwände herangezogen. Dieses Wechselspiel aus risikoreicher Gestaltung und Machbarkeit hat die Jury überzeugt, dem Kirchenzentrum eine Anerkennung zu verleihen. Cornelia Krause

Ecumenical Church Centre, Munich-Riem A much used term that continues to exist more in theory than in reality. It is not exactly easy to surrender traditions under unchanged conditions. Here, urban design projects can play a role in reducing the spatial distance between Germany’s two most popular religious denominations. In Messestadt (expo city) Riem, built on the former site of Munich Airport, the city fathers planned to erect an interchurch centre that, by virtue of its size, was to form a conspicuous symbol for the residents. To find an appropriate solution for this task, the Catholic and Evangelical Lutheran churches staged a competition together in 2000.
Florian Nagler’s winning design conformed in its external outline to the orthogonal grid structure of the local development plan, born from the idea to have both denominations appear as a unity through a protective, encompassing outer wall. On the inside, however, autonomy was to be maintained. Despite appearances, the large volume of whitewashed brickwork is not just a building, but rather a cloister-like ensemble, interfused with walkways and court- yards. Fittingly, brickwork appears in its natural colours, in combination with timber and fair-faced concrete. A deeply cut, open courtyard on the west side forms an inviting gesture to enter – clearly marked by the slender, soaring clock tower, which serves both denominations. Barely distinguishable, the entries to the Catholic and Evangelical parishes are located opposite. A third door leads to the Catholic rectory.
Corresponding to larger membership numbers in Bavaria, the Catholics occupy two-thirds of the total area. Church and parish functions along with kindergarten are accommodated in separate buildings, while Protestant functions are unified under a single roof. Their church services take place in a quadratic room whose walls are not only equal in length, but also in height. The mighty timber roof framing (crucifix-form stacked structural lattice) is covered by glass which, in changing light conditions, imparts a particularly ceremonial atmosphere to the high space. Loose seating instead of church pews, a moveable altar and folding glass doors create a high level of flexibility. On popular religious holidays, the foyer and parish rooms are easily added to the church “nave”.
The Catholic Church, more bound by tradition, is made up of a weekday church, the main church interior and a small baptistery. The areas open on to each other and are differentiated solely by changing ceiling heights. The roof framing consists of individual, slender flexural beams which, in combination with raised plywood roof panels, brace the surrounding concrete walls. As much as both types of roof construction differ, externally they are the same, appearing as raised, dark-clad attics. The form-defining ten metre high surrounding wall was a challenge to construct as it forms both building envelope and freestanding courtyard wall, with a variety of junction types and openings. The most suitable material proved to be 30 cm thick reinforced concrete, with a cavity and an external leaf of brickwork. In order to achieve the idea of expressing the internal divisions on the whitewashed external façade through the layout of joints, a special construction was required that enabled the largest joint-free areas possible. The continuously high wall was even used in a number of places as load-bearing construction, for example, as a wall-type beam spanning the 17.5 m wide opening for the altar window in St. Florian. Likewise, it was also used to support the extensively planted roof gardens, which are allocated to each priest’s apartment and emphasise the intimacy of the courtyard through their lush vegetation. Conversely, the timber roof structure of St.Florian’s interior was utilised to provide bracing for the external walls. This interplay of risk-taking and feasibility has convinced the jury to award a commendation to the church centre.
Bauherr · Client: Evangelisch-Lutherischer Dekanatsbezirk München, Baureferat und Kuratiestiftung St. Florian vertreten durch das Erzbischöfliche Ordinariat München, Baureferat Architekt · Architect: Florian Nagler Architekten, München Mitarbeiter · Project Team: Steffen Bathke, Günther Möller, Matthias Müller, Thomas Neumann Bauleitung · Construction Management: Hellmut Wollner, München Tragwerksplanung mit Planung der Ziegelfassaden · Structural Engineering (incl. brick façade): Merz Kaufmann Partner, Dornbirn (A) Energiekonzept · Energy Concept: Transsolar, Stuttgart Lichtplanung · Lighting: Belzner Holmes, Heidelberg Landschaftsplanung · Landscape Design: Realgrün, München