kirchen, synagogen

~Peter Struck

Mit »Etz Chaim«, dem neuen Gemeindezentrum der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover wurde im Januar 2009 zum zweiten Mal in Deutschland eine Synagoge in einer ehemaligen Kirche eröffnet – nach einem Bielefelder Gotteshaus im September 2008. Für die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, wurde mit dieser »heiklen« Umwandlung »ein neuer, lange undenkbarer Weg eingeschlagen«. Denn obwohl es für die hannoversche Gustav-Adolf-Gemeinde sehr schmerzhaft war, ihre Kirche aufzugeben, hat sie sich bewusst dafür entschieden, sie an die jüdische Gemeinde zu verkaufen: Nur auf diese Weise bleibt die einstige Kirche ein Gotteshaus.
Zum Raumprogramm des jüdischen Kulturzentrums gehören neben dem zentralen Gebetsraum eine Bibliothek für jüdische Literatur, ein Café, mehrere Gemeinderäume und zwei Wohnungen. Den hannoverschen Architekten Ahrens Grabenhorst ist mit der Umwidmung der einstigen Gustav-Adolf-Kirche eine ebenso einfache wie überzeugende architektonische Lösung gelungen, die in ihrer schlichten Formensprache wohl nur für eine liberale jüdische Gemeinde denkbar ist. Diese definiert sich im Gegensatz zu einer orthodoxen Gemeinde vor allem durch die Gleichberechtigung der Geschlechter und durch die allgemein weniger strenge Handhabung bestimmter religiöser Gebote.
Schon äußerlich hat das Gebäude wenig gemein mit der ehemaligen »Sprungschanze Gottes«, der markanten Betonrampe von Fritz Eggeling aus dem Jahre 1968: Das steile Dach wurde aufgestockt und begradigt, der gesamte Bau beruhigt. Um den engen Zugangsbereich zu öffnen, wurden Eingang und Treppe verlegt und eine tragende Wand entfernt. So entstand ein freundliches Foyer auf zwei Etagen, auf der ehemaligen Empore darüber die Bibliothek mit umlaufender Galerie. Äußerlich hervorgehoben wird der Eingang durch eine vorgesetzte Fassade aus eloxiertem Aluminiumblech, dessen Ornament aus dem Davidstern entwickelt wurde.
Alle Räume erhielten weiß verputzte Wandflächen und dunkelgraue Fensteröffnungen, Türen und Böden. Vom Altbau übernommen wurde der Belag aus leicht gewelltem Schiefer, der in den neu gestalteten Bereichen ergänzt oder komplett durch Feinsteinzeug ersetzt wurde, so auch im zentralen Gebetsraum im ersten Stock. Auch der wichtigste Raum des Hauses ist schlicht und hell, sein Hauptgestaltungselement das raffinierte Zusammenspiel von Kunst- und Tageslicht: Die großen Glasfronten in den Seitenwänden wurden durch ein Oberlicht und je zwei kleine Fenster aus Sicherheitsglas im unteren Bereich ersetzt. Im oberen Teil umgeben hinterleuchtete Textilglaswände den fast quadratischen, sieben Meter hohen Raum auf drei Seiten und lenken den Blick auf den einzigen Schmuck, den hohen Thoraschrank im Osten. Diese subtilen Eingriffe machen den manierierten Bestandsbau überhaupt erst nutzbar, formulieren ihn neu als eindrucksvollen, besonders einladenden Ort.