Siedlung »Im Raiser« in Stuttgart

Kinder statt Kadetten

Im Stuttgarter Stadtteil Zuffenhausen verwandelt sich ein ehemaliges Kasernengelände in ein neues Wohngebiet für junge Familien. Reihenhäuser aus Holz lassen trotz einer kompakten, verdichteten Bauweise kein Gefühl von Enge aufkommen. In the Stuttgart quarter of Zuffenhausen a former barracks site is being transformed into a new housing area for young families. Terrace housing in wood construction avoids – despite a compact, high density planning – any sense of confinement.

Text: Christian Schönwetter

Fotos: Richard Günter Wett
Sechzehn Minuten sind nicht viel. So lange dauert es, um mit der U-Bahn mitten aus Stuttgarts geschäftiger Fußgängerzone in das neue Wohngebiet »Im Raiser« zu fahren, wo man sehr ruhig und mit Bezug zur freien Landschaft leben kann – citynah, und doch kinderfreundlich, kompakt und doch grün. Das Gelände liegt am Rand von Zuffenhausen-Rot, einem in der Nachkriegszeit sehr schnell gewachsenen Stadtteil. Sozialer Wohnungsbau auf der grünen Wiese prägt hier das Bild, bestes Beispiel sind die beiden Hochhäuser »Romeo und Julia«, die Hans Scharoun Ende der fünfziger Jahre errichtete.
Inmitten der Wohngebiete hielt sich als Fremdkörper hartnäckig die so genannte Grenadierkaserne. 1936 gebaut und zunächst von der Wehrmacht genutzt, lag sie bis 1993 in den Händen der amerikanischen Streitkräfte. Die Bebauung Zuffenhausens war im Laufe der Jahre immer näher an das Kasernengelände herangerückt, bis sie es schließlich U-förmig umringte.
So lag es nahe, nach dem Abzug der Amerikaner ein Wohnquartier für junge Familien entstehen zu lassen, das von der Nähe zur grünen Umgebung und zur bereits bestehenden Infrastruktur – Schulen, Schwimmbad und Sportplatz – profitieren würde.
Aus einem städtebaulichen Wettbewerb gingen 1998 die Stuttgarter Architekten Regina Kohlmayer und Jens Oberst als Sieger hervor. Ihr Entwurf überzieht das Gelände konsequent mit einer dichten zwei- bis dreigeschossigen Reihenhausbebauung, die sich nach Südwesten zur freien Landschaft orientiert. Im Nordosten sollen viergeschossige Riegel das Gebiet vor dem Lärm der angrenzenden Schozacher Straße schützen. Von dort führt eine ringförmige Erschließung, die Durchgangsverkehr verhindert, in das Viertel, ergänzt von autofreien Wohnwegen, über die es zu den einzelnen Häusern geht. Tiefgaragen, die gleich am Quartierseingang liegen, fangen einen großen Teil des Verkehrs ab und tragen dazu bei, die Straßen autoarm zu halten.
Der Entwurf wurde mit geringen Änderungen in einen Bebauungsplan übersetzt; inzwischen sind zwei Drittel des Gebiets bebaut. Tatsächlich ist ein sehr verkehrsarmes Wohngebiet entstanden, das Kindern nahezu ideale Bedingungen bietet. Ungefährdet können sie durchs Quartier oder die nahe gelegenen Weinberge und Schrebergärten ziehen und sich neue Freiräume erobern – und das bei absoluter Stadtnähe. Nicht viel erinnert heute mehr an die militärische Vergangenheit des Geländes. Lediglich ein Kasernenbau blieb stehen und beherbergt Büros. Die Kasernenmauer aus ortstypischem Muschelkalk fasst das Gebiet ein, stützt teilweise den Hang ab und wirkt als selbstverständlicher Teil der Außenraumgestaltung. Im Inneren des Viertels ist dann alles neu. Am überzeugendsten wirkt ein Teilabschnitt des Geländes, den Kohlmayer Oberst Architekten selbst bebauen konnten. Ihnen gelang es trotz der beengten Verhältnisse, die verdichteter Flachbau nun einmal mit sich bringt, ein gewisses Maß an Großzügigkeit zu schaffen. Maximal fünf Häuser bilden eine Zeile, so dass die Gruppen überschaubar bleiben und den Nutzern trotz serieller Fertigung nicht das Gefühl geben, in Massenware zu leben. Die Grundrisse, als klassischer Nord-Süd-Typ organisiert, erzeugen ausgesprochen helle Innenräume, da die Architekten die Häuser breiter als tief ausbildeten und damit eine dunkle Kernzone vermieden. Der Wohnraum im Erdgeschoss erstreckt sich über die gesamte Hausbreite von 8,50 Metern, die Individualräume in den oberen Geschossen nehmen immerhin noch die Hälfte ein, sind mit ihrer quadratischen Grundfläche angenehm proportioniert, alle exakt gleich groß und mit rund sechzehn Quadratmetern so bemessen, dass sie den Bewohnern die Freiheit einräumen, über die Verteilung der Räume selbst zu entscheiden. Anstatt mit einem streng funktionalistischen Grundriss eine bestimmte Nutzung vorzuschreiben, erlauben die Reihenhäuser mit ihren neutralen Räumen eine flexible Belegung. Hier wurde endlich einmal verwirklicht, was Planer schon lange fordern, was aber nur sehr selten realisiert wird: eine Raumdisposition, die auf die sich ändernden Lebensverhältnisse heutiger Familien eingeht, bei denen die klassische Vater-Mutter-Kind-Konstellation immer seltener anzutreffen ist.
Bei der im Wohnungsbau wichtigen Frage, wie viel Individualität den Einheiten eingeräumt werden soll, entschieden sich die Architekten dafür, das Einzelne dem Ganzen unterzuordnen, um einen zu kleinteiligen Eindruck zu vermeiden. Jede Zeile wirkt daher wie aus einem Guss, wie ein einziges größeres Gebäude. Dafür sorgt die abstrakte Gestaltung der Südwestseiten, bei denen ein schachbrettartiges Muster aus raumhohen Fenstern und geschlossenen Flächen die ganze Ansicht gleichmäßig überzieht. Schiebeläden aus vertikalen Douglasiekanthölzern zeichnen ein abwechslungsreiches Bild auf die Fassade, das vergessen lässt, wo das eine Haus aufhört und das nächste anfängt, und damit geschickt über die Reihung kleiner, im Grunde gleicher Wohneinheiten hinwegtäuscht. Bei aller Vereinheitlichung kommt keine Monotonie auf, denn die Architekten nutzten das oberste Geschoss, um Varianten zu bilden und das Wohnungsangebot zu differenzieren: Einige Häuser erhielten hier zwei Schlafräume, andere nur einen, einige eine Dachterrasse, andere nur ein begrüntes Dach. Auf diese Weise sind die Gebäude teils zwei, teils drei Geschosse hoch, und die rigorose Strenge der Zeilen im Lageplan wird in der dritten Dimension aufgelockert.
Die Prämisse, preiswerten Wohnraum zu schaffen, führte zu der Entscheidung, die Gebäude nur teilweise zu unterkellern und sie in Holzrahmenbauweise zu errichten. Zum einen ließ sich dadurch die Bauzeit verkürzen, zum anderen ermöglicht der Holzbau Wanddicken, von denen man beim Massivbau nur träumen kann: Mit einem Gesamtaufbau von 26 Zentimetern bei vollem Wärmeschutz sparen die Außenwände wertvolle Fläche, die den Raumgrößen zugute kommt. Bekleidet ist die Holzkonstruktion mit großformatigen Douglasie-Dreischichtplatten, die eine silbrig-graue Lasur tragen. Die Oberfläche des Holzes wird sich verwandeln, wenn allmählich die natürliche Vergrauung einsetzt und sich die beiden Grautöne – Pigment und Eigenfarbigkeit des Holzes – überlagern. Zu starke Kontraste zwischen den unterschiedlich bewitterten und sich damit unterschiedlich schnell verändernden Fassaden soll die Lasur abmildern, die den Alterungsprozess optisch vorwegnimmt. Fast wirken die Holzwände wie Beton und erzeugen gemeinsam mit den Vormauern, welche die Grundstücksgrenze zum Wohnweg markieren, und mit den von den Architekten bereits vorgesehenen Gerätehäuschen im Garten, die aus Beton gebaut sind, ein einheitliches Bild.
Die Reihenhäuser im Raiser schaffen trotz beengter Verhältnisse, geringer Mittel und serieller Bauweise eine Wohnumgebung mit eigenem, unverwechselbarem Charakter. Ihre gestalterische Qualität ist nicht allein dem Engagement der Architekten zu danken, sondern auch der Stadt Stuttgart. Sie überließ die Bebauung nicht einfach den Investoren, sondern lobte, nachdem der Bebauungsplan stand, einen Realisierungswettbewerb für Teams aus Bauträgern und Architekten aus, die jeweils Teilabschnitte des Geländes beplanten. Erst dieser zweite Wettbewerb stellte sicher, dass auch bei den Hochbauten ein gestalterischer Mindestanspruch gewahrt bleibt. Mag dieses Verfahren für die Stadt auch einen erhöhten Aufwand bedeutet haben, so hat es sich doch gelohnt: Die Reihenhäuser von Kohlmayer Oberst Architekten erhielten bereits den Holzbaupreis Baden-Württemberg. C. S.
Bauherr: SWSG – Stuttgarter Wohnungsbau- und Städtebaugesellschaft mbH, Stuttgart Architekten: Kohlmayer Oberst Architekten, Stuttgart Mitarbeiter: Andreas Ocker, Christoph Walker Tragwerksplanung: Ing. Büro Steffen Merkle, Bietigheim-Bissingen Haustechnik: Ing. Büro Marzschesky, Stuttgart Nutzfläche: 10 260 m² Bruttorauminhalt: 28 456 m³ Bauzeit: 2002 bis 2003
Dachaufbau
– Extensive Dachbegrünung – Feuchtigkeitsabdichtung mit Kunststoffbahnen – Polystyrol-Hartschaum 140 mm – Deckenbalken KVH 100/180 mm dazwischen Wärmedämmung aus Mineralwolle – PE-Folie als Dampfsperre – Unterkonstruktion 20 mm – Gipsfaserplatte 12,5 mm
Deckenaufbau
– Linoleum Uni Walton (2 mm) – Anhydrit-Heizestrich (55 mm) – Systemisolierung aus PUR (26 mm) – Ausgleichsdämmschicht aus Polystyrol (10 mm) – OSB-Platte (22 mm) – Deckenbalken KVH (100/180 mm) dazwischen Wärmedämmung aus Mineralwolle – Unterkonstruktion (20 mm) – Gipsfaserplatte (12,5 mm)
Wandaufbau
– Gipsfaserplatte (12,5 mm) – PE-Folie als Dampfsperre – Holzrahmenelement aus Konstruktionsvollholz (60/120 mm) dazwischen Wärmedämmung aus Mineralwolle – OSB-Platte (15 mm) – Wärmedämmung aus Mineralwolle (65 mm) – Fassadenbahn schwarz – Unterkonstruktion (20 mm) – Douglasie-Dreischichtplatte (22 mm)