Karljosef Schattner (1924-2012)

Sein Wirkungskreis war Eichstätt: Als Baumeister der Diözese und der jungen katholischen Hochschule gelang es Karljosef Schattner, aus dem verschlafenen oberbayerischen Barock-Idyll ein Zentrum des »Weiterbauens« zu machen. 1924 bei Magdeburg geboren, 1945 schwerstverwundet aus dem Krieg zurückgekehrt und zunächst zum Kaufmann ausgebildet, begann er 1949 ein Architekturstudium an der TH München. Sein Förderer und Vorbild wurde Hans Döllgast, der beim Wiederaufbau der Alten Münchner Pinakothek die Wunden des Kriegs so überzeugend sichtbar beließ. Die damals gängige Anpassung und Imitation werde das Alte nur entwerten, lernte Schattner hier.
»Auf historische Architektur mit Fantasie und Freude reagieren« wurde Schattners Motto, als er 1957 das Amt in Eichstätt übernahm, eine verstaubte Behörde, zuständig für einen Haufen maroder Baudenkmale. Schattner wirkte hier mit Sensibilität und Tatkraft: In 35 Jahren entstanden in seiner »Bauhütte« nicht nur rund 100 Kirchen und Kapellen, sondern auch gut zwei Dutzend bedeutende Hochschulbauten. Den brutalistischen Anfängen auf der grünen Wiese (Kollegiengebäude der PH, 1960-65) folgte früh die Auseinandersetzung mit dem Bestand: Im Umbau des Ulmer Hofs zur Bibliothek (1978-80) wurde erstmals die »Kunst der Fuge« sichtbar, jener selbstbewusste kontrapunktische Dialog von Alt und Neu, der bald als »typisch Schattner« galt. Anstöße mag er damals von Carlo Scarpas Verona und durch die Tessiner Schule seines Freunds Luigi Snozzi erhalten haben.
Reduzierte Formen und fein detaillierte Anschlüsse aus Stahl, Glas, Beton und Lochblech, wie im Rundfunkgebäude der journalistischen Fakultät, das er kühn zwischen die Flügel der barocken Orangerie platzierte, oder den Umbauten der Willibaldsburg und des Schlosses Hirschberg bei Beilngries, machten den »Scarpa von Eichstätt« ab Mitte der 80er Jahre auch international bekannt. Ungeachtet mancher Kritik vor Ort häuften sich Ehrungen und Preise, Gastprofessuren in Darmstadt und Zürich ließen ihn auch nach dem Abschied vom Amt nicht ruhen, beim Berliner Reichstagswettbewerb 1993 hatte er den Vorsitz. Eichstätt wurde unterdessen zum Mekka der Architekturtouristen.
Menschlich bescheiden und kein Mann großer Worte, förderte Schattner selbst etliche Talente, die seine Sicht der Dinge weitertrugen, und auch sein Nachfolger im Amt, Karl Frey, trotzte wacker der stets latenten katholischen Engstirnigkeit. Im April starb Karljosef Schattner 87-jährig in Eichstätt.
~Christoph Gunßer