Julius Shulman (1910–2009)

~Wilfried Dechau

Julius Shulman ist tot, seine Ikone lebt. Es heißt, er habe eine viertel Million Fotos hinterlassen, mir genügt ein einziges davon, um den ganzen Shulman vor Augen zu haben: Ein Anfang der 60er Jahre entstandenes Schwarzweißfoto des »Case study house No. 22« von Pierre Koenig. Stellen Sie sich vor, Sie sind in L.A., nicht irgendwo in der endlosen Weite und Unübersichtlichkeit der Stadt, nein, oben drüber, haben die Stadt als Lichtermeer zu Füßen, in der rechten Bildhälfte direkt, in der linken über Eck durch zwei Glasfassaden hindurch. Und in der Raumecke zwei sitzende Frauen, die miteinander plaudern. Fließende Räume, offener Grundriss, Transparenz.
Hätte man es deutlicher auf den Punkt bringen können? Dieses Anfang der sechziger Jahre entstandene Foto ist längst eine Ikone – Ideale und Entwurfsmaximen einer ganzen Architektengeneration sind darin präsent, es gibt (unstillbaren) Wohnwünschen und Sehnsüchten Nahrung und weckt Hoffnungen und Erwartungen jedes Architekten, auch seine Bauten mit Hilfe so märchenhaft gut inszenierter Fotos in Hochglanzbüchern und -zeitschriften wiederzufinden.
Er wurde oft als »One Shot Shulman« tituliert – womit er nicht ungern kokettierte. Tagelang sei er bisweilen um sein Motiv herumgeschlichen, um endlich – vom Stativ – das eine Foto zu machen. Bei diesem Foto trifft es bestimmt zu. Es gibt lediglich noch eine Farb-Variante des gleichen Motivs. Um aber bei gleicher »one-shot«-Arbeitsweise ein so umfangreiches Œuvre zu hinterlassen, hätte er einige hundert Jahre alt werden müssen. Eine nette Legende ist es dennoch.
Tatsächlich legendär war hingegen sein untrüglicher Instinkt, bei der Auswahl seiner Auftraggeber die Spreu vom Weizen zu trennen. Wer sich heute als Architekturfotograf mehr schlecht als recht die Brötchen verdienen muss, wird neidisch, wenn er die Namensliste sieht: Richard Neutra, Frank Gehry, Rudolf Schindler, Charles Eames, Frank Lloyd Wright, Eero Saarinen, Oscar Niemeyer, Louis Kahn, Mies van der Rohe … Fehlt noch jemand im »Who is who in modern architecture«?
Shulman hat damit, vermutlich ohne es zu wollen, das gängige Vorurteil bekräftigt, gute Architekturfotografie sei nur mit guter Architektur denkbar. Das ist natürlich blanker Unsinn, bzw. es stimmt nur in kommerzieller Hinsicht: Ein hervorragendes Foto durchschnittlicher Architektur verkauft sich leider weitaus schlechter als ein durchschnittliches Foto hervorragender Architektur.
Wenn ich Julius Shulmans Lebenswerk an einem einzigen Foto festmache, so ist das keineswegs despektierlich. Im Gegenteil. Mehr kann man in einem Fotografenleben kaum erreichen, als eine unvergängliche Ikone geschaffen zu haben. Shulmans »Case study house« gesellt sich damit zu Lewis Wickes Hines’ in luftiger Höhe über Manhattan auf einem T-Träger sitzenden Bauarbeitern, zu Edward Steichens ungewöhnlichem Porträt des Flatiron-Building (»New York City on a rainy night«), zu Robert Capas epochalem, wenngleich vermutlich gestelltem Bild eines im spanischen Bürgerkrieg fallenden Soldaten …
Am 15. Juli ist Julius Shulman im 98. Lebensjahr in seinem Haus in den Hollywood Hills, Los Angeles, gestorben.