Verwaltungstrakt des Allgemeinen Öffentlichen Krankenhauses Dornbirn (A)

In luftiger Höhe

Der neue Bürotrakt scheint auf schlanken Stelzen in Höhe der Baumkronen zu schweben. Die Konstruktion der darunter liegenden Tiefgarage konnte so nahezu unbeeinträchtigt und der Eingangsbereich des Krankenhauses frei bleiben. Zur Nachtauskühlung bezieht der scharf konturierte Riegel den Altbau mit ein, sein zentrales Atrium spielt dabei eine bedeutende Rolle. The new office wing is carried on slim columns and appears to hover with the treetops. The structure of the basement garage below could as a consequence remain almost unaltered, as also the entrance area of the hospital. For the cooling effect at night the sharply contoured new wing takes up the existing building, the central atrium playing a significant role.

Text: Achim Geissinger

Fotos: Bruno Klomfar
Die Assoziation zu einem Luftschiff liegt nahe: Der Baukörper scheint in acht Metern Höhe vor dem großformatigen Komplex des Dornbirner Krankenhauses angedockt zu haben. Er balanciert auf dünnen Stäben und ist dadurch dem Kommen und Gehen an Straße und Haupteingang enthoben. Er zeigt sich scharf abgegrenzt und wirkt doch durchlässig. Ein scheinbar rätselhafter Bau, unentschlossen, was er sein und ob er bleiben möchte. Doch alles hat hier seinen Sinn, ist wohl durchdacht, denn der Zufall ist offenbar niemand, dem die Architekten Gohm & Hiessberger auch nur das kleinste Detail überlassen.
Ruhe und Kraft Am Anfang stand die Erkenntnis, dass nach zwanzig Jahren Betrieb und veränderten Anforderungen an die räumliche Organisation des Spitals eine bauliche Umstrukturierung unumgänglich geworden war. Ein Gutachterverfahren brachte Lösungen dafür, wie das Raumangebot für Verwaltung und Ambulanz erweitert, die Intensivbereiche zusammengelegt und weitere Verbesserungen erreicht werden können. Bis Ende 2005 sollen die wichtigsten Umbauten bereits beendet sein. Den Anfang machte die Auslagerung der Ärztezimmer und der Räume für die Verwaltung in den gut siebzig Meter langen Baukörper über dem Vorplatz. Durch die Aufständerung ließen sich Sichtbezug und direkter Zugang zum Eingangsbereich erhalten, die freie Fläche unter dem Neubau bietet nun die Möglichkeit zur Neuinterpretation der Gartenanlage. Ohnehin war die unter den Vorplatz liegende Tiefgarage nicht für eine mehrgeschossige Bebauung ausgelegt. Der Neubau musste daher in extrem leichter Bauweise in Stahl ausgeführt, die Lasten unter Ausnutzung der Reserven der Tiefgaragendecke punktgenau abgeleitet werden. Die einzigen massiven Verbindungen zum Erdboden sind die beiden Erschließungskerne, von denen der westlich gelegene genau im Auge der Tiefgaragenabfahrt zu stehen kam.
Im Gegensatz zum eher technisch anmutenden Altbau aus den achtziger Jahren spricht der neue Bürotrakt mit seiner feinen Glashaut, den dahinter liegendenen, silbern beschichteten Holzpaneelen und der sorgfältig gestalteten Aluminium-Untersicht eine sehr viel ruhigere Sprache, die im Inneren an Heiterkeit gewinnt, dabei aber nicht lauter wird. Die Zimmer im unteren Geschoss dienen, zum Teil von mehreren Personen abwechselnd genutzt, als Büros oder als Ruhebereiche der Ärzteschaft. Sie sind über eine dreißig Meter lange Brücke direkt an die Personalzone im Altbau angebunden. Die Nutzer können per Rollo selbst entscheiden, ob sie das Angebot der Architekten, über raumhohe Scheiben mit dem zentralen Atrium zu kommunizieren, annehmen oder lieber vor Blicken ungestört bleiben möchten. Im oberen Geschoss erschließt eine umlaufende Galerie die Büros der Krankenhausverwaltung. Fein abgestimmte Proportionen, extrem reduzierte Details und ein Akkord aus anregenden aber nicht aufdringlichen Farben (rostroter Boden, gelbe Polyester-Rollos, Kastanienholz in den Zimmern) lassen den weiten Weg über die Brücke als jederzeit lohnend erscheinen.
Synergetisch effizient Das Energiekonzept gründet auf der potenziellen Selbstregelfähigkeit eines Gebäudes, mit der sich – über geeignete Luftführung und ausreichend Wärmespeichermasse – viel erreichen lässt. Darauf allein konnte man sich beim Dornbirner Anbau jedoch nicht verlassen, denn unter dem Zwang, dem Bau nicht mehr Gewicht aufzubürden als die Tiefgarage zu tragen vermochte, wäre der drohenden Überhitzung im Sommer mit einfachen Mitteln nicht beizukommen gewesen. Ganz selbstverständlich bekam der neue Trakt eine hochgedämmte Gebäudehülle. Sie wurde als Doppelfassade ausgeführt, mit Drei-Scheibenverglasung innen und einer weiteren Glasschicht im Abstand von etwa 85 Zentimetern davor. Der Zwischenraum dient sowohl zur Revision als auch als Klimapuffer. Die Zuluft strömt an der Unterkante des Kubus ein, kann an beiden Geschossen vorbeistreichen und an der Oberkante wieder austreten. Für die Ausführung dieser »Luxusvariante« der Fassade sprechen noch weitere Gründe: Neben dem Lärmschutz ist die Verminderung des Schmutzeintrags und der Nachtabstrahlung (vor allem im Winter von Bedeutung) zu nennen. Außerdem schützt die äußere Glasschicht den beweglichen Sonnenschutz vor Wind und Nässe. Dieser textile Screen ist mit Aluminium bedampft, speichert kaum Wärme, reflektiert den größten Teil der eingestrahlten Energie und wirkt dadurch der Überhitzung der Glasfassade entgegen. An heißen Tagen kommt die natürliche Nachtauskühlung zum Tragen. Die Warmluft steigt im Atrium nach oben und entweicht über die vertikalen Fenster der Oberlichter. Kühlere Luft strömt durch automatisch gesteuerte Fenster in den Treppenhäusern und über die Brücke vom Altbau her nach.
Für die energieeffiziente Bewirtschaftung des Gebäudes ebenso bedeutsam wie die Dämmung ist die kontrollierte Raumlüftung mit Wärmerückgewinnung. Die vortemperierte Zuluft wird in die Büros geführt, die Abluft im Oberlichtbereich des Atriums abgenommen. Nachts muss der Betrieb ohne mechanische Belüftung auskommen, die Lüftungsanlage wird abgestellt. Den nachtaktiven Mitarbeitern bleibt dafür die individuelle Lüftungsmöglichkeit über die einzelnen Bürofenster erhalten.
Für die gleichmäßige Temperierung der Räume sorgt die Fußbodenheizung, ohne die auch der Dornbirner Verwaltungstrakt nicht auskommt. Sie kann jedoch mit sehr geringen Über- bzw. Untertemperaturen gefahren werden und kommt vor allem zur Kühlung im Sommer zum Einsatz. Die Vorlauftemperatur der konventionellen Kältemaschine im Altbau muss dazu nicht unter 17 Grad sinken. Die Überdeckung der Register im Estrich konnte mit dem Einbau eines PU-Fließbelags minimal gehalten werden.
Den für das neue Verwaltungsgebäude anzusetzenden Primärenergiebedarf errechneten die Planer auf rund 180 kWh/m²a. Er liegt damit um zehn Prozent unter den schweizerischen Normrichtlinien der SIA-Zielwerte. ge
Bauherr: Stadt Dornbirn Architekt: Gohm & Hiessberger Architekten, Feldkirch Mitarbeiter: Andreas Xander, Susanne Stöckerl, Otto Brugger Tragwerk, Bauleitung: gbd – Gruppe Bau Dornbirn, Thomas Mathies, Dornbirn Haustechnik: team gmi, Bernhard Gasser, Dornbirn Nutzfläche: 1200 m2 , Verkehrsfläche: 580 m2 Bruttorauminhalt :12 780 m3 Bauzeit: Oktober 2002 bis Dezember 2004 Auszeichnung Vorarlberger Hypo-Bauherrenpreis 2005