Filialkirche »Zur Heiligsten Dreifaltigkeit« in Wien-Mauer, 1974 – 76

… in die Jahre gekommen

Die abseits der Touristenströme gelegene Kirche gilt vielen als das größte künstlerische Vermächtnis des Wiener Bildhauers Fritz Wotruba. Auf dem Weg von der Skulptur zur Architektur schichtete er unterschiedlichste Betonkuben zu einem scheinbar chaotischen Ganzen aufeinander. Der Bau lässt dennoch eine Ordnung erahnen, ohne die aus Mannigfaltigkeit keine Einheit entstanden wäre. Die »Wotruba-Kirche« kann somit als Sinnbild für Gemeinde und Glaube gelesen werden. Situated outside the usual tourist route, the church represents for many the greatest artistic legacy from the Viennese sculptor Fritz Wotruba. Progressing from sculpture to architecture, he piled widely various concrete cubes upon each other to a seemingly chaotic whole. The building, however, suggests a sense of order without which no unity would have been achieved from the diversity. The “Wotruba Church“ can thus be seen as a symbol for community and faith.

Text: Roland Pawlitschko

Fotos: Fritz Gerhard Mayr, Margherita Spiluttini
Seit nunmehr 28 Jahren formieren sich 152 gestapelte Sichtbetonkuben auf dem St. Georgenberg im abgelegenen Wiener Stadtteil Mauer zur Kirche » Zur Heiligsten Dreifaltigkeit«. Umherirrende Touristen stören die beschauliche Ruhe am Rand eines Wohngebietes aus den Nachkriegsjahren nur selten, längst nicht alle Reiseführer-Redaktionen haben registriert, dass das vom Wiener Bildhauer Fritz Wotruba (1907 – 75) geschaffene katholische Gotteshaus zu den bemerkenswertesten Bauwerken der Donaumetropole zählt. Im Unterschied aber zu anderen furios betonierten Ikonen des Kirchenbaus der sechziger Jahre, etwa Gottfried Böhms Mariendom in Neviges (1963 – 68), ist die Wotruba-Kirche keineswegs als skulpturale Architektur, sondern vielmehr als architektonische Skulptur konzipiert.
Erste maßstabslose Gips- und Holzmodelle einer zunächst in Marmorblöcken geplanten Karmelitinnen-Klosterkirche entstanden – ebenso wie die spätere Kirchenplanung selbst – gemeinsam mit dem Wiener Architekten Fritz Gerhard Mayr bereits Mitte der sechziger Jahre auf private Initiative von Margarethe Ottillinger, die als angebliche Wirtschaftsspionin sieben Jahre unschuldig in russischen Gefangenenlagern verbrachte und mit der Idee, eine Kirche zu gründen, zurückkehrte. Der gänzlich unreligiöse Wotruba war bis zu diesem Zeitpunkt – von einigen Bühnenbildern einmal abgesehen – kaum mit Architektur in Berührung gekommen, verspürte aber sofort eine »unwiderstehliche Lust«, »einmal in einem Material zu arbeiten, in dem die Begrenzung der Masse und Dimensionen nur abhängig ist von der Macht oder Ohnmacht der Vision«. Nachdem die Klosterneugründung 1969 scheiterte, ließ die Verwirklichung dieses Architektur-Konzentrates an anderer Stelle auf sich warten: Erst sieben Jahre später schließlich konnte die Gemeindekirche »Zur heiligsten Dreifaltigkeit« auf einer sanften Hügelkuppe am Rande des Wienerwaldes geweiht werden.
Überdurchschnittlich viele junge Kirchengemeindemitglieder besuchen die heutige Wotruba-Kirche, die ohne eigenes Territorium auskommen muss, da die Katholiken in Wien-Mauer anderen, länger bestehenden Kirchen zugeordnet sind; lange Anfahrtswege werden dabei in Kauf genommen. Dies mag zum Teil an der charismatischen Persönlichkeit des dort von Anfang an wirkenden Rektors oder an dem für unterschiedlichste liturgische Nutzungen offenen Grundriss liegen, Hauptgrund aber ist die widerspenstige Einzigartigkeit des Kirchengebäudes selbst, das gerade im Zeitalter beliebiger Architekturspektakel unverwechselbare und identitätsstiftende Authentizität vermittelt. Nach anfänglicher Unsicherheit hat sich dieses Bewusstsein in der Gemeinde etabliert, es ist aber noch keine zehn Jahre her, da wären die Sichtbetonkuben – nicht zuletzt auf Drängen feindseliger Nachbarn, die bereits das Anbringen von Glocken vereitelt haben – um ein Haar in pastellgelbe Farbe getaucht worden. Weiter als bis zur Anbringung einiger Musterfarbflächen ist man aus Kostengründen aber glücklicherweise nicht gekommen.
Die nach wie vor unbehandelten Betonoberflächen befinden sich in erstaunlich gutem Zustand, eine aufwändige und kostspielige Betonsanierung war bisher nicht notwendig, obwohl die glatt und scharfkantig geschalten Kuben weder über Tropfnasen, Minimalgefälle oder gar schützende Verblechungen verfügen. Verwitterungsbedingte Betonabplatzungen und Risse in den jeweils als Ganzes und vor Ort betonierten Betonkörpern sucht man ebenfalls vergebens, weil die in erster Linie druckbelasteten, zwischen 1,8 und 141 Tonnen schweren Blöcke nur sehr wenig korrosionsanfällige Bewehrung enthalten. Allein einige der feingliedrigen Edelstahlprofile, die der asymmetrischen Kubatur verwinkelt folgen und dabei die farblose Festverglasung halten, mussten nachgebessert und die Dachabdichtung vor einigen Jahren komplett ausgetauscht werden. Ein relativ unspektakuläres Schadensbild eigentlich, und doch ent-spricht es erstaunlicherweise ziemlich exakt den anfangs geäußerten Bedenken renommierter Architekturkritiker wie Friedrich Achleitner. Weniger aus konstruktiven als aus rein konzeptionellen Gründen sah Achleitner gerade in der Schließung des Kirchenraumes durch Glas, vor allem aber durch den unsensibel in den harmonisch komponierten Reigen der Betonblöcke einschneidenden Betondeckel die Zerstörung der »eigentlichen Wirkung des Bauwerkes«. Stattdessen »dürfte die Kirche keine Decke und keine Verglasung bekommen, sie müsste als große, begehbare Plastik (mit einem Kontinuum von Innen- und Außenraum) in der Landschaft stehen«. Tatsächlich waren, als Wotruba ein Jahr vor Fertigstellung der Kirche starb, die Überlegungen zur Ausführung des notwendigen Daches nicht abgeschlossen. Man entschied sich für eine einfache, glatt betonierte Flachdecke, die den Purismus der ursprünglichen Raumskulptur keineswegs zu zerstören vermochte, wohl aber die homogenisierte Einheit von Innen und Außen aufhob: Waren die Sichtbetonblöcke im Innenraum nun etwas unsanft zwischen Boden und Decke eingeklemmt, blieb die Kirche von außen als jene monumental und ungebremst in die Höhe wachsende Großplastik der ersten Stunde bestehen. Für die Nutzung der immerhin fast 350 Quadratmeter großen Unterkirche hatte dies freilich weit reichende Folgen, durfte sie sich doch auf keinen Fall dort abzeichnen. Den im Untergeschoss untergebrachten, elegant mit Holz ausgekleideten Gemeinderäumen, dem Pfarrsaal sowie der Sakristei blieben damit jegliche Fenster, ja selbst Kellerlichtschächte verwehrt. Dort also, wo sich das tägliche Gemeindeleben abspielt, muss bis heute auf Tageslicht und natürliche Belüftung verzichtet werden. Denn Fritz Wotrubas Vision einer Architektur, welche nahezu »frei, ungebunden ohne Schranken, nur einer geistigen Vorstellung folgend konstruiert wird«, brachte diese Einschränkungen mit sich. Trotzdem, vielleicht aber auch gerade deswegen entstand eine innige Bindung der Gemeindemitglieder an das ungewöhnlich kompromisslose Kirchengebäude und das dort stattfindende Gemeindeleben – womit das wichtigste Ziel eines jeden Kirchenneubaus eigentlich erreicht wäre. R. P.