In Beton gegossener Aufbruch

~Dierk Jensen

Das Panorama von den oberen Etagen des Corbusierhauses in Berlin-Charlottenburg ist etwas ganz Besonderes: auf der einen Seite die Großstadt zu Füßen, zur anderen ein grenzenloser Blick in die Mark Brandenburg. Den Schöpfer des weithin sichtbaren Baukörpers am Heilsberger Dreieck hätte dieser Ausblick zu Beginn des 21. Jahrhunderts sicherlich gefreut. »Sonne, Freiraum, Grün« sind denn auch jene Worte, die mit Symbolen ergänzt auf der Ostseite des Gebäudes gegossen sind.
Das Gebäude, das zur Interbau ´57 errichtet wurde, stand in direkter Tradition zum Marseiller Prototyp der Unité d’Habitation, der 1952 bezogen wurde. Als die Westberliner sich Mitte der fünfziger Jahre anschickten, mit einer internationalen Bauausstellung im zerbombten Hansaviertel der ganzen Welt ein aus den Trümmern auferstandenes »neues Berlin« zu zeigen, durfte der schon damals zur Ikone stilisierte Le Corbusier nicht fehlen. Allerdings wurde allen Beteiligten schnell klar, dass für eine Unité d’Habitation im Hansaviertel nicht genug Freiraum sein würde. So fuhren die zuständigen Baudirektoren mit Le Corbusier kreuz und quer durch das vom Krieg zernarbte West-Berlin, um potenzielle Standorte für das Haus »mit Wohneinheiten angemessener Größe« zu finden. Schließlich entschied sich Corbusier für den unbebauten Olympiahügel. Dieser Ort erschien ihm geradezu »ideal« für seinen Wohnkomplex mit 530 Sozialwohnungen, in der Mehrzahl kleinere Einheiten mit ein oder zwei Zimmern. Einzig die beiden oberen Etagen verfügen über einige Dreizimmerwohnungen.
Unter den Erstbewohnern des in rekordverdächtigen 18 Monaten hochgezogenen Baus befanden sich viele Kulturschaffende, die eine vage intellektuelle Affinität zu Le Corbusier hatten und sich auf »neues Wohnen«freuten. Dass dies nicht die Meinung der breiten Öffentlichkeit war, zeigen Schlagzeilen aus Berliner Zeitungen. »Umstritten«, »skandalumwittert« sei der Bau, der Architekt ein »Teufel mit dicker Brille«.
Seit 1995 stehen Gebäude und der umgebende Park unter Denkmalschutz – auf Initiative des Verwaltungsbeirats des Corbusierhauses, der die drohende Überbauung des Parks im Zuge der Olympiabewerbung befürchtete. Den Verwaltungsbeirat gibt es seit 1979, nachdem die Mietwohnungen in Eigentum umgewandelt worden waren. Diese Umwandlung veränderte die soziale Struktur im Haus nachhaltig. Nicht sozial schwächere Familien erwarben hier Eigentum, sondern eher das gut verdienende Paar ohne Kinder. Ungeachtet dessen genießen aber weiterhin etwa vierzig »Ureinwohner« ihr vertrautes Zuhause. Neben dem Verwaltungsbeirat bemüht sich der Förderverein Corbusierhaus Berlin e. V., 2004 aus einem kleinen Kreis von Bewohnern heraus gegründet, um das Erbe Le Corbusiers. Eine wachsende Anzahl an Gästen aus dem In- und Ausland wird fachkundig durch das Haus geführt, Vorträge werden veranstaltet und der Kontakt zu den französischen Unités gepflegt.
Heute wirkt die Strenge der baulichen Ausführung beeindruckend und irritierend zugleich. Wer einmal die »Straßen«, die breiten und schmucklosen Flure, entlanggegangen ist, den lässt die dramatische Schlichtheit der Gestaltung von Achsen und Fluchten nicht mehr los. Es bleibt der Eindruck, als gehe das Individuelle im Kollektiven vollkommen auf. Eine Aura, die in einer heute von Egoismus und extremer Individualität sowie privater Abgrenzung dominierten Gesellschaft sicher gewöhnungsbedürftig ist.
Dennoch lässt es sich dort, wie man von den Bewohnern erfahren kann, immer noch prächtig wohnen. Kein Putz bröckelt. Das Hochhaus ist immer noch Maß und Maßstab für kommende Architektengenerationen, die hier der Aura avantgardistischen Denkens des vergangenen Jahrhunderts auf die Spur kommen.
Fotografien: Bärbel Högner, »Typ Berlin« – Das Corbusierhaus in Charlottenburg; 96 Seiten mit 66 farbigen Abbildungen, 22 Euro, 40 sFr, Jovis Verlag, Berlin, 2008