1 Blick vom Mönchberg nach Norden die Salzach entlang. In der Bildmitte das neue Heizkraftwerk, vorerst letzter Baustein der Überarbeitung des Kraftwerkareals
2 Die sich zum Fluss präsentierende Fassade ist 120 Meter lang, der Schornstein siebzig Meter hoch
3 Von nahem erkennt man, dass die dunkle Betonwand nur Hülle ist
4 Blick auf das südöstlich sich anschließende Betriebsgebäude, das dem Bau des Heizkraftwerks vorausging
5 Die farbig beleuchtete Profilglasfassade zeugt vom sorgfältig geplanten Farbkonzept, das auch im Innern konsequent fortgeführt wird
6, 7 Den Blick ins Innere können die Salzburger bei Besucherführungen werfen. Die Qualität der Innenräume trägt ihren Teil zur wachsenden Akzeptanz des Gebäudes bei
Heizkraftwerk Mitte Neu, in Salzburg

Hülle, Fels und Inszenierung

Der tief anthrazitfarbene Betonbau wirkt wie ein reiner, funktionaler Industriebau. Doch der Eindruck täuscht. Die Hülle ist nicht nur funktional bedingt, sondern überhöht das Kraftwerk zu einem Zeichen in einem Industrieareal, das die Architekten seit mehreren Jahren in Abschnitten in hoher Qualität umgestaltet haben. The dark anthracite coloured building appears as a purely functional industrial building. The impression however is deceptive. The envelope is not only determined functionally but enhances the power station as a symbol in an industrial area which over several years has in phases been redesigned to a high standard.

Text: Roland Pawlitschko Fotos: Margherita Spiluttini

Kaum war vor drei Jahren der erste Teil des Heizkraftwerkes Mitte fertig gestellt, da fühlten sich die Salzburger schon gehörig verunsichert. Vor ihnen, auf einem seit etwa fünzig Jahren zur Strom- und Fernwärmeerzeugung genutzten Areal, knapp außerhalb der Altstadt-Schutzzone, stand der verschlossene, dunkelgraue Betonblock von Marie-Claude Bétrix, Eraldo Consolascio und Eric Maier, der sich ganz im Gegensatz zu vielen anderen Bauwerken der Mozartstadt unverblümt weigerte, niedlichere Formen anzunehmen und außerdem – nach Vollendung des zweiten Bauabschnittes – noch auf die dreifache Größe anwachsen sollte. Auch wenn sich die Schweizer Architekten seit dem Bau einer Rauchgasreinigungsanlage vor über fünfzehn Jahren kontinuierlich und mit viel Hingabe für die betriebsinterne, aber auch städtebauliche Neuordnung dieses Areals engagierten, 1995 für das Umspannwerk den Staatspreis für Gewerbe- und Industriebauten erhielten und sowohl vom Salzburger Gestaltungsbeirat als auch der Fachwelt gefeiert wurden, gelang es der Regenbogenpresse, eine beispiellose Diffamierungskampagne in Gang zu setzen, deren Erfolg nicht ausblieb: Die Salzburger Landesregierung distanzierte sich vom Beschluss einer hochkarätig besetzten Jury, die das Betriebsgebäude des HKW Mitte mit dem Landes-Architekturpreis 2002 auszeichnen wollte, und ließ die geplante Preisverleihung kurzerhand absagen.
Zugang finden Mittlerweile ist der angeblich »katastrophale Schandfleck im Zentrum Salzburgs« fertig gestellt, dennoch macht sich langsam respektvolle Akzeptanz, wenn nicht gar zaghafte Begeisterung breit. Kaum jemand wird jedoch inzwischen dem ruppigen Charme des geheimnisvollen Betonblocks erlegen sein, verantwortlich für dieses Umdenken ist vielmehr die Öffnung des HKW Mitte für Besucherführungen, bei denen manche Kritiker von gestern angesichts der atmosphärisch und liebevoll komponierten Oberflächen der Innenräume so überwältigt waren, als hätten sie an der Salzachpromenade unverhofft eine Achat-Geode entdeckt, äußerlich kaum von einem gewöhnlichen Steinbrocken zu unterscheiden, im Inneren aber voller kostbarer Farbkristalle.
Zunächst überrascht bereits die bloße Existenz der großzügigen Eingangshalle, wird das HKW Mitte doch von nur zwei Personen – ohne jeglichen Publikumsverkehr – bedient. Der kontemplativ kühle, zweigeschossige Raum direkt unter dem siebzig Meter hohen Schornstein kontrastiert lebhaft mit der beim Besucher unweigerlich geweckten Vorstellung von unerträglich heißen Rauchgasen, die irgendwo hier – nur ein paar Meter über der leuchtend gelben Decke – aus dem Abhitzekessel in den Abgasschlot geblasen werden. In einer vom Betriebsgebäude bereits bekannten Liebe zum Detail und mit unvorstellbarem Durchhaltevermögen wird in der Folge der gesamte Innenraum des HKW Mitte – dessen Raum- und Funktionszusammenhänge nicht etwa dem Diktat der Fachplaner entsprungen sind, sondern gemeinsam entwickelt wurden – in ein Farb- und Materialkonzept getaucht, das an keiner Stelle des Gebäudes an Intensität nachzulassen scheint, ganz gleich, ob Räume nun hochfrequentiert sind oder ausschließlich der Unterbringung von Maschinen dienen. Selbst weit abseits der geölten Schwarzstahlverkleidungen der Haupttreppenhäuser sind keine billigen Stahlblechtüren mit Plastikdrückern auszumachen. Respektvoll zollen Bétrix & Consolascio auf diese Weise der ebenso unerlässlichen, wie kostspieligen technischen Einrichtung ihren Tribut, anstatt überhaupt erst daran zu denken, sich der Funktionalität einer Dampfturbine widersetzen zu wollen, um etwa eine einfältige Schwerindustrie-Inszenierung zu erzeugen. Undenkbar, diese womöglich auch noch nach außen zu tragen, wo doch allein aus Schallschutzgründen auf die scheinbar arrogante Hermetik nicht verzichtet werden kann, schließlich arbeitet die 170 Tonnen schwere Gasturbine bei 500 Grad Celsius und mit 80 bar Druck, und ist trotz Einhausung noch immer rund 90 Dezibel laut. Die Inszenierung der äußeren Betonhülle gilt daher keineswegs dem verborgenen Innenraum, sondern allein der Hülle selbst.
Komplexität fühlen Der schroffe, mit Eisenoxyd in Anthrazit eingefärbte Betonblock wirkt mit seiner unregelmäßigen Oberfläche zunächst vor allem kühl, massiv und schwer. Dabei korrespondiert der Kunstfels nicht zuletzt aufgrund der plastischen Ausformung der abgestuften Salzachseite – zumindest metaphorisch – mit den natürlichen Felsformationen der Salzburger Altstadt. Eine leise Ahnung von der pulsierenden Energie und räumlichen Komplexität im Inneren vermittelt nur das Fensterband der Schaltzentrale: Unter einer geheimnisvoll schwebenden Betonwand an der lang gestreckten Fluchtweg-Terrasse zur Salzach leuchtet bei Sonnenschein die Sonnenschutzanlage in grellem Orange, am Abend das warme Licht der Innenbeleuchtung. Die tragende Außenwand des Betonblocks ist hier auf rund achtzig Metern Länge elegant aufgeschlitzt und erscheint plötzlich als vorgehängter Betonschild. Eine leise Irritation, die vom nächtlichen Außenbeleuchtungskonzept des Lichtdesigners Herward Dunkel noch unterstrichen wird, der diese Wand völlig entmaterialisiert und in transparentem Blau nicht einfach nur beleuchtet, sondern regelrecht zum Glühen bringt.
Das HKW Mitte will gefühlt werden. Nicht als Felsbrocken, sondern als komplexes Gebäude. Erst dann offenbart es sich als lebendiges, eng mit Salzburg verknüpftes Bauwerk. Und vielleicht werden ja eines Tages die wunderbaren Dachterrassen für ein breites Publikum geöffnet, um dort rauschende Feste zu feiern – den Mönchsberg auf der anderen Salzachseite und die rumpelnden Turbinen und Kessel durch die begehbaren Glasoberlichter immer im Blickfeld. Roland Pawlitschko
Bauherr: Salzburg AG Architekten: Bétrix & Consolascio Architekten AG mit Eric Maier Projektleitung: Eric Maier Mitarbeiter: Erwin Gruber, Gerardo Casciano Tragwerksplaner: H. Rosenkranz, Salzburg HLKS-Konzept: W. Waldhauser, Münchenstein HLKS-Planung: G. Karres, Salzburg Fassadenplanung: Mebatech, J. Zaba, Baden und Chr. Walch, Salzburg (Ausführungsplanung) Akustik, Schallschutz: Müller-BBM, München Bauphysik: H. Leuthe, Biel (CH) Kanalisation: G. Heinrich, Salzburg Grünplanung: Zschokke & Gloor, Kempraten (CH) Lichtplanung außen: Herward Dunkel, Bozen Anlagenbau: Verbundplan, Klagenfurt Anlagenplanung und Bauleitung: Konsortium ABB Alstom Power Siemens, Wien (GU) Örtliche Bauaufsicht: BGW A. Wintersteller, Eugendorf Nutzfläche: 10250 m² Bruttorauminhalt: 73900 m³ Kubatur (oberirdisch): 56600 m³ Kosten (o. Anlage, inkl. Umg.): 18,5 Mio Euro Kosten (inkl. Anlage und Umgebung): etwa 100 Mio Euro Fertigstellung: Herbst 2002