Wohn- und Bürogebäude in Hamburg

Home and Office

Die städtebaulichen Vorgaben für die Bebauung in der HafenCity sind weitreichend. Für die ersten acht Häuser am Sandtorkai galt es, bei ähnlicher Fläche und Kubatur die Uferkante mit individuellen Baukörpern zu besetzen. Die Architekten wählten – nicht nur aus Verbundenheit zur gegenüberliegenden historischen Speicherstadt – Ziegel als Fassadenmaterial. Den Konflikt zwischen Tradition und modernem Wohn- und Arbeitskomfort lösten sie mit einem kompakten und zugleich gläsernen Haus. Town planning requirements for development in the HafenCity (harbour district) are extensive. On the Sandtor Quay the first eight houses were to be sited along the waterfront as individual buildings of similar floor space and cubature content. In deference to the warehouse quarter opposite, the architects chose brick as the facing material. The conflict between tradition and modern comfort in living and working they solved with a building corpus at once compact and structurally open.

Kaum zu glauben, wie schnell aus Visionen Realität werden kann. Vor zwei Jahren war in der HafenCity bis auf ein fertiges Gebäude nur aufbereitetes Bauland zu sehen. Seit einem halben Jahr leben bereits die ersten Bewohner am Sandtorkai, bzw. haben Firmen ihre neuen Büros eingerichtet. Noch verliert sich die Zahl derer, die sich als Ureinwohner bezeichnen dürfen, gegenüber den Sehleuten, die (in wachsender Zahl) aus Neugier oder Interesse durch das Gelände streifen. Die meisten schreckt das Unfertige allerdings noch ab. Man muss schon Pioniergeist mitbringen, um sich auf Europas größter Baustelle (155 km²) niederzulassen. Infrastruktur jeglicher Art kommt erst zögerlich in Gang (die City ist allerdings in zehn Minuten zu Fuß zu erreichen). Dafür aber wird der Mutige reichlich belohnt – mit einer Wohn- und Arbeitsatmosphäre und Aussichten, wie es sie in dieser Stadt wohl kein zweites Mal gibt.

Das Haus mit der Adresse Am Sandtorkai 64 a+b und dem klangvollen wie doppeldeutigen Namen H2O (was für Home and Office steht) ist eines von acht Häusern, die 2001/02 als erster Bauabschnitt im Rahmen der HafenCity-Planung über mehrere Wettbewerbsstufen ausgewählt wurde. Trotz strenger städtebaulicher Auflagen hat jeder der beteiligten Architekten die kubische Form (fünf davon mit einer Grundfläche von 30 m x 30 m) anders interpretiert. An die, vielleicht auch etwas übertriebene Forderung, in Anlehnung an die gegenüberliegende historische Speicherstadt durchgängig Ziegel als Fassadenmaterial zu verwenden, haben sich allerdings nicht alle gehalten, was durchaus als positiv zu werten ist.
Ohne sich gezwungen zu fühlen, nahmen Spengler Wiescholek dennoch die Herausforderung an. Der kleinformatige Backstein bot ihnen die Möglichkeit, die Wohnungen optisch und emotional von den technisch-funktionalen Büroetagen im selben Haus abzusetzen. Wie ein »Wolkenbügel« des russischen Konstruktivisten El Lissitzky umspannt der Mauerwerkskörper den gläsernen Büroteil. Es ist nicht das Bild allein, dass diese Assoziationen hervorruft. Ein wenig erinnert auch die Konstruktion daran. Jedes Haus am Sandtorkai hat zur Wasserseite eine zehn Meter weite Auskragung, unter der die öffentliche Promenade entlang des ältesten Hamburger Hafenbeckens, dem Sandtorhafen, verläuft, der künftig zum Traditionsschiffhafen ausgebaut wird.
Spengler Wiescholek wählten ein umlaufendes Stahlfachwerk als Tragsystem, das nicht nur die Scherkräfte der Auskragung abfängt, sondern auch im Inneren weitestgehende Stützenfreiheit erlaubt. Die rechteckigen Rohrprofile zeichnen sich in der Fassade des Erdgeschosses und den gestapelten Bürogeschossen als rautenförmiges Muster ab. Das derbe, unverkleidete Tragwerk sowie der rostschutzfarbe Anstrich erinnern an Schiffsbau und Werft.
Die Kombination aus Wohnen und Arbeiten, die für fünf der acht Häuser bindend war, stellt besondere Anforderungen an die Erschließung. Zwei getrennte Treppenhäuser samt Fluchtwegen beanspruchen Raum und erfordern Geschicklichkeit in der Wegeführung, denn das Thema Rettungswege hat in der HafenCity absolute Prioriät. Dem Binnenländer werden die beiden Eingangsebenen auffallen, die ihm fragwürdig erscheinen müssen, zumal der Zugang von der Straßenebene auf den schnellen Blick als Tiefgarageneinfahrt wahrgenommen wird und eher abweisend wirkt. Auf die Fußgängerebene darüber gelangt er nur, wenn er eine der wenigen Gelegenheiten rechtzeitig wahrnimmt. Das aber ist kein Architektenfehler, sondern hat mit dem Hochwasserschutz zu tun, der hier erst bei 7,5 m über NN gegeben ist. Da das aus frühen Jahren stammende Straßenniveau des Sandtorkais belassen wurde, mussten die neuen Häuser auf künstliche Warften (oder Polder) gesetzt werden, die in ihrem Inneren als Tiefgaragen genutzt werden. Den südlich folgenden Bebauungen wie dem Dallmannkai bleiben diese Niveausprünge erspart, da das Gelände von vorne herein auf die erforder- liche Höhe gelegt wird. Deshalb gibt es am Sandtorkai auch die zweite Ebene, die im Notfall von Krankenwagen und Feuerwehr befahren werden muss. Die Breite der als Sichtachsen wichtigen Abstände zwischen den Häusern richtete sich deshalb unter anderm auch nach den Wenderadien gängiger Rettungsfahrzeuge.
Hier zu leben hat also wenig mit dem beschaulichen Leben in einem Einfamlienhaus am Stadtrand zu tun, obwohl die Maisonette-Wohnungen hinter der klassischen Loch-Ziegel-Fassade durchaus Hauscharakter haben. Die Wohnungen sind so gegliedert, dass kleine Einheiten horizontal oder vertikal gekoppelt werden können. Statt in den Garten schaut man aufs Wasser, auf Schiffe und eine Stadt, die nie schlafen geht. Auf laue Sommernächte auf der eigenen Terrasse muss man auch nicht verzichten. Jeder Wohnung, auch wenn sie »nur« über 60 m² verfügt, ist eine kleine Freifläche, teils in Form eines Wintergartens, zugeordnet. Der Wind bläst hier schon etwas kräftiger als in Duvenstedt, Wellingsbüttel oder Volksdorf.
Den Wohnungsschlüssel konnte jeder Investor selber bestimmen. Der Mix aus großen und kleinen Appartments hat sich bewährt. H2O ist fast »ausverkauft«. Dazu beigetragen hat sicher auch der gängige Wandaufbau mit überwiegend geschlossener Brüstung und vielleicht auch der Ziegel, der ganz leise eine emotionale Verbindung zum Einfamilienhaus zulässt. Die gläsernen Nachbarn haben da schon größere Schwierigkeiten, den Bewohnern ein Geborgenheitsgefühl zu vermitteln. kr
Bauherr: Wernst 3, Buxtehude Architekten: Spengler Wiescholek, Hamburg Ingrid Spengler, Manfred Wiescholek Projektteam: Michal Zierau, Carsten Kruizenga, Gilbert Moedebeck, Daniel Wickersheim, Lars Ziemann, Jens Tepel Tragwerksplanung: Windels Timm Morgen, Hamburg Haustechnik: Behnke, Hamburg Freiraumgestaltung Polder: Bendfeldt Schröder Franke, Kiel Bauzeit: 2003 – 2005 BGF (Vollgeschosse): 5332 m² BGF (Polder): 1983 m² BRI (Vollgeschosse): 17734 m³ BRI (Polder): 6671 m³