Zürich: Mühle wurde zum Stadtteilzentrum

Fugen zwischen Neualt und Altneu

Seit Mitte der neunziger Jahre ist Zürich dabei, seine aufgelassenen Industrieareale zu neuen Stadtteilen umzubauen, in denen gewohnt, gearbeitet und konsumiert wird. Die Umnutzung der Mühle Tiefenbrunnen nahm das in viel kleinerem Maßstab um ein Jahrzehnt vorweg. Das erklärte Ziel des Architekten war es, die bestehende Bausubstanz aufzuwerten und ihr eine elegante neue Architektur entgegenzusetzen; ein besucherfreundliches Ensemble, das zum Verweilen einlädt, sollte entstehen. Since the mid-1990s Zürich is converting its relinquished industrial areas into new town quarters for living and working in and for going out. The conversion of the Mühle Tiefenbrunnen exercised this on a much smaller scale a decade earlier. The declared aim of the architect was to enhance the existing building substance and confront it with elegant new architecture; an en- semble was to be realized inviting visitors to come and to stay.

Text: Axel Simon

Fotos: Georg Stärk, Markus Frietsch
Wie ungewöhnlich die Konvertierung von Industriegebäuden in den achtziger Jahren in der Schweiz noch war, zeigen die Schlagzeilen von damals: »Ein unzürcherisches Experiment«, titelte der Tages-Anzeiger zur Eröffnung, »Ein Stück Soho im äußeren Seefeld«, die NZZ noch 12 Jahre später, gefolgt von der Frage: »Ein wegweisendes Beispiel für die Neunutzung von Industriebrachen?«
Um wegweisend zu sein, war das Beispiel Mühle Tiefenbrunnen zu speziell – zu »unzürcherisch« eben, gründete es doch auf der idealistischen Initiative der Besitzerfamilie: Fritz Wehrli, noch heute geschäftsführender Gesellschafter mit seinen beiden Schwestern. Als ihre Mühle nach fast hundert Jahren den Betrieb einstellte, beschlossen sie, das Grundstück nicht zu verkaufen. Stattdessen ließen sie die Vergangenheit des Ortes in etwas Neuem weiterleben – das freilich trotzdem noch Geld einbringen musste. Geboren war die Idee eines Zentrums, in dem Wohnen, Arbeiten und Kommerz eine ungezwungene Verbindung eingehen und mit regelmäßigen Erträgen der Kultur eine Existenz sichern sollte. Anfang der achtziger Jahre war das Klima für solche Experimente günstig. Der Standort der Mühle war es auch, liegt das Areal doch gut erschlossen fast unmittelbar am Zürichsee, am äußeren Ende des schicken Wohnquartiers Seefeld, dort, wo die reichen Seegemeinden der »Goldküste« ihren Anfang nehmen.
Zögerliche Denkmalpfleger 1890 wurden die um einen Hof gescharten Backsteingebäude in repräsentativem Historismus als Brauerei errichtet. 1913 wurde das Ensemble erweitert und zur Mühle umgebaut, in der bis zur Stilllegung 1983 nahezu unverändert Mehl und Gries produziert wurden. Die Unterschutzstellung erfolgte auf Initiative der Besitzer. Beim anschließenden Umbau, geplant vom kürzlich verstorbenen Züricher Architekten Pierre Zoelly, sollte so viel alte Substanz wie möglich erhalten bleiben, auch solche Bauteile, die damals nicht der Gnade der Denkmalpfleger würdig waren, wie zum Beispiel die in den dreißiger Jahren hinzugekommene, verputzte Passarelle über dem Hof. Trotzdem machen die neuen Gebäude rund die Hälfte der Gesamtanlage aus: Shedbauten, die die ehemaligen Stallungen weiterführen, genutzt von einem Fitness-Studio, die am Hang darüber liegenden zwei Wohnzeilen, und das eingeschossige Restaurant zwischen dem ehemaligen Kühlhaus und dem das Areal in Richtung Stadt abschließenden Verwaltungsgebäude.
Der größte Neubau ist jedoch gar keiner, das fünfgeschossige, zum Hof hin auskragende Bürogebäude birgt in seinem Inneren die Grundstruktur zweier Lagerbauten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Beim ehemaligen Kühlhaus gegenüber findet sich weniger authentische Bausubstanz. Das in den Hang gebaute Gebäude war mittels Kompressoranlagen im unteren Teil fast hundert Jahre lang tiefgefroren. Als das Haus auftaute, fiel es teilweise in sich zusammen. Tiefe Betonlaibungen zeugen vom grundlegenden Umbau, der im oberen Teil Loftwohnungen beherbergt, darunter eine Ballettschule und im Erdgeschoss eine Bar, einen Friseur, einen Laden und »Miller’s Studio« – ein Kleintheater in der fensterlosen Tiefe des Hanges, heute eine der ersten Adressen deutschsprachigen Kabaretts. Im Haupthaus betreiben die Besitzer das »Mühlerama«, ein Museum mit Schaumahlen und wechselnden Ausstellungen.
Die Sprache der Achtziger Die neu hinzugekommenen Teile reflektieren den damaligen State of the Art: breite schokoladenbraune Fensterprofile, leicht spiegelnde Gläser, gläserne Pultdächer und Giebel sowie Erker und Auskragungen, deren obere 45-Grad-Abschlüsse den Volumen die Härte nehmen sollen. Für Planung und Ausführung des Umbaus standen Zoelly nur drei Jahre zur Verfügung, was ihn zur Improvisation zwang. Der Architekt schrieb damals über sein Vorgehen: »Ad-hoc-Verhalten bei Funktionsänderungen von Altbauten verlangt eine gewisse Frechheit im Detaillieren von Neubauteilen, damit Eingriffe nicht im Kontext untergehen und das Alte allein weitervibrieren kann.«
Was früher frech wirkte, lässt einen 20 Jahre später relativ kalt. Schattenfugen haben ihre Sprengkraft verloren. Spannend ist es jedoch dort, wo alt und neu ungebrochen aufeinander prallen und Spengler ihre Virtuosität zeigen mussten: Anschlüsse von Oberlichtern an die mächtig geschwungene Hangstützwand im Restaurant oder an die Werkpassarelle im Hof. Gerade hier scheint die Zeit weitergegangen, obwohl der Umgang mit dem Vorhandenen kein anderer ist als vor 100 Jahren. Ebenso bei der Rekonstruktion einer Giebelwand des Hauptgebäudes mit all ihren Gesimsen, Zahnprofilen und Fensterbögen. Hier baute man in den fünfziger Jahren das Lagerhaus an, dessen mit Stahl und Glas umhüllter Großteil jetzt Büros beherbergt. Die neue Lücke zwischen den Häusern dient als Nebenzugang zum Hof, die rekonstruierte Giebelwand als Abschluss des historischen Baus – mit Dehnungsfugen zu den angrenzenden Fassaden und sauberer Schattenfuge zur neuen Passaralle aus Stahl und Glas.
Die formale Annäherung vieler Bauteile an die frühere – industrielle – Nutzung, erscheint heute oftmals schal: »Industrielle« Treppen, Kaminrohre, das Relikt eines Kompressors in der Mitte des Restaurants – all das hat heute durch Erlebnisgastronomie und Hightech-Architektur längst seine Unschuld verloren, damals empfahl die Schuldenkmalpflege ein solches ästhetisches Ankuscheln.
Über der Mühle Tiefenbrunnen hängt noch immer der Groove der achtziger Jahre. Das liegt zum einen an der Tatsache, dass die Mieter hier erstaunlich wenig gewechselt haben: der edle Möbelladen, die bekannte Modeschöpferin, eine Modellagentur und »Zürichs erstes Trendlokal«, die Blaue Ente. Noch immer findet sich viel Stammpublikum im Hof – »die Familie«, wie Wehrli sagt –, schlürfen Schöne und Reiche hier ihren Prosecco, ab und zu unterbrochen von Schulklassen, die lernen, wie Mehl gemahlen wird. Schaut man sich die Turnschuhe der Schüler an, ist die Ästhetik dieses Ortes schon wieder »up-to-date«. A. S.