Freuden des Sommers

~Tomas Klassnik

Durch das üppige Grün von Kensington Gardens leuchtet ein blutroter Tropfen – der Serpentine Gallery Pavilion des französischen Architekten Jean Nouvel. London sind rote Tupfer nicht fremd, und genau wie die Busse, Briefkästen oder Grenadier Guards soll diese Konstruktion Aufmerksamkeit hervorrufen und neugierige Besucher quer durch den königlichen Garten zu diesem Farbfleck locken.
Das Licht sickert durch die Bahnen von aufrollbarer Leinwand, die das Dach bilden, und scheint durch die transluzenten Wände aus Polycarbonatplatten. Es ist offensichtlich, dass die eigentliche Konstruktion des Pavillons nicht diese physischen Elemente sind oder der massige Stahlrahmen, der sie trägt; die Substanz des Pavillons ist das Licht. Getränkt von einem tiefen Rot, schweben diese 630-700 nm-Wellen sichtbarer Farbe zwischen den schrägen Flächen, ein zähflüssiges Licht, das wirkt, als könnte es zugeschnitten und geformt werden, und das zum Eintauchen einlädt. Ist man drinnen, wird die Aufmerksamkeit vom Pavillon weg, zurück zur Umgebung gelenkt. Sei es zu den Bäumen des Parks, die durch den roten Filter der Wand einfarbig werden, oder auf das Gras, das in grellem Grün dahinflutet. Der Pavillon wirkt wie eine Maschine der Sinne, er verstärkt unser Erleben der Umgebung und treibt die Farben der Landschaft auf die Spitze, indem wir ihrer Komplementärfarbe Rot ausgesetzt werden. Diese Technik des chromatischen Kontrasts wurde besonders aufsehenerregend von Bernard Tschumi im Parc de la Villette erprobt, doch Nouvels Architektur hier ist ein unmittelbarerer Versuch, unsere Empfindungen zu choreografieren.
Aktivität ist für Nouvels Vision ebenso wichtig, wenn sie sich auch an die ernsthaften Vorträge und Gespräche anpassen lässt, die die Serpentine Gallery veranstaltet. Tischtennis, Schach, Hängematten und Beeteinfassungen (selbstverständlich alle rot) verleihen dem Pavillon eine unkomplizierte Offenheit und Zugänglichkeit. Der diesjährige Serpentine Pavilion ist im Vergleich zu manchen der vorhergehenden (s. S. 14) erfrischend einfach. Man könnte seine fehlende Raffinesse und Komplexität kritisieren, doch ist diese Schlichtheit auch seine Stärke. Der Schwerpunkt auf spielerischer Aktivität und visuellen Experimenten ist ein Kompliment an die Freuden des Sommers.