Architekturfoto-Ausstellung im Architekturmuseum München, 2011.

Fotografie für Architekten (München)

~Klaus F. Linscheid

Mehr als 200 000 Aufnahmen von 800 Fotografen aus dem Zeitraum 1850 bis heute umfasst die Sammlung des Architekturmuseums der TU München. Knapp 300 Originalabzüge sind nun in der aktuellen Ausstellung zu sehen. »Unsere Sammlung gehört zum Feinsten, was es in der Architekturfotografie gibt«, sagt Winfried Nerdinger, Direktor des Architekturmuseums, nicht ohne Stolz. Seit 1975 wurden die Bestände sukzessive inventarisiert. Die Kuratorinnen Hanna Böhm und Irene Meissner haben eine Auswahl getroffen, die die Entwicklungsgeschichte der Architekturfotografie anschaulich macht. In vier Phasen stellen sie die Bedeutung der Fotografie für Architekten und Studierende dar.
Sie beginnen 1850, als Fotografen noch mit schweren Plattenkameras, Glasplatten und vielen Assistenten unterwegs waren. Die mit einer Lösung aus Nitrozellulose (Kollodium) beschichteten Glasplatten waren bis zu 60 x 80 cm groß, wurden nass belichtet und mussten sofort vor Ort in »Dunkelkammerzelten« entwickelt werden. Die Motive dienten Architekten als Motiv- und Formenschatz. Großformatige Aufnahmen von berühmten Fotografen wie Édouard Baldus, Bisson frères u. a. weisen eine fantastische Schärfe auf. Die Ab- züge wurden nämlich (als Kontaktabzüge) im sogenannten direkten Auskopierverfahren auf Albuminpapier erstellt.
Ab 1868 erwarb die »Modellsammlung für Hochbau« der damaligen Polytechnischen Schule München (später TU) Fotografien mit Bauwerken nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem benachbarten europäischen Ausland sowie aus Ägypten und dem Nahen Osten. Sie dienten als Anschauungs- und Lehrmaterial. Waren bedeutende Bau- werke bis dahin nur über Stiche und Zeichnungen bekannt, nutzte man mit der Erfindung der Fotografie die Möglichkeit, die Weltarchitektur mittels realer Abbilder zu illustrieren.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die unterschiedlichen Bestände und Lehrmaterialien der TU München in einer »Architektursammlung« vereinigt und von Friedrich von Thiersch anschaulich präsentiert. Ziel war es, die Bestände so zu erschließen, dass sie für Studenten und Dozenten gut nutzbar waren. Zur selben Zeit nutzten Architekten Fotografien bereits in ihren Ateliers als Hilfsmittel beim Entwerfen. Sie zeichneten in die Fotos hinein und versuchten sich mit den ersten Collagen.
Schon damals wurden Fotos auch zur Baustellendokumentation und für bildliche Aufmaße verwendet. Bernd und Hilla Becher haben mit ihren streng orthogonalen Abbildungen von stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet, aber auch von Fachwerkhäusern und Wassertürmen Maßstäbe gesetzt. Trotz der enormen Mühe bei der Erstellung der ersten Fotografien sind die Namen der Urheber häufig nicht bekannt. Das änderte sich erst, als Architekten erkannten, wie wichtig die Fotografie für das Verständnis ihrer Gebäude ist. Die moderne Architektur verdankt ihren Bekanntheitsgrad nicht zuletzt einer zunehmenden medialen Inszenierung. Julius Shulman ist ein Beispiel für die gegenseitige Befruchtung von Architekten und Fotografen. Bauten von Richard Neutra oder Pierre Koenig sind erst durch seine inszenierten Aufnahmen bekannt geworden. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Mehr noch: Fotos, Filme und Animationen stellen im Zeitalter einer zunehmend visuellen Informationstechnologie einen unverzichtbaren Teil der Architekturvermittlung dar. Dass Architektur am besten mit Fotos erklärt werden kann, hatte auch Günter Behnisch erkannt. Sein Credo: »Ein guter Architekt muss dafür sorgen, dass er einen guten Fotografen hat, sonst wissen die Leute nicht, was er tut.«
Das Architekturmuseum München hat dies schon lange erkannt. Die Sammlung wird stetig durch Ankäufe von Nachlässen erweitert, so dass sie ein bedeutender Spiegel für die Entwicklung der Architekturfotografie ist.
Bis 19. Juni. Fotografie für Architekten. Die Fotosammlung des Architekturmuseums der TU München, Architekturmuseum der TU München, Barerstraße 40, 80333 München. www.architekturmuseum.de