Veränderungen in der sepulkralen Baukultur

Formen in Bewegung

So wie sich seit einiger Zeit die Bestattungsformen und die gesamte Bestattungskultur verändern, so lassen sich — wenn auch zunächst noch verhalten und eher vereinzelt — Veränderungen in der dazugehörigen Baukultur ausmachen. Ob im ländlichen oder großstädtischen Kontext, der Mensch mit seinen Bedürfnissen in der schweren Zeit des Trauerns und der Abschiednahme sowie Kommunikation und Gemeinschaft stehen dabei im Mittelpunkt der Gestaltung.

Text: Ulrike Kunkel

So streng hat man es selten. Auf dem Gottesacker der protestantisch-pietistischen Brüdergemeinde im sächsischen Herrnhut ist der Raum für Tote wohl rigide wie nirgends sonst strukturiert: Stets horizontal, in strikt geometrischer Ordnung, nach Geschlechtern getrennt und in Quartiere zusammengefasst liegen die Grabplatten seit der ersten Bestattung im Jahre 1730 da. Fest gemauert in der Erden!
Wie sehr haben sich solch strenge Friedhofsformen weiterentwickelt. Zu Totenhainen, die an die Traditionslinien von Landschaftsgärten und Parkanlagen anknüpfen. Oder gleich zu »Ruheforsten« und »Friedwäldern«, wo die Toten in natürlicher Umgebung begraben werden. Ob sich die Traditionen gänzlich auflösen? Der Trend zur anonymen Bestattung sei ungebrochen, stand bereits vor längerer Zeit in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Doch seien bislang alle Wandlungen – wie Reiner Sörries schreibt – stets »Aufbrüche zu neuen, der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, religiösen und politischen Lage angepassten Strukturen« gewesen. In seiner »Ruhe sanft« betitelten Kulturgeschichte des Friedhofs geht der Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur auch auf neuartige und alternative Bestattungsformen ein. Sie führen besonders deutlich vor Augen, wie sich die gesamte Bestattungskultur verändert.
Doch Veränderungen lassen sich auch in der sepulkralen Baukultur beobachten. Nicht immer werden neue Wege dabei so entschieden und behutsam zugleich beschritten wie im Falle des im September 2011 fertiggestellten Aufbahrungsraums (s. Abb. links) von Schneider & Lengauer Architekten im österreichischen Dörfchen Hopfgarten in Osttirol. Das neue Gebäude für die Aufbahrung ist in die bestehende Friedhofsanlage mit spätbarocker Pfarrkirche eingebettet. Und wird ebenso wie die gesamte Anlage von Natursteinmauerwerk gefasst. Durch ein schweres, zweiflügeliges Tor tritt man ins Innere des Aufbahrungsraums. Die mit Lärchenholz getäfelten, den Raum bestimmenden Wände und die einfachen Sitzbänke entlang der Längsseiten verweisen auf die Tradition der bäuerlichen »guten Stube« als Ort des Zusammensitzens und der Kommunikation. Durch die umlaufende Verglasung im oberen Bereich fällt reichlich Tageslicht ein. Der Blick zu den Bergen, den Wäldern und in den Himmel spendet den Hinterbliebenen Trost. Durch eine schmale, zusätzliche Fensteröffnung nach Osten, scheint die Morgensonne hinein. Abends und in den dunklen Wintermonaten sorgt eine in die Holzbekleidung integrierte Innenraumbeleuchtung für angemessene Helligkeit. Man fühlt sich an die Totenstube ganz aus Holz von Gion A. Caminada in Vrin, im Schweizer Kanton Graubünden erinnert. Hier wie dort berührt das lebendige Material die Sinne ebenso wie die Möglichkeit, mit einer Tasse Kaffee in der Hand zu trauern. Eine heimelige Stube bietet Platz und Raum für den gemeinsamen Prozess des Abschiednehmens und schafft Nähe zu den Verstorbenen. Man nimmt nicht nur im Gebet vom Verstorbenen Abschied, sondern pflegt Gemeinschaft. Der Ort ermöglicht den öffentlichen und persönlichen Abschied zugleich.
Das trifft sich mit einem weiteren Beispiel. In den Großstädten sind vielen die Riten und Räume des Abschieds längst zu starr, steif und unpersönlich geworden. In Hamburg-Altona, in unmittelbarer Elbnähe, hat die Architektin Jessica Borchardt in die Fassadenfront einer ehemaligen Bank hohe Fenster brechen lassen, um die früher abgeschotteten Räume nach außen zu öffnen und Einblick zu gewähren – in das »Lotsenhaus«, ein »Haus für Trauer, Abschied und Gedenken«. Helle, mit dezent gesetzten Lichteffekten akzentuierte Räume liegen hinter den Scheiben, auf roten Teppichkreisen stehen fahrbare Leseinseln, die zur Einkehr einladen. Das Raumangebot von insgesamt 850 m² kann flexibel für Trauerfeiern, aber auch für Konzerte und Seminare zum Thema genutzt werden. Dass die Einrichtung den Begriff des »Lotsen« im Namen trägt, soll v. a. das Angebot von Führung und Begleitung durch die Fährnisse des Abschiednehmens zum Ausdruck bringen. Hinter einem weißen Klavier steht ein kleines weißes Boot in einem der hinterleuchteten Regale. Dieses Zeichen und all die anderen Elemente zeigen freilich: Auch im Hinblick auf die Interieurgestaltung ist etwas in Bewegung geraten. •