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Fenster zum See

Hotelanbau in Ramsen / Pfälzerwald
Fenster zum See

Dem von Wanderern häufig besuchten Wirtshaus mit dem klangvollen Namen »Forelle« fehlten Übernachtungsmöglichkeiten. Statt eines – wie zunächst vorgesehen – separaten Hotelbaus, schlugen die beauftragten Architekten ein »Weiterbauen« vor. Ergänzungen aus früheren Jahren bezogen sie geschickt unter ein gemeinsames Giebeldach mit ein. Das Ensemble schließt mit dem turmartigen Bettentrakt ab. Oft frequented by ramblers, the country inn with the fine-sounding name of “The Trout” had insufficient overnight accommodation. Insteadt of – as first envisaged – a separate hotel building the architects sugessted a ”prolongation”. Additions from earlier years were skilfully incorporated beneath a common gable roof. The ensemble is terminated by a tower-like accommodation wing.

Text: Wilfried Dechau Fotos: Zooey Braun

Aus der Vogelperspektive wäre sofort ersichtlich, wie das 1952 als Ausflugslokal gebaute Haus zu seinem Namen kam. Aber ich nähere mich (leider) nicht als Möwe Jonathan – auch wenn ich manchmal davon träume. Ich komme ganz erdverbunden vom Dorf Ramsen mit dem Auto angefahren und sehe zunächst nur Wald und Wiesen, aber kein Wasser. Etwas näher dran entdecke ich Forellenteiche, genauer, eine von Teich-Flicken gesprenkelte Wiese. Aber vom See keine Spur. Man muss noch näher heran und um das Haus herumfahren. Dann versteht man auch, welche Bewandtnis es mit dem quer zur Talöffnung führenden Damm hat.
Dahinter staut sich, aus vielen Quellen gespeist, ein respektabler Waldsee. Ihn zu umrunden hilft, die Köstlichkeiten des Restaurants zu verdauen – ist aber noch keine schweißtreibende Angelegenheit. Soviel zur gefühlten, nicht gemessenen Größenordnung. Weitet man diesen Gang etwas aus und erklimmt – auf der anderen Seite der Straße – den Bahndamm, kann man das Ganze tatsächlich aus der Vogelperspektive betrachten. Eine Bahn fährt hier nicht mehr, die Strecke ist stillgelegt. Und doch ist die Vogelperspektive nicht so ganz legal zu erhaschen; man muss dafür eine nicht mehr ganz lückenlose Absperrung übertreten.
Der Damm hat schon beim bestehenden Restaurant für eine nicht unproblematische lineare Struktur gesorgt. Die Problematik wird durch den Anbau noch umso deutlicher spürbar. Wo soll man um Gottes Willen mit der Küche hin, wenn der ganze Riegel – von der Ausflüglerterrasse im vorderen Bereich bis hin zum äußersten Winkel des in Stufen feiner werdenden Restaurants – beliefert werden muss? Das lässt sich beim besten Willen nicht »kreuzungsfrei« bewerkstelligen – zumal mit dem wiederum in derselben Richtung (wohin auch sonst?) ergänzten Hotel und der dafür erforderlichen Rezeption weitere Kreuzungen und damit Störungen hinzukommen, denn das Hotel muss ebenfalls über denselben, bisher dem Restaurant vorbehaltenen Zugang erschlossen werden. Keine leichte Aufgabe für die Architekten. Die Verknüpfung vom Altbau zum Hotelanbau wird über die Rezeption als Kreuzungspunkt und vor allem über die gelb, gelbgrün klar vom Altbau abgesetzte, auf Neues hinweisende Außentreppe vorbereitet und verbunden. Das ist in zweierlei Hinsicht ein gelungener Coup: Zum einen wird die Nahtstelle zwischen Alt und Neu unmissverständlich benannt. Zum anderen wird der See auf diese Weise als Überraschungsmoment wirkungsvoll in Szene gesetzt. Erst, wenn man die Tür zu seinem Zimmer geöffnet hat, wird man unmittelbar mit dem Seeufer konfrontiert. Dann muss man nur noch die Tür zur Terrasse öffnen, heraustreten, ein paar Schritte weiter auf den Bootssteg, ins Boot steigen und losrudern. Zauberhaft. Eigentlich fehlt nur der Frosch, der zum Prinzen geküsst werden möchte …
Sicher, es gehen nicht alle Zimmer zum See, und es haben auch nicht alle zum See führenden Zimmer eine Terrasse und einen Bootssteg – aber der Blick ist in jedem Fall bezaubernd, auch, wenn er auf die Forellenteiche und den aufregend dramatischen, wenngleich mittlerweile nutzlosen Bahnviadukt führt. Und den Blick hat man, was ich ganz besonders schätze, auch vom Waschbecken, aus der Badewanne und in manchen Zimmern auch vom (hölzernen) Zuber aus. Welch ein Luxus, im Bad nicht in die künstlich belüftete Dunkelzone verbannt zu werden. W. D.
Bauherr: Landgasthof Forelle Architekten (einschließlich Innenarchitektur): Richter Naumann, Stuttgart; Stefanie Richter, Martin Naumann Mitarbeiter: Albert Eisen Haustechnik: Ingenieurbüro Völlinger, Speyerdorf-Lachen Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Thomas Feß, Kaiserslautern Fertigstellung: 2004
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