23 Wohneinheiten in Trignac (F)

Entdecke die Möglichkeiten

Der enge Kostenrahmen im Sozialen Wohnungsbau bringt in aller Regel kleine Wohneinheiten mit engen Grundrissen hervor. Rein rechnerisch bedeutet deshalb eine verbilligte Bauweise ein Mehr an Raum, mit Möglichkeiten zum Abstandhalten und zur Vereinzelung. Mit einem simplen Stahlbetonskelett und Gewächshauselementen traten die Architekten den Beweis an, dass sich Raumkomfort auch mit kostengünstigen Mitteln herstellen lässt und dass sich vom Menschen her gedachte Architektur spürbar positiv auswirken kann.

~Aus dem Französischen von Achim Geissinger

  • Architekten: Lacaton & Vassal Architectes Tragwerksplanung: PLBI, structure béton
  • Kritik: Karine Dana Fotos: Philippe Ruault
Mit dem Modell »Loft« als Sinnbild für eine postindustrielle Revolution im Wohnungswesen im Hinterkopf, lässt das Sozialwohnungsbau-Projekt in Trignac den vorherrschenden, angesichts der starken Reglementierung immer ärmlicher daherkommenden Wohnungsbau ziemlich alt aussehen.
Die Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal brachten Wohnflächen mit offenen Grundrissen auf den Markt, die viel größer, energetisch weniger kostspielig und auch für den Mieter erschwinglich sind, durchaus aber in der Herstellung mit Standardbauten preislich mithalten können.
Schützenhilfe bot der öffentliche Bauträger Silène, der 2004 während eines Wettbewerbs auf die alternative Vorgehensweise des Büros aufmerksam geworden war. Den Wettbewerb haben sie zwar nicht gewonnen, die Zusammenarbeit begann aber schon wenige Jahre später mit drei Bauvorhaben in Saint-Nazaire. Eines davon sind die 23 Sozialwohnungen in Trignac im Stadterneuerungsgebiet von Granchamps, wo Schrotthaufen, das für Haupteinfallstraßen typische Gewerbe, kleinere Wohnbauten und Einfamilienhäuser aufeinandertreffen. Der unselige Kontext dieses in der Entwicklung begriffenen Gebiets veranlasste die Architekten dazu, ein Maximum an Individualisierungsmöglichkeiten anzubieten. Sie überarbeiteten ihr Konzept für die Cité Manifeste in Mulhouse (s. db 8/2005, S. 24) und übernahmen zwar den Maisonette-Typ mit den separaten Wohnungseingängen direkt von außen und den bekrönenden Gewächshäusern, fügten aber Balkone hinzu und griffen auf dauerhaftere Materialien zurück.
Die beiden, durch ein städtisches Technikgebäude voneinander getrennten Häuser verteilen sich auf zwei Grundstücke, deren vier bzw. zwei Parzellen ursprünglich zur Bebauung mit Einfamilienhäusern vorgesehen waren. Die für Fußgänger und Bewohner gleichermaßen unangenehme Umgebung verstärkt die spröde und verwirrende Erscheinung der beiden Gebäude. Ist ihre Physis – zart und durchlässig, aber auch roh, unverblümt, direkt – doch sehr weit entfernt von gängigen Vorstellungswelten und darf als Chiffre für eine neue Art von Wirtschaftlichkeit im Geschosswohnungsbau gelten: 70 m² für eine Zwei-, 100 für eine Drei-, 140 für eine Vier- und 170 m² für eine Fünf-Zimmer-Wohnung; die Mieten bewegen sich zwischen 300 und 550 Euro pro Monat.
Die Voraussetzung für diese Großzügigkeit ist das simple, bei beiden Häusern gleiche Konstruktionsprinzip: Das Traggerüst aus Stahlbetonstützen und -trägern in 3 und 6 m Höhe über dem Boden folgt dem Rastermaß der obenauf sitzenden Gewächshauselemente. Die von Aluminiumpaneelen und raumhohen Schiebefenstern eingefasste Primärstruktur bleibt unabhängig von der Nutzung und lässt eine völlig freie Raumeinteilung zu. ›
› Die Gewächshauskonstruktion aus verzinktem Stahl nimmt neben geschützten und geheizten Wohnräumen hinter Aluminiumpaneelen auch die von Polycarbonatwänden abgeschlossenen, mit transparenten Schiebewänden und automatischen Lüftungsflügeln im Dach ausgestatteten Wintergärten auf. Diese zur individuellen Aneignung freigegebenen Räume haben als Pufferzonen den Nutzen, über natürliche Lüftung die sommerliche Hitze über das Dach abzuführen und im Winter Wärme zu generieren und zu halten. Es genügt, Türen und Fenster der isolierten Bereiche zu öffnen, um warme Luft hereinzulassen und die Heizung abdrehen zu können. Um sich den konstruktiven Aufwand zu sparen – und angesichts des milden Klimas in Trignac – nahm man die Wärmebrücken der thermisch nicht entkoppelten Balkonplatten in Kauf, zumal sich die solaren Gewinne gegenrechnen lassen.
Der subjektive Anteil des Bewohners
Aus der Enge der beiden Grundstücke sind zwei Wohnungstypen abgeleitet: Das niedrigere Gebäude charakterisiert eine Serie von 13 unterschiedlichen, zumeist sehr tiefen, durchgesteckten Wohnungen (drei Gewächshauslängen, zusammen 19,80 m). Ihnen angegliedert sind jeweils eine Garage und in Verlängerung des Wohnzimmers im EG ein Stück Garten, auf das eine Glasschiebetür mit bodengleicher Schwelle hinausführt. Den Typen mit schmalerem Grundriss im EG und entsprechend kleinerem Gartenanteil ist als Ausgleich im OG ein größerer Wintergarten zugeordnet. Der Dreigeschosser nebenan umfasst zehn Wohnungen, die großteils vertikal über die tief ins Gebäude hineinführenden Waschküchen im EG erschlossen sind und deren Wohnräume, Terrassen und Wintergärten in den oberen Geschossen liegen.
Das Konzept setzt darauf, dass die Großzügigkeit räumliche und nutzerische Freiheit fördert. Es ist nicht nur wirtschaftlich gedacht, indem es sparsam mit Konstruktion und Material umgeht, indem es viel Fläche zu ›
› geringen Kosten bereitstellt, indem es mit einer leichten, industriellen Bedachung verschiedene Klimazonen ermöglicht, sondern auch, indem es die Bewohner dazu ermuntert, sich mit dem leicht anzupassenden System auseinanderzusetzen und es sich anzueignen, dadurch die eigene Subjektivität zu erfahren und es als Erweiterung der eigenen Person, als etwas Eigenes zu begreifen. Das Instrumentarium dafür ist denkbar simpel: Sichtbetondecken, Böden aus geöltem Beton, nirgends Leuchten, dafür aber reichlich mit Zwischenschaltern versehene Steckdosen, mehrere Wasseranschlüsse, minimale Abschottung nach außen, keinerlei Fensterläden, Trennwände aus Beton oder Gipskarton, Schiebetüren, Vorhänge als mobile Wärmedämmung. Der Bewohner ist vollwertig in die Raumbewirtschaftung miteinbezogen. Es ist an ihm, visuelle Tiefe und Flexibilität zu organisieren – die er sich gönnen kann oder auch nicht –, indem er Trennwände einfügt oder die Räume offen lässt, sich akustisch abschottet oder ungehinderte Schallausbreitung hinnimmt, sich auf eigene Art in den ungeheizten Wintergärten einrichtet, nach Gutdünken die Sonnenenergie einfängt und hinter zugezogenen Vorhängen für die Nacht konserviert.
Jeder Bewohner ein Forscher – das ist eine ehrgeizige und auf lange Sicht hin ausgelegte Herangehensweise, denn sie verlangt einen radikalen Wandel der Haltung, die gemeinhin dem Wohnen entgegengebracht wird. Es gilt, sich von den Gewohnheiten des traditionellen Wohnens, mit seinen gleichartigen, von der Außenwelt abgeschnittenen Einzelräumen, freizumachen, genauso wie von der uns selbstverständlich erscheinenden Definition von Komfort. Die 23 Wohnungen in Trignac setzen auf eine Kultur des Kontrasts und des Austauschs mit der Umgebung als Motor einer neuen inneren Dynamik. Was sich in der Außenwelt tut, kann nach innen dringen: das Prasseln des Regens auf dem Aluminiumdach, ein Windhauch im Wintergarten, Sonnenwärme hinter den Scheiben. Das Innenraumklima folgt eben nicht beständig der Laune des Bewohners, sondern macht die Jahres- und Tageszeiten erlebbar. Die Architektur von Lacaton & Vassal bildet den Rahmen für die Überlagerung des menschlichen Verhaltens mit den Naturerscheinungen und der gebauten Umgebung, sie offeriert beherzt Anreize und Voraussetzungen dafür, dass »etwas« entstehen kann. Und es entsteht tatsächlich etwas: Alle Bewohner sind überaus froh, einfach nur viel Platz zu haben. Sie sind in vollem Bewusstsein ihrer Freiheiten und entwickeln auch tatsächlich einige Fantasie. Von einer der Familien waren derart hymnische Äußerungen zu vernehmen, dass sie in einem Fachartikel nichts anderes als übertrieben wirken würden. In Gesprächen wird immer wieder betont, wie fundamental wichtig es angesichts der schaurigen städtebaulichen Situation ist – so abgeschnitten von jeglichem städtischen Leben –, viel Raum und Fläche zur Verfügung zu haben. Denn für die Kinder ändert das alles, auch für die Haustiere, für das Zusammenleben als Paar oder alleinerziehende Mutter. Es ist extrem viel wert, den Raum zu haben, einmal in Frieden eine Zigarette rauchen zu können, ohne jemanden zu stören. Die meisten Bewohner waren sofort begeistert und akzeptierten gewisse Abstriche. So kommen auf die Mieter nun doch um etwa 10 % höhere Heizkosten zu – bei doppelter Wohnfläche, wohlgemerkt.
Jenes Mehr, das gebraucht wird, um tun und lassen zu können, was man will, liegt glücklicherweise jenseits nachbarschaftlicher Begehrlichkeiten und regelt zudem die Fragen des Zusammenlebens in einem beengten Quartier. Die Bewohner genießen es, von ihren Freunden zu ihrer Wohnung beglückwünscht zu werden. Es fällt ihnen viel leichter, Gäste zu sich einzuladen. Durch die neuen Möglichkeiten bereichert sich ihr Leben wesentlich, die Veränderung bringt ihnen enormen Auftrieb. Das liegt an der mitreißenden und feinsinnigen Arbeit von Lacaton & Vassal. Man muss nach Trignac fahren und mit eigenen Augen sehen, wie die neue Umgebung das Leben und das Denken der Menschen verändert. Sicher gibt es einige, die damit nicht so viel anfangen können, die z. B. der rohe Beton abschreckt. Aber sie alle sind einfach glücklich, eine richtig große Wohnung zu haben. •
  • Standort: Allée Gilbert Bécaud, F-44570 Saint-Nazaire Bauherr: Silène Habitat, HLM de St Nazaire Architekten: Lacaton & Vassal Architectes, Paris, Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal Mitarbeiter: Julien Callot (Projektleitung), Xin Huang Tragwerksplanung (Beton): PLBI, Orvault Tragwerksplanung (Metall): C.E.S.M.A., Mérignac HLS-Planung: CARDONNEL Ingénierie, Saint-Pierre-du-Perray Akustikberatung: Jourdan, Montpellier Nutzfläche: 2863 m² (Wohnfläche, Wintergarten, Garage) Baukosten: 2,3 Mio. Euro (netto) Bauzeit: September 2009 bis November 2010
  • Beteiligte Firmen: Betonarbeiten: Donada, Orvault Gewächshäuser: Gilloots, Égreville, www.serres-gilloots.fr Wärmeschutzvorhänge: Renovinyl, Locmariaquer, www.serres-gilloots.fr

  • Trignac (F) (S. 32)

    LACATON & VASSAL architectes
    Anne Lacaton 1955 geboren. 1980 Architekturdiplom in Bordeaux, 1984 Diplom in Städtebau. Seit 1989 gemeinsames Büro mit Jean Philippe Vassal. Seit 2007 Gastprofessur in Madrid und an der EPF Lausanne (CH).
    Jean Philippe Vassal 1954 in Casablanca (MA) geboren. 1980 Architekturdiplom in Bordeaux. 1980-85 Tätigkeit als Stadtplaner in Niger. Seit 1989 gemeinsames Büro mit Anne Lacaton. Seit 2007 Gastprofessur an der TU Berlin und an der EPF Lausanne.
    Karine Dana
    1997 Diplom an der Ecole d’Architecture de Paris-Malaquais. Seit 2003 Ausstellungskonzeptionen, Buchveröffentlichungen und Tätigkeit als Architekturjournalistin.